GALILEO GALILEI durch Frank Castorf

Premierenkritik Brecht, Artaud u.v.m. in einem 6-stündigen Abend am BE - mit Jürgen Holtz in der Titelrolle
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Prinzipiell bleibt festzustellen, dass jenes Gesellschaftsbessernde, was Brecht sich (seit er 1926 den Begriff des epischen Theaters prägte) insbesondere von seinem Publikum erhoffte, spätestens nach der politischen weil wirtschaftlichen Kollabierung des gesamten Ostblocks (Stichwort "Wende") nicht nur bei uns Ostlern nicht mehr richtig griff; Bananen statt Bücher war der neue Bauchwunsch. Sowieso bevölkern Revoluzzer seltner das Theater als vielmehr die Straße; und ich würde gern mal eine von den Gelben Westen fragen wollen, was sie wohl von Brecht hält oder ob sie den Besagten überhaupt dann kennt. Nun ja, inzwischen leben wir - die Nutznieser als wie Verlierer eines wie auch immer (miss-)verstandenen Neoliberalismus - in einer Zeit, die irgendwie an Zeiten kurz vor einem Abgrund (Tanz auf dem Vulkan, wie es dann immer so schön heißt) gemahnt; und nicht von ungefähr gefällt Frank Castorf die TV-Serie vom Babylon Berlin: Da gibt es eine Szene, die im Theater am Schiffbauerdamm (dem heutigen BE) spielt, wo der französische und der deutsche Außenminister am 31. August 1928 (dem Tag der Uraufführung der Dreigroschenoper) in der Mittelloge sitzen, und Briand fragt Stresemann, auf den ein Attentat stattfinden soll, wie lange denn die Vorstellung noch ginge oder so...

Brechts Leben des Galilei (1939) ist - und da hat Castorf völlig Recht - ein "historischer Schinken mit 'ner schönen Rolle". Diese jetzt und aktuell mit dem fast 87-jährigen Jürgen Holtz besetzt zu haben, scheint der von den tiefliegenden wohl noch tiefliegendere Motivationsgrund gewesen zu sein, dass sich der Ex-Volksbühnenintendant auf das nunmehr schon zweite BE-Großprojekt, seitdem Oliver Reese hier geschäftsführend am Zuge ist, einließ.

Zu guter Letzt wird noch aus Brechts amerikanischen Galilei-Fassung von 1945 befunden und zitiert - aus jener Zeit kurz nach den zwei Atombombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki; und an die Verantwortung des Wissenschaftlers sollte da im Nachhinein noch einmal kräftigst appelliert werden - - und heutzutage, wenn man also heute [gestern: 19. Dezember 2019] diesem moralisierenden Brechtsound lauscht, fragt man sich umso mehr und hoffnungsloser: Was hat dieses viele Appellieren eigentlich gebracht? Die Welt um uns herum scheint gänzlich aus den Fugen, vom menschausradierenden Atomkrieg sind wir zwar verschont geblieben, doch Laborzüchtungen eines "neuen" Menschen finden längst schon statt...

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Castorf hat diesmal 'nen Container mit Texten von Antonin Artaud (aus dem Umkreis seines Theaters der Grausamkeit) aufs Nebengleis gestellt und ab und zu in Fahrt gebracht. Der kollidiert zwar nicht mit den zumeist ironisch-distanziert jedoch de facto brav O-textig aufgesagten Brechtstellen, sorgt aber dafür umso mehr für eine nicht nur geistig auffrischendere Bereicherung des sich doch wieder ziemlich lange hingezog'nen 6-stündigen Abends. Konsequent ließ Castorf sein Projekt mit Das Theater und die Pest beuntertiteln -Galileo Galilei erscheint zwar fetter und auch großlettriger, "sauber" ist jedoch (und zur Umgehung eines hoffentlich nicht neuen urheberrechtlichen Kriegsnebenschauplatzes) annotiert: "von und nach Bertolt Brecht mit Musik von Hanns Eisler".

