LA PASSION DE SIMONE von Kaija Saariaho

Neue Musik Peter Sellars (Regie) versuchte sich an finnischem Kammeroratorium über die sozialrevolutionäre Philosophin Simone Weil (1909-1943)
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Mystik und Spiritualität scheinen in einer Zeit verstärkten Weltendurcheinanders (Kriege, "Kreuzzug", Katastrophen usf.) der allgemeinen Wohlfühlsucht als insulane Seelenbahnhöfe zu dienen. Dieses Nichtzugreifende erfährt - auch künstlerisch - mitunter einen Stilisierungsgrad, der weit noch übers Hocherhabene hinaus gerichtet ist. Wir konnten das an ein paar Beispielen aus jüngster Zeit beobachten; der Kunstfilm Morgenröte im Aufgang über den deutschen Mystiker Jakob Böhme oder die Performance Meet the Shaman über sibirischen Spiritualismus am Baikalsee sind da nur zwei Belege unter vielen.

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Aktuell hatte der Weltstar Peter Sellars (eingetragener "Artist in Residence" bei den Berliner Philharmonikern) das Kammeroratorium La Passion de Simone der finnischen Komponistin Kaija Saariaho- das er vor 9 Jahren schon einmal im Wiener Jugendstiltheater inszenierte - mit der Sopranistin Julia Bullock (Titelrolle) und vier Mitgliedern des Rundfunkchors Berlin (Isabelle Voßkühler, Christine Lichtenberg, Jan Remmers, Wolfram Teßmer) sowie der Orchester-Akademie der Berliner Philharmoniker in die TISCHLEREI der Deutschen Oper Berlin gestellt. Der Improvisationskünstler und Choreograf Michael Schumacher durfte dem Sellars szenisch assistieren, ja und Duncan Ward hatte als Dirigent für alles Musikalische den Hut auf.

Kurz zum Hintergrund:

"Linke Philosophin, katholische 'Heilige', Jüdin – Simone Weil ist in den letzten Jahren und Jahrzehnten zu einer zentralen Figur des 20. Jahrhunderts geworden. Ihr außergewöhnliches Leben, ihre Schriften und ihr früher Freitod haben sie zu einer Kultfigur, einer Ikone insbesondere für junge Menschen werden lassen. [...] 'Ich las die Schriften von Simone Weil bereits als Teenager. Ich war beeindruckt, wie sie die großen Mysterien des Lebens in der Mathematik und der Philosophie zu finden versuchte.' Daher scheint es nur folgerichtig, dass Saariaho zusammen mit ihrem Librettisten Amin Maalouf dieser bedeutenden Frau und facettenreichen Persönlichkeit 2006 auf der Bühne ein musikalisches Denkmal setzte." (Martin Demmler, Ein Leben zwischen Jesus und Karl Marx)

Wie mystisch und spirituell sind wir nun während jener Darbietung des "musikalischen Wegs in fünfzehn Stationen" angereichert worden? Diese Frage, insbesondere, wollte uns in verschärfter Art interessieren...

Antwort: Überhaupt nicht.

Grund der Antwort:

Sopranistin Bullock, die in der pennälerhaften Sichtweise vom Sellars eine überambitionierte Leseratte darzustellen hatte, tat lt. dieses merkwürdigen Stücks "nur" über die Betroffene - Simone Weil (1909-1943), jene sozialrevolutionäre Philosophin mit sehr starkem Hang zu Mystischem an sich - kontemplatorisch Einiges verbal befinden, insbesondere zu Hauptstationen ihres eingestandner Maßen spannenden also stückreifen Lebens; und so steckt sie justament ihr mädchenhaftes Leserattennäschen ab und zu in eines von den nachveröffentlichten Taschenbüchern der Allroundautorin, wird sodurch dann allerdings nicht richtig teilhaftig an ihr. Jene "totale Selbstentäußerung des Menschen vor Gott“ (ein Weil'scher Schlüsselgedanke) wird von Bullock und dem Rundfunkchor Berlin-Vokalquartett recht nussbruchhaft behauptet also lediglich nur anzitiert. Das sinnliche Erleben resp. eine "Übertragung" (der bzw. des Gedanken) in das Allzumenschliche - nämlich zu uns, den Hörern - bleibt hier völlig aus. Aber da konnten halt die Ausführenden nix dafür.

Saariaho's Klangteppich hat eine warmwollige Fülle, schläfert dann natürlich, weil es anhaltend so warmwollig und füllig klingt, in zunehmender Weise ein.

Narkotisierende Geduldsprobe.


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Peter Sellars Inszenierung von La Passion de Simone in der Tischlerei der Deutschen Oper Berlin | Foto (C) Ruth Walz

[Erstveröffentlichung von Andre Sokolowski am 27.11.2015 auf KULTURA-EXTRA]

LA PASSION DE SIMONE (Tischlerei der Deutschen Oper Berlin, 26.11.2015)
Kaija Saariaho: La Passion de Simone (Fassung für Sopran, Chor und Kammerorchester von 2013)
Inszenierung: Peter Sellars
Regieassistent: Michael Schumacher
Mit Julia Bullock (Sopran) sowie Mitgliedern des Rundfunkchors Berlin: Isabelle Voßkühler (Sopran), Christine Lichtenberg (Alt), Jan Remmers (Tenor) und Wolfram Teßmer (Bass)
Orchester-Akademie der Berliner Philharmoniker
Dirigent: Duncan Ward
Uraufführung im Jugendstiltheater Wien war am 26. November 2006
Berliner Premiere: 25. 11. 2015
Veranstaltung der Stiftung Berliner Philharmoniker in Kooperation mit der Deutschen Oper Berlin

01:02 27.11.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Andre Sokolowski

Andre Sokolowski ist Herausgeber und verantwortlicher Redakteur von KULTURA-EXTRA, das online-magazin
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Andre Sokolowski

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