JULIETTE von Bohuslav Martinů

Glosse Rolando Villazón in einer seiner besten Rollen, die er jemals sang (und spielte!)
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Werke des böhmischen Komponisten Bohuslav Martinů (1890-1959) stehen zunehmend im Fokus eines darstellenden-künstlerischen Interesses - in der jüngsten Zeit wurden wir Augen- sowie Ohrenzeugen von Les trois souhaits (in der UdK Berlin), Ariane (durch das DSO) oder dem Gilgamesch-Epos (mit der Berliner Singakademie).

Nunmehr gesellte sich die Staatsoper im Schiller Theater in den Neugierigen-Reigen und nahm sich der surrealistischen Martinů-Oper Juliette (von 1938) an. Regie führte der mit so hochwunderlichen Stoffen allgemein vertraute und erfahrene Claus Guth, die Ausstattung besorgten Alfred Peter / Eva Dessecker. Zudem tat kein Geringerer als Daniel Barenboim das Ganze einstudieren als wie dirigieren - weil er dieses Großprojekt dann halt so wollte:

"Der Buchhändler Michel besucht eine kleine südfranzösische Stadt am Meer. Er ist auf der Suche nach Julietta, einer schönen jungen Frau, die er einst dort traf und begegnet nun einer Gesellschaft, die das Gedächtnis verloren hat und kein Zeitgefühl mehr besitzt. Dennoch findet er die Gesuchte, die jedoch wieder entschwindet. Er verliert sich schließlich, ebenso wie die übrigen Personen in eine surreale Traumwelt, in der Realität und Illusion, Raum und Ort sowie Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nicht mehr zu trennen sind. Es erscheinen Polizisten, Kommissare, Verbrecher, Bettler, Nachtwächter und graue Gestalten und immer wieder auch die Stimme von Julietta, wobei Phantasie und Wirklichkeit ineinander verschmelzen." (Quelle: Wikipedia)

Das Stück: Gaga hoch zehn - hat zwar in etwa einen ungefähren kafkaesken Anspruch, doch der wird nur irgendwie behauptet sprich: Dieses Libretto dilettiert ganz mühseliger Weise vor sich hin und wirkt sodurch dahergekrampft, a-literarisch.

Die Musik: so zwischen Tristan und Pelléas, Janáček und Mahler... Sowieso kamen die nachhaltig-markantesten Impulse eindeutig aus dem Orchestergraben, wo es wogte, rauschte, wisperte, krakeelte - ein verführerisches Ding also für Barenboim; wir hatten schnell begriffen und gefühlt, weswegen er sich ausgerechnet diesen (wahrlich hierzulande wenig oder überhaupt nicht/noch nicht musikalisch ausprobierten) Martinů entdeckerlaunemäßig auf das Pult gelegt hatte. Ja und die Staatskapelle Berlin brillierte hiermit, dass es eine Wonne war dem Allen konzentriert zu lauschen!

Magdalena Kožená, die dieses unergründliche Vexierbild einer multiplikativ vorhandenen Juliette des gleichnamigen und über drei Stunden dauernden Musiktheaters abzuleisten willens war, hatte nicht annähernd so viel zu schuften wie Rolando Villazón, der den geradezu besessen und noch mehr verblödend nach ihr "greifenden" Michel als Rollenstudie ganz nach seiner eigenen Fasson zum Besten gab. Es schien, als handelte es sich um den bisher wohl anspruchsvollsten, um nicht gar zu sagen spektakulärsten Auftritt dieses Ausnahmetenors. Seine Partie ist von schier halsbrecherischer Dimension; Villazón muss ständig voll aus sich heraus und (was gewiss nicht ungefährlich für das Durchhalten des insgesamt dann sieben Mal [seit der Premiere] Abzuschmetternden sein könnte) hoch und höher singen. Gottlob wusste er seinen entwaffnenden Humor als "Distanzierungsschneide" triftig anzubringen - anders hätte er die Anmaßung des Parts (wohl auch für sich persönlich) schwer verkraftet. Ja, wir waren diesmal völlig hingerissen von dem Mann!!

Alles in Allem: Hatte sich zu hören - das vor allem - stark gelohnt.


[Erstveröffentlicht auf KULTURA-EXTRA am 11. Juni 2016.]

JULIETTE (Staatsoper im Schiller Theater, 10.06.2016)
Musikalische Leitung: Daniel Barenboim
Inszenierung: Claus Guth
Bühnenbild: Alfred Peter
Kostüme: Eva Dessecker
Choreografie: Ramses Sigl
Licht: Olaf Freese
Chöre: Martin Wright
Dramaturgie: Yvonne Gebauer und Roman Reeger
Besetzung:
Juliette ... Magdalena Kožená
Michel ... Rolando Villazón
Kommissar / Briefträger / Waldhüter / Beamter ... Richard Croft
Kleiner Araber / 3. Herr / Junger Matrose ... Thomas Lichtenecker
Alter Araber / Altvater Jugend / Alter Matrose ... Wolfgang Schöne
Vogelverkäuferin / 1. Herr / Handleserin ... Elsa Dreisig
Fischverkäuferin / Alte Dame ... Adriane Queiroz
Mann mit Helm / Verkäufer von Erinnerungen / Bettler ... Arttu Kataja
Mann am Fenster / Sträfling / Nachtwächter ... Jan Martiník
2. Herr ... Natalia Skrycka
Lokomotivführer ... Florian Hoffmann
Tänzer ... Oren Lazovski, Alexander Fend, Nikos Fragkou, Uri Burger, Floris Dahlgrün und Victor Villarreal
Staatsopernchor
Staatskapelle Berlin
Premiere war am 28. Mai 2016
Weitere Termine: 14. + 18. 6. 2016

09:35 11.06.2016
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Andre Sokolowski

Andre Sokolowski ist Herausgeber und verantwortlicher Redakteur von KULTURA-EXTRA, das online-magazin
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