Apropos Eisler.

Stefanie Reinsperger (als Frau Sarti) tritt sogleich - inmitten jener fulminant vom splitternackten Holtz und dem mit frischer Milch und kindgerechter Unbedarftheit anbewaffneten Rocco Mylord (als Andrea Sarti) gespielten Eingangsszene - als Eisler singende Walküre auf, und sachkundige Bayreuther im Publikum würden vermutet haben, dass sie sich von Catherine Foster (Castorfs Chef-Brünnhilde seines legendären Rings) gecoacht haben lassen könnte.

Galileis kleingeistigen "Familienkosmos" komplettieren Sina Martens (als Virginia), Jeanne Balibar (als Ludovico Marsili) und Andreas Döhler (als Sagredo); und Bettina Hoppe ist (als wer?) auch mit dabei... Diese Genannten stehen selbstverständlich noch für eine Vielzahl weiterer, auch außerhalb von Brecht, Agierender als deren RollenträgerInnen zur Verfügung.

Balibar & Döhler spielen beispielsweise, peu à peu, in ihrem live gefilmten Großduett (Kameras: Deinert, Klütz und Krottenthaler) Das Theater und die Pest, das untertitelgebende Artaud-Hörspiel.

Zuvor smalltalken Wolfgang Michael / Aljoscha Stadelmann das Eine und das Andere (auch zu den Themen Pest, Inquisition, Cognak für Castorfs Vater) - nach der Pause tun sie übrigens eine der Folterbänke der katholischen Kirche, worauf es sich Balibar etwas gemütlich machen will, fachsimpelnd inspizieren.

Aleksandar Denićs historisierender Bühnenraum fällt dieses Mal durch sein spektakuläres Riesenfernrohr, das zudem begehbar war, besonders auf. Bis zu der allerletzten von den 16 Stückszenen muss man abwarten bis der prall gefüllte Kleider- und Kostümschrank Adriana Braga Peretzkis vollständig leergeplündert ist.

Und Jürgen Holtz hält die sechs Stunden durch; womöglich wird man in den Folge-Vorstellungen "etwas kürzen" müssen, um sein unbeschadetes Weiter-Mitwirken zu gewährleisten, denn so ein Abend schlaucht und zehrt.

Wer soll das auf die Dauer aushalten?

Ich, einer von den Fans des Castorf'schen Total-Theaters!

[Erstveröffentlicht auf KULTURA-EXTRA am 20.01.2019.]

GALILEO GALILEI (Berliner Ensemble, 19.01.2019)
DAS THEATER UND DIE PEST
von und nach Bertolt Brecht mit Musik von Hanns Eisler

Regie: Frank Castorf
Bühne: Aleksandar Denić
Kostüme: Adriana Braga Peretzki
Musikalische Einstudierung: Jörg Gollasch
Licht: Ulrich Eh
Sounddesign: William Minke
Videodesign: Jens Crull und Andreas Deinert
Live-Kamera: Andreas Deinert, Mathias Klütz und Kathrin Krottenthaler
Dramaturgie: Frank Raddatz
Künstlerische Produktionsleitung: Sebastian Klink
Besetzung: Jürgen Holtz, Andreas Döhler, Jeanne Balibar, Bettina Hoppe, Sina Martens, Wolfgang Michael, Rocco Mylord, Stefanie Reinsperger, Aljoscha Stadelmann und die StatistInnen Julia Boxheimer, Rayk Hampel, Birgit Heinicke, Ivana Jenjic, Natalja Pickert und Ralf Tempel
Premiere war am 19. Janar 2019.
Weitere Termine: 20., 26., 27.01. / 10., 16., 17.02.2019

18:04 20.01.2019
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Andre Sokolowski

Andre Sokolowski ist Herausgeber und verantwortlicher Redakteur von KULTURA-EXTRA, das online-magazin
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