JENŮFA an der Staatsoper Unter den Linden

TV-Premiere Sir Simon Rattle dirigierte exzessiv auf die (Eisberg-) Spitze getriebenen Landliebe-Krimi
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Zuvörderst:

Evelyn Herlitzius (als Küsterin) ist die darstellerische Hauptattraktion der durch Damiano Michieletto mit sparsamsten aber effektivsten Stil- und Spielmitteln in einer überdimensionalen Glasvitrine (Bühnenbild: Paolo Fantin) stattgefunden habenden Jenůfa, Janáčeks vor 117 Jahren in Brünn uraufgeführtem Opernthriller, in dem eigentlich "nur" Folgendes geschieht:

Jenůfa (Camilla Nylund) ist von Števa (Ladislav Elgr) schwanger, aber Števa will sie beide nicht, stattdessen buhlt sein Bruder Laca (Stuart Skelton), der von der Jenůfa-Schwangerschaft nichts/ noch nichts weiß, um sie. Die Küsterin - de facto das Familienoberhaupt ihrer zur "Aufzucht" anbefohl'nen Stieftochter Jenůfa sowie ihrer beiden Neffen Števa/ Laca - sperrt Jenůfa nach Geburt ihres unehelichen Kindes vor der Dorfgemeinschaft, die sie als moralische Instanz bis da befehligt hatte, aus und hofft nun, dass der Vater des Jenůfa-Kindes sich zu seiner ehelichen Pflicht im Nachhinein bekennen würde - damit machte sie jedoch die Rechnung ohne Wirt. Also: Die Küsterin beseitigt/ tötet das Jenůfa-Kind... Zum Schluss kommt alles raus; die Küsterin muss ins Gefängnis, Laca heiratet Jenůfa, und die neue Braut von Števa (Evelin Novak) gibt dem Bräutigam den Laufpass, und Jenůfa tut der Küsterin vergeben, ja und alle bleiben sie als Unglückliche durch und durch zurück.

Eingebetteter Medieninhalt

*

Der Staatsoper Unter den Linden - genauso sehr wie alle anderen Musik- und Sprechtheater dieser Welt unter der anhaltenden Pandemie-Fuchtel verzweifelt leidend - ist mit dieser (vorerst bloß auf virtuelle Weise per TV oder per Internet erlebbaren) Eigenproduktion ein sensationeller Extra-Wurf gelungen!

Und das nicht allein, weil Simon Rattle[Katja Kabanowa, 2014; Aus einem Totenhaus, 2011] hier dirigierte und weil unter seiner Leitung wieder mal die Staatskapelle Berlin zu exzessiver Höchstform auflief und weil außerdem der im Parkett und in den Rängen aufgestellte Staatsopernchor (Choreinstudierung: Martin Wright) geradezu perfekt und punktgenau mit dem doch ziemlich weit von ihm entfernten "Restgeschehen" im Orchestergraben oder auf der Bühne harmonierte und auch weil zudem eine Besetzung aufgeboten war, die nichts zu wünschen übrig ließ - nein, nicht nur daher, sondern wegen der (am Bildschirm/ unter Kopfhörern) erlebten und erfühlten insgesamten kollektiven Wuchtigkeit, dieser gesamtkunstwerkigen Besonderheit an sich!

Es ist kein Schöngesang, der einem durch die Ohren geht - aber die von ihm ausgehende und fast einschneidende Klangintensität wirkt derart überzeugend, dass bei den nicht einmal 2 Stunden Hör-/ Zusehdauer wahrhaftig kein Auge trocken bleibt.

Herzrasen, unaufhörlich.

Danke!

[Erstveröffentlicht auf KULTURA-EXTRA am 14.02.2021.]

JENŮFA (Staatsoper Unter den Linden, 13.02.2021)
Musikalische Leitung: Simon Rattle
Inszenierung: Damiano Michieletto
Bühnenbild: Paolo Fantin
Kostüme: Carla Teti
Mitarbeit Kostüme: Giulia Giannino und Carsta Köhler
Licht: Alessandro Carletti
Choreografie: Thomas Wilhelm
Choreinstudierung: Martin Wright
Dramaturgie: Benjamin Wäntig
Besetzung:
Die alte Buryjovka ... Hanna Schwarz
Laca KLemen ... Stuart Skelton
Steva Buryja ... Ladislav Elgr
Die Küsterin Buryjovka ... Evelyn Herlitzius
Jenufa ... Camilla Nylund
Altgesell ... Jan Martiník
Richter ... David Oštrek
Frau des Richters ... Natalia Skrycka
Karolka ... Evelin Novak
Schäferin ... Aytaj Shikhalizada
Barena ... Adriane Queiroz
Jano ... Victoria Randem
Base ... Anna Kissjudit
Staatsopernchor
Staatskapelle Berlin
Stream auf der 3.sat-Mediathek v. 14.02.2021

18:31 14.02.2021
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Andre Sokolowski

Andre Sokolowski ist Herausgeber und verantwortlicher Redakteur von KULTURA-EXTRA, das online-magazin
Schreiber 0 Leser 8
Andre Sokolowski

Kommentare