Gesamtkunstwerk mit VA Wölfl / NEUER TANZ

Tanz im August "von mit nach t: No 2" im Haus der Berliner Festspiele
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Vor acht Jahren staunten wir nicht schlecht über die avantgarde Truppe NEUER TANZ, die damals ihre (und allein vom Titel her) kaum dechiffrierbare Performance 12 / ... im linken Rückspiegel auf dem Parkplatz von Woolworth mit der wahrlich hochgenial wirkenden Chor(e)grafie von VA Wölfl im Haus der Berliner Festspiele zum Besten gab. Nun waren sie erneut beim Festival TANZ IM AUGUST, an gleicher Stelle übrigens, zu Gast und boten diesmal ihr nicht minder irritierend-kompliziert betiteltes Stück "von mit nach t: No 2" - - doch wozu gibt es eigentlich Erklärungstexte; also:

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"...nachgestellt wird die Erschießung des US-Senators Robert Kennedy in 1968: (...)
Jeder Abend ist ein Happening und die Bühne der Ort ästhetischer Grundlagenforschung. Und so passt bei VA Wölfl zusammen, was nicht oft zusammen gehört: Das Ensemble kombiniert Militaria mit Ballettübungen, Engelsflügel mit Gewalttätigem, Sphärenklänge und Klassik mit Blues und die Bühne wird nach Le Corbusiers Farbenklaviaturen in monochrom leuchtende Lichtstimmungen gehüllt. Mal posieren die Tänzerdarsteller*innen als Astrophysiker, mal als Filmstars, oder sie prügeln.
Es wird geschossen – und immer wieder CHACHACHACHACHACHA."
(Quelle: tanzimaugust.de)

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Aha.

Zwei Dutzend Mitwirkende - einschließlich des Künstlers VA Wölfl (72) - weist der spärliche Besetzungszettel auf.

Die bildkünstlerische Ausstattung umfasst drei Riesenleinwände links, rechts und hinten; zwei nicht zueinander gehörige Hälften einer zerborstenen Pkw-Karosse, zwei Jukeboxen, zwei Flachbildschirme, einen Body Slimmer, Mikrofone usf. Der Lichtraum wechselt in pastellenen Spektralfarben.

Die Tänzerinnen und Tänzer sind überwiegend mit je einer Knarre in der rechten und je einer Bibel in der linken Hand "bewaffnet".

Das Zentralbild resp. die Zentralszene (= die Kennedy-Ermordung; s.o.) sind von einer schier gesamtkunstwerklichen Faszination und Aura: Alle, Männer als wie Frauen, tragen sauteuere weiße Brautkleider und "stellen" so ein unvergesslich-schön ausschauendes Chor-Stilleben.

Wir frag(t)en uns bald nicht mehr nach dem Sinn. Es sah halt schön und unvergesslich aus - das sollte und das musste reichen!!

Mega-Gag am Schluss: Eine Japanerin (die vorher bereits zweimal, mindestens, gesichtet worden war) durchschritt den Bühnenraum diagonal von rechts nach links und blieb hinter 'nem Mikro stehen, sagte "Sayonara" und... begann durch eine anhaltende Schnarchattacke für die allmähliche Saalleerung zu sorgen; ungefähr nach einer Viertelstunde waren schließlich nur noch VA Wölfls hartgesottenste Top-Fans auf ihren jeweiligen Sitzen abverblieben. "PPS" nannte sich das im Übrigen.

Halt Biennale.

[Erstveröffentlicht auf KULTURA-EXTRA am 20.08.2016.]

Tanz im August

"VON MIT NACH T: NO 2" (Haus der Berliner Festspiele, 20.08.2016)
Chor(e)ographie: VA Wölfl
Mit: Alfonso Bordi, Montserrat Gardó Castillo, Petr Hastik, Jenna Hendry, Naoko Hoshino, Ondrej Krejci, Nicholas Mansfield, Maki Masamoto, Robin Rohrmann, Kristian Schäfer, Kristin Schuster, Yuki Takimori / Jürgen Grohnert, Achim Niekel, Thomas Schneider, Wolfgang Wehlau, Marco Wehrspann, Emanuel Wittersheim, Björn Zach / Irina Castillo, Gisela Dornemann, Harriet von Frohreich, Anastasia Olfert / VA Wölfl

Tanz im August

10:10 21.08.2016
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Geschrieben von

Andre Sokolowski

Andre Sokolowski ist Herausgeber und verantwortlicher Redakteur von KULTURA-EXTRA, das online-magazin
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