Ingo Metzmacher dirigierte DIE JAKOBSLEITER

Musikfest Berlin Schönbergs Oratorienfragment mit dem DSO und dem Rundfunkchor Berlin
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Da wo Ingo Metzmacher zu Werke ist, gibt es wohl immer Außerordentliches - so war es in Hamburg, wo er jahrelang als GMD der Staatsoper fungierte, und so war es auch beim Deutschen Symphonie-Orchester, das er nach Nagano und vor Sokhiev leitete; die zwei Ausnahmeposten schmiss er seiner Zeit krachender Weise hin, was nicht am musikalisch-künstlerischen Potenzial beider Institutionen lag, es existierten Gründe (Widerstände) prinzipieller Art, ja und da war und ist er unerbittlich konsequent.

Mit Fug und Recht darf heute schon behauptet werden, dass das DSO-Konzert von gestern Abend das wohl wichtigste und sowieso markanteste des laufenden MUSIKFESTES BERLIN gewesen sein wird und wohl auch gewesen war; also:

Es gab Die Jakobsleiter Arnold Schönbergs!

Dieser wollte, wie er 1922 meinte, ein Oratorium schreiben, "das als Inhalt haben sollte: wie der Mensch von heute, der durch den Materialismus, Sozialismus, Anarchie durchgegangen ist, der Atheist war, aber sich doch ein Restchen alten Glaubens bewahrt hat, schließlich dazu gelangt, Gott zu finden und religiös zu werden. Beten zu lernen!"

O mein Gott, wie furchtbar aktuell dieses Fragment im Angesicht der völlig durcheinander geratenen Welt, wie wir sie derzeit wahrnehmen, doch ist!! Gut also, dass es ausgerechnet jetzt und heute zur Erinnerung und Mahnung (s.o.) nachgereichte.

An Moses und Aron kommt das Schönberg-Oratorium freilich nicht ganz ran - dort (bei dem Moses) gibt's Dramatik bis zum Bersten, wenn man sich allein den Aufruhr um das Goldne Kalb assoziiert. Hier jetzt (bei Jakobsleiter) wird dann allenthalben diese ewig große Waage à la "wie man's macht, ist es verkehrt" bemüht, und zwar sehr kapitulativ. Symboliken, Metaphern ohne Unterlass. Ja und die sog. Himmelsleiter tut sich so als "Sinnbild für den Aufstieg der Seele aus dem Gefängnis des Menschseins hin zur Freiheit Gottes"ausdeuten, wie es uns Habakuk Traber (im Programmheft der Berliner Festspiele) kurzum vermittelte.

Auch musikalisch bietet Schönbergs Jakobsleiter nicht viel "Abwechslung". Außer dem Dauermahntonigen aus der Kehle des Erzengels Gabriel (Thomas E. Bauer deklamierte ihn) erfolgen nach und nach ermüdende und immer mehr ermündende Replik- bzw. Monologeinsprengsel von so Leuten, die sich "ein Berufener", "ein Aufrührerischer", "ein Ringender" sowie "der Auserwählte", "der Mönch" und "der Sterbende" (von Edda Moser sprechgesanglich hochgeleitert) nennen. Unter-/übermalt wird alles das perfektgesanglich durch den Rundfunkchor Berlin.

Das einzig Aufhorchende allerdings: jenes Große Symphonische Zwischenspiel mit vier Fernensembles - von dem Metzmacher an vier diverse Standorte in dem gesamten Rund des Hans-Scharoun-Baus aufplatziert. Doch leider bricht dann plötzlich - halt Fragment - die Jakobsleiter ungeendet ab.

Enormer Aufwand, großer Beifall!!

* * *

Vor der Pause spielten die Streicher des DSO das Shaar-Stück von Iannis Xenakis - wow, das klang schon toll!!!

Und Wiebke Lehmkuhl sang die Kindertotenlieder Gustav Mahlers - schlicht, verhalten, traurig bis zum Geht-nicht-Mehr.

*

Das Deutsche Symphonie-Orchester ist, wie eindeutig zu hören war, derzeit in absoluter Höchstform, und wir hoffen, dass sich bald die Suche nach 'nem neuen künstlerischen Leiter angemessen gut gestaltet - nein, da kann und darf jetzt nicht so irgendwer von irgendwo, nur weil es schnell geh'n muss, ins Amt gehieft werden; wir wollen einen Würdigen = wenigstens einen mit 'nem ähnlichen Profil wie Metzmacher es dereinst "hier" gehabt hatte; das war'n noch Zeiten!


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Ingo Metzmacher | © Harald Hoffmann

[Erstveröffentlichung von Andre Sokolowski am 18.09.2015 auf KULTURA-EXTRA]

MUSIKFEST BERLIN (Philharmonie, 15.09.2015)
Iannis Xenakis: Shaar für großes Streichorchester
Gustav Mahler: Kindertotenlieder für Mezzosopran und Orchester
Arnold Schönberg: Die Jakobsleiter (Fragment)

Besetzungen:

Kindertotenlieder
WIEBKE LEHMKUHL, Alt

Die Jakobsleiter
THOMAS E. BAUER, Bariton (Gabriel)
DANIEL BEHLE, Tenor (Ein Berufener)
MATTHIAS WOHLBRECHT, Tenor (Ein Aufrührerischer)
ADRIAN ERÖD, Bariton (Ein Ringender)
BOAZ DANIEL, Bariton (Der Auserwählte)
GERHARD SIEGEL, Tenor (Der Mönch)
EDDA MOSER, Sopran (Der Sterbende)
YEREE SUH, Sopran (Die Seele)
ALEXANDRA STEINER, Sopran (2. Seele)
BARBARA KIND, Sopran (3. Seele)
sowie die Chorsolisten
ANNE BRETSCHNEIDER, Sopran
ISABELLE VOSSKÜHLER, Sopran
CHRISTOPH LEONHARDT, Tenor
HOLGER MARKS, Tenor
RUNDFUNKCHOR BERLIN
ANNE KOHLER, Einstudierung
GIJS LEENAARS, Chefdirigent

DEUTSCHES SYMPHONIE-ORCHESTER BERLIN
INGO METZMACHER, Leitung

02:43 18.09.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Andre Sokolowski

Andre Sokolowski ist Herausgeber und verantwortlicher Redakteur von KULTURA-EXTRA, das online-magazin
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Andre Sokolowski

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