Joana Mallwitz debütierte in der Hauptstadt

Live-Stream Schuberts "Große Sinfonie" mit dem Konzerthausorchester Berlin
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Das hörende und sichtende Verweilen beim Berliner Live-Stream von Franz Schuberts Großer Sinfonie in C-Dur machte nicht nur deutlich, dass diesem fast einstündigen Opus außer großartiger Wucht vor allem auch mitunter Tänzerisches, Leichtfüßiges, Transparentes und Pointiertes in den allerklügsten Ausgewogenheiten abgewonnen werden kann - vorausgesetzt, dass dann "derjenige", der es zu dirigieren angetreten ist, für derartige Klang- und Interpretationsvielfältigkeiten aufgeschlossen ist; aber wahrscheinlich können so was in der Tat die Frauen noch viel besser als die Männer, und wobei ich schnurstracks bei der eigentlichen Attraktion dieses Konzertes angelangt wäre: dem wohl längst überfällig gewesenen Hauptstadtdebüt der jungen Dirigentin Joana Mallwitz (33)! Und sooft, wie ich die Sinfonie in meinem Leben bis dahin von namhaften Orchestern musizieren hörte und von ebenso namhaften Dirigenten dirigieren sah - so gut und überzeugend, wie das jetzt mit dem Konzerthausorchester Berlin unter der Leitung seines Gasts vonstatten ging, hörte und sah ich es noch nie.

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Mallwitz wurde, als sie 27 Lenze zählte, die bis dahin allerjüngste GMD Europas; diesen Chefposten hat sie z.Z. in Nürnberg inne, vorher war sie am Theater Erfurt in der gleichen Position. In diesem Sommer hatte sie einen bedeutenden Karrieresprung, als sie Così fan tutte bei den [Corona-]Sommerfestspielen in Salzburg einstudierte und sechs Aufführungen dort bestritt. Ihr Repertoire umfasst Sinfonik sowie Oper gleichermaßen, und die Auswahl ihrer Stücke reicht von Verdis Macbeth (in Zürich) über Lehars Lustige Witwe (in Frankfurt) bis zu Wagners Götterdämmerung (in Riga) usw.

Was mir zwingend auffiel, während sie den Zuschauern und Zuhörern ihre halbstündige Konzerteinführung (vor dem Start der eigentlichen Übertragung) präsentierte, war ihr nicht allein beschreibendes sondern v.a. auch erzählendes Talent, also die Art, wie sie dieses doch hochkompakt und nicht gerade "leichtverdauliche" Großstück Musik den Frauen und den Männern und ganz sicherlich sogar den Kindern, die es hiernach freiwillig nach-hören wollten, näher brachte.

Ihre Dirigierweise - falls ich das als beobachtender Laie diesbezüglich richtig mitbekommen haben sollte - wirkt bestimmend klar und über alle Maßen freundlich; die Orchestermitglieder schienen auf alle Fälle - falls ich das den Kameraeinstellungen so 1:1 entnehmen konnte - mit ihr überein zu sein.

Beglückendes Konzert, ganz ohne jede Frage.

[Erstveröffentlicht auf KULTURA-EXTRA am 28.11.2020.]

KONZERTHAUSORCHESTER BERLIN (Konzerthaus Berlin, 28.11.2020)
Franz Schubert: Sinfonie C-Dur D 944 („Große“)
Konzerthausorchester Berlin
Dirigentin: Joana Mallwitz
Live-Stream v. 28. November 2020

23:57 28.11.2020
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Geschrieben von

Andre Sokolowski

Andre Sokolowski ist Herausgeber und verantwortlicher Redakteur von KULTURA-EXTRA, das online-magazin
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