Junges Schweizer Kino: HEIMATLAND

Filmkritik Tolles Gedankenspiel: Eidgenossen werden - auf der Flucht vor einer apokalyptischen Gewitterwolke - an der deutschen EU-"Außengrenze" abgewiesen
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An jedem 1. August begehen die Schweizer Eidgenossen ihre Bundesfeier (auch "Bundesfeiertag"). Da wird des sog. Bundesbriefes, der 1291 abgeschlossen worden war, gedacht. Das Alles hatte/hat auch mit dem "Rütlischwur" - uns Deutschen aus dem Wilhelm Tell von Friedrich Schiller irgendwie vertraut - zu tun.

"Viele Menschen schmücken ihr Zuhause mit Schweizer-, Kantons- und Gemeindefahnen. Die Beflaggung der öffentlichen Gebäude, Strassen und Plätze ist an den meisten Orten gesetzlich vorgeschrieben.
In den Gemeinden finden am Nachmittag oder abends Feiern statt, wobei jede Ortschaft ihre eigenen Traditionen pflegt. Gebete für Volk und Vaterland, das Singen der Nationalhymne (Schweizerpsalm) und Glockenläuten gehören meistens dazu. An manchen Orten werden traditionelle Trachten getragen. Oft hält eine Persönlichkeit des öffentlichen Lebens eine Rede und der örtliche Musikverein spielt auf.
Bei Einbruch der Dunkelheit beleuchten Kinder ihre Lampions und überall werden private oder öffentliche Feuerwerke abgebrannt. Auf vielen Berggipfeln und Anhöhen sind meterhohe, brennende Holzkegel zu erkennen, die Höhenfeuer."
(Quelle: Wikipedia)

Man spürt allein aus Dem [s.o.]: Die Schweiz versteht sich auch, und offenbar sehr selbstbewusst, als Heimatland.

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Zehn junge RegisseurInnen hatten die Blitzidee, sich mit dem insgesamten Thema (Schweiz als Heimatland) in einem 99 Spielminuten währenden 10-Episoden-Film auseinanderzusetzen - ihre Namen sind Jan Gassmann, Benny Jaberg, Michael Krummenacher, Lisa Blatter, Gregor Frei, Carmen Jaquier, Jonas Meier, Tobias Nölle, Lionel Rupp und Mike Scheiwiller.

Der Alles zusammenhaltende Handlungsrahmen wird durch eine Riesengewitterwolke, die sich hochbedrohlich überhalb der bergmassiven Schweiz zusammenbraut, veranschaulicht - dieses Gebilde ist zwar wohl nicht annähernd so groß und weltvernichtend wie der Roland Emmeriche Untertassenkumulus aus Independence Day 2, doch bedrohlich sieht sie schon aus.

Lange Rede kurzer Sinn: Das scheinbar nicht in den Griff zu bekommende Wetterphänomen stellt "Alles" auf den Kopf, ja und die Schweiz befindet sich von jetzt auf gleich quasi am Vorabend ihrer heimatländischen Apokalypse; immer wieder wird (das ist der hochgeniale und beängstigende Witz des Streifens!) darauf hingewiesen, dass die Horrorwolke lediglich über der Schweiz zu lasten scheint und also (Gott sei Dank!!) nicht zu uns Deutschen 'rüberschweben würde. Dennoch: Die EU baut vor und lässt entsprechend eines Ratsbeschlusses - und nachdem ein erster Flüchtlingsstrom von hunderttausend Schweizern sich in Richtung Bayern aus den Kantons fortbewegte - ihre "Außengrenze" zu den Eidgenossen plötzlich schließen; lustig auch: Die Flüchtlinge, die keinen Schweizer sondern einen andern Pass vorzeigen, werden ausnahmsweise dann (noch) durchgewunken, was sogleich einem verbittertsten unter den arg verbitterten Ur-Eidgenossen zu dem Schimpf verleitet: "Ach, die Jugos, die dürfen das."

Der Film fängt auf das Unaufdringlichste und "Instinktivste" das erstaunlich-widersprüchliche Befindlichkeitsspektrum von Schweizer Eidgenossinnen und Eidgenossen ein. Sogleich erleben wir als Zuschauer - durch diese cineaste Vorführung - so eine Art von spiegelverkehrter Abbildung unserer eigenen Befindlichkeiten, unsers eignen Denken, Fühlens, Handelnkönnens. Es ist höchstwahrscheinlich immer so und überall:

Sobald etwas sehr Unvorhergesehenes passiert und man sich keinen Reim auf Dieses machen wollen würde (weil die Denke einfach gänzlich auszuschalten droht), werden - so aus dem Bauch heraus - die "Schuldigen" bestimmt. Die Formel Rette-sich-wer-Kann greift unverzüglich; und auch dieses mit einher gehende (materielle) Rettet-was-ihr-Könnt führt schlussendlich dazu, die "Schuldigen" ganz nebenbei mit einer Bürgerwehrknarre bei deren Flucht zu stoppen und sie quasi hinzurichten. Aber, wie gesagt:

Die "fremden" Flüchtlinge gelangen diesmal völlig ungehindert durch den Zaun...

Geniales Filmwerk mit hochaktueller Topp-Brisanz.

[Erstveröffentlicht auf KULTURA-EXTRA am 30.07.2016.]

11:32 30.07.2016
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Geschrieben von

Andre Sokolowski

Andre Sokolowski ist Herausgeber und verantwortlicher Redakteur von KULTURA-EXTRA, das online-magazin
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