Israelisches Kino: EIN TAG WIE KEIN ANDERER

Filmkritik Asaph Polonsky (Buch und Regie) erzählt vom Trauern eines Vaters über seinen toten Sohn
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Was tun, wenn einem Elternpaar das Kind weg stirbt? Eyal (Shai Avivi) und Vicky (Evgenia Dodina), beide in den Fünfzigern - sie, scheint es, etwas jünger noch als er - ergeht es so. Sie haben Ronnie Spivak (1990-2015), ihren einzigen Sohn, verloren; man erfährt nur ungefähr, dass dieser sterbenskrank gewesen sein soll. Bis zum Lebensschluss muss er in 'nem Hospiz gelegen haben. Und sein Vater ist im Nachhinein noch auf der Suche nach der bunten Zudecke, die von Zuhause war.

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"Die Schiv'a (hebr. שבעה von שבע = „sieben“) ist im Judentum die Zeit der Trauer in der ersten Woche unmittelbar nach dem Begräbnis von Eltern, Ehegatten, Geschwistern oder eines Kindes (vgl. Gen 50,10 EU), die für die Hinterbliebenen nach der Beerdigung beginnt.
Die Trauernden bleiben eine Woche lang zu Hause. Verwandte, Freunde und Bekannte lassen sie in ihrem Schmerz nicht allein, sondern sichern ihnen Liebe, Unterstützung und Aufmerksamkeit zu, sorgen für ihre Bedürfnisse und trösten sie..."

(Quelle: Wikipedia)

Kurz nach Verbleichen dieser rituellen Zeit [s.o.] setzt die so wundersam leicht-licht gestrickte Tragikomödie von Asaph Polonsky über einen exemplarischen Fall gelebter "Trauerarbeit" im heutigen Israel ein. Im Mittelpunkt steht mehr der Vater (als die Mutter) des Verstorbenen - und selbiger mutiert in seiner fassugslosen Ohnmacht über das so urplötzlich auf ihn hinabgestürzte "Schicksal" justament zu einem Jungen, der vielleicht oder bestimmt sogar im Frühlingsblütenalter von so schätzungsweise 25 Jahren sich befinden könnte oder muss, zurück; der Filmtrick funktioniert fantastisch!

Assistiert oder heraufbeschworen wird die prompte Mutation von/durch den Nachbarssohnemann Zooler (Tomer Kapon), der Sushi ausfährt und in seiner Freizeit Luftgitarre spielt... Eyal lässt sich von ihm Jointdrehen zeigen, und auch so lässt er sich mit ihm ein... Am Ende dieses explosiven Zeitraffers befinden sie sich beide auf dem Friedhof, wo die Grabstätte von Ronnie ist und neben der der Vater dann die beiden Grabstätten von sich und seiner Frau beim Friedhofswärter rerservieren will; aber der Platz ist halt bereits vergeben - ganz konkret für die gerade erst Verstorbene, auf deren Totenfeier sie (Eyal & Zooler) sich rein zufällig befinden; und ein schauspielerndes Kabinettstück liefert dann noch Uri Gavriel (als Refael), der seinerseits durch ablenkungsmanövrig unentfernbar Zeichen setztende Vogelscheiße auf der Windschutzscheibe seines Autos vor dem seelischen Totalzusammenbruch gottlob nochmal bewahrt zu werden schien...

Dass das so plötzlich ausweglose Leben nach dem urplötzlichen Tode eines Liebsten plötzlich wieder lebenswert oder sogar noch lebenswerter als es vorher war gelebt zu sein verdient - DAS ist die Lehre dieses wunderschönen Films.

[Erstveröffentlicht auf KULTURA-EXTRA am 10.05.2017.]

09:10 10.05.2017
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Geschrieben von

Andre Sokolowski

Andre Sokolowski ist Herausgeber und verantwortlicher Redakteur von KULTURA-EXTRA, das online-magazin
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