ISTANBUL von Nuran David Calis

Uraufführung Das Schauspiel Köln versucht - nach all dem Referendumsknatsch der letzten Monate - eine "Wiederannäherung" zwischen in Köln (und Deutschland) lebenden Türken & Deutschen
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Vor einem Jahr hatte der Regisseur und Autor Nuran David Calis mit den Glaubenskämpfern am Schauspiel Köln schon mal versucht, diverse Lebensmodelle, -an- und -aussichten durch "ganz normale" Vertreter der drei monotheistischen Religionen irgendwie plausibel also nachvollziehbar werden zu lassen. So was klappt dann meistens, wenn man ausgesuchte Menschen d'rüber reden lässt - das scheinbar Unversöhnliche oder sich gänzlich Widersprechende der nicht nur religiös sondern auch ideologisch ge-/missbrauchten "Richtungen" sollte uns Zuschauer und Quasi-Mit-Betroffene an das gemahnen, was da momentan (in seinen glaubenskämpferischen Auswirkungen) in der Welt so alles los ist; Ismet Büyük, Ayfer Sentürk Demir und Kutlu Yurtseven waren damals schon in live dabei.

Jetzt - beim Projekt um Istanbul (Premiere war dann gestern Abend) - wird diegleiche Masche strapaziert:

Eingebetteter Medieninhalt
"Es ist noch nicht lange her, da war Istanbul das Symbol für eine freie und weltoffene Türkei und zugleich vielbesungener Sehnsuchtsort für viele der in Deutschland lebenden Menschen mit türkischen Wurzeln. Fast schien die Stadt am Bosporus mit ihrer zwei Kontinente verbindenden Brücke dabei die europäischste Stadt überhaupt zu sein. Doch seit dem Putschversuch vom 15. Juli 2016 und den politischen Reaktionen der Erdoğan-Regierung ist auch in Istanbul nichts mehr so, wie es war. Oder hat sich nur unser Blick verändert?(...)
Auch in Istanbul werden wieder Anwohner und Geschäftsleute aus der Kölner Keupstraße zusammen mit Ensemblemitgliedern des Schauspiel Köln auf der Bühne stehen. Gemeinsam berichten sie davon, welche Auswirkungen die Ereignisse in der Türkei auch in Deutschland haben, was es heißt, um das Lebensgefühl einer Stadt zu trauern, wie es ist, plötzlich seinem Nachbarn misstrauen zu müssen und wie kostbar Freiheit in bewegten Zeiten geworden ist."
(Quelle: schauspiel.koeln)

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Aber so "harmlos" und in guter Tee-Stimmung verlaufen diesmal die Gespräche nicht, und insbesondere der Schauspielerin Ines Marie Westernströer will da urplötzlich der Kragen platzen, wenn sie - hinsichtlich des für "uns Deutsche" unnachvollziehbar-bejahenden Abstimmungsverhaltens einer Mehrzahl der türkischen Community zum verfassungsändernden Referendum (mitterweile auch schon wieder abgehakte türkische Geschichte) - ihre ergo "unsre" abendländischen Klischees unter das türkischstämmige Gesprächsvolk auszustreuen willens ist, dass nämlich nicht verstanden würde, wenn in Deutschland (also in der deutschen Demokratie) lebende Türken ihren Landleuten in der Türkei eine von einem Autokraten ausgehebelte (noch-)demokratische Staatsform zugunsten einer autokratischen Despotie o.s.ä. an den Hals zu wünschen gedenken - worauf Ismet sinngemäß dann zu verstehen gibt, dass uns das eigentlich ja gar nichts anginge, und wir verstünden Demokratie sowieso nur so, wie wir sie halt verstehen wollten, ja und hin und her...

Der Schriftsteller Doğan Akhanlı steht ebenfalls - wie überdies der Schauspieler Seán McDonagh - auf der Besetzungsliste. Ihm verdanken wir die wohl persönlichsten Verlautbarungen eines Mannes, der nach dem Militärputsch 1980 als politischer Häftling im Militärgefängnis in Istanbul inhaftiert gewesen war, wo er dann auch gefoltert wurde; seine rückerinnernden Aussagen lassen einem schon in schierer Atemlosigkeit zurück.

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Und gegen Ende des Theaterabends fand über dem Depot 1 ein zünftiges Gewitter statt - als wollte uns Gottvater damit zeichensetzend sagen, dass er eigentlich nur wüten (= Donner) oder heulen (= Regen) könnte, wenn er nebenbei so an die Türken und die Deutschen und das Alles rundherum so denkt und keine Lösung für das Alles findet oder so.

[Erstveröffentlicht auf KULTURA-EXTRA am 14.05.2017.]

ISTANBUL (Depot 2, 13.05.2017)
Regie: Nuran David Calis
Bühne: Anne Ehrlich
Kostüme: Amelie von Bülow
Musik: Vivan Bhatti
Video: Karnik Gregorian
Licht: Jan Steinfatt
Dramaturgie: Thomas Laue
Mit: Doğan Akhanlı, Ismet Büyük, Ayfer Sentürk Demir, Seán McDonagh, Ines Marie Westernströer und Kutlu Yurtseven
Uraufführung am Schauspiel Köln: 13. Mai 2017
Weitere Termine: 16., 30.05. / 01., 05., 13., 20.06. / 01.07.2017

20:52 16.05.2017
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Andre Sokolowski

Andre Sokolowski ist Herausgeber und verantwortlicher Redakteur von KULTURA-EXTRA, das online-magazin
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