HALLELUJAH (EIN RESERVAT) von Marthaler & Co.

Theaterkritik Country-Feeling in der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz
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Die Fangemeinde Christoph Marthalers war, ist und bleibt sehr groß. Seine Skurrilprojekte sind schier magisch-magnetistisch. Immer (oder meistens) weißt du, falls du ihnen beizuwohnen wünschst, woran du mit der Truppe - oft nannten und nennen wir sie daher schlicht und einfach: Marthalerfamilie - bist; sie unterhält dich mittels textlicher Musik oder gemusiziertem Text. Oft wirst du Zeuge irgendwelchem Nonsens' und bist dir am Schluss des Abends nicht ganz sicher, ob sie sich höchstselbst bzw. dich (sprich uns: die Rezipienten) lediglich verarschen wollte. Stets begegnest du dem Ganzen, und wie "sinnlos" es im Ganzen dann auch sein mag, mit geneigtem Wohlwollen. Du weißt halt ganz genau, da sind Perfektionisten angetreten, die von ihrem Job etwas verstehen. Marthaler bedeutet auch: Musiktheater pur.

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In Hallelujah (Ein Reservat) haben wir es nunmehr mit einer musikalisch-theatralischen Beschäftigung rundum die sog. Indianistik, einem pseudo-/enklavwissenschaftlichen Betätigungsfeld von bevorzugt in der untergegangnen DDR beheimateten Enthusiasten, zu tun; diese Bewegung kam fast parallel zu der jahrzehntelangen DDR-Indianerfilmreihe (mit Gojko Mitic) auf, und Hildegard Alex - Ex-Volksbühnenstar par excellence - , die in dem Hallelujah-Stück eine "ehemalige Mitarbeiterin des Kassenwesens"(im Ex-Freizeitpark des von Anna Viebrock bühnenbildhaft stilisierten Ostberliner Plänterewalds) zu spielen hat, versucht in ihrem Kassenwagenmonolog so was wie eine inhaltliche Brücke zwischen Kurzvita und DDR (= Plänterwald) zu bauen, was schlussendlich "nur" der anwesende Ossi (= Ex-DDRler) einordnender Weise nachvollziehen konnte oder kann.

Stefanie Carp und Malte Ubenauf, die beiden Dramaturgen dieses neuen Marthalerprojektes, stückelten zig O-Zitate aus zig O-Texten von zig O-Texturhebern zusammen und vermeinten so, ihrem so eigentlichen Grundthema "Schweizer im Wilden Osten" zu begegnen. Das geriet etwas behäbig und ging nur in groben Zügen auf: Urschweizer Ueli Jäggi fasst das Alles wenigstens in einen monologisch abgefassten Rahmen, wonach er sich als Investor für 'nen neuen Plänterwald nach disneyländisch anmutenden Mustern ausgibt - darum ging es also? oder doch nun wieder nicht??

Auf alle Fälle kriegten alle Stars der Marthalerfamilie inkl. Gäste (Patrich Güldenberg und Lilith Stangenberg z.B.) jeweils einen großen Auftritt, mindestens. Klavier- und Keyboard-Hauptstar Clemens Sienknecht hatte die musikalischen Fäden in der Hand, und Hardy Kayser spielte die Gitarre.

Viel, viel (zu viel) Country übrigens den lieben, langen Abend lang.


[Erstveröffentlicht von Andre Sokolowski am 28.02.2016 auf KULTURA-EXTRA.]

HALLELUJAH (EIN RESERVAT) / Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, 27.02.2016
Regie: Christoph Marthaler
Bühne und Kostüme: Anna Viebrock
Musikalische Leitung: Clemens Sienknecht
Licht: Henning Streck
Ton: Klaus Dobbrick
Dramaturgie: Stefanie Carp und Malte Ubenauf
Besetzung:
Hildegard Alex (Ehemalige Mitarbeiterin des Kassenwesens), Tora Augestad (Ehemalige Country-Sängerin), Marc Bodnar (Ehemaliger Franzose), Raphael Clamer (Ehemaliger Tiergeist), Patrick Güldenberg (Ehemaliger Verirrter), Olivia Grigolli (Ehemalige Abenteurerin mit Zelt), Ueli Jäggi (Ehemaliger Fahrgeschäftsspezialist), Hardy Kayser (Ehemaliger Country-Gitarrist), Katja Kolm (Ehemalige Managerin der Schwarzen Mamba), Clemens Sienknecht (Ehemaliger Dean Reed-Darsteller) und Lilith Stangenberg (Ehemalige Dauerkartenbesitzerin)
Uraufführung war am 18. Februar 2016
Weiterer Termin: 3. 3. 2016

19:42 28.02.2016
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Geschrieben von

Andre Sokolowski

Andre Sokolowski ist Herausgeber und verantwortlicher Redakteur von KULTURA-EXTRA, das online-magazin
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