LA SONNAMBULA an der Deutschen Oper Berlin

Premierenkritik "Schändung in der Schänke" - aber auch die Ausstattung von Anna Viebrock ist bestaunenswert
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Vor allem seit die Nicht-mehr-Sichtbarwerdung neuer Arbeiten von Christoph Marthaler (einhergehend mit der senatsgewollten Dethronisation Frank Castorfs, der den Marthaler mindestens 1mal jährlich an der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz inszenieren ließ) Berliner Fakt ist, konnte man seither auch lange, lange nicht mehr Ausstattungen der (mal mehr, mal weniger) mit Marthaler verschwisterlichten Anna Viebrock in der Hauptstadt des Theaters wahrnehmen; doch "nur" bis gestern Abend, denn sie hatte für La Sonnambula an der Deutschen Oper in der Bismarckstraße ihre 1960er-affinen Bühnenbild- sowie Kostüme-Kreationen beigesteuert!

Sie und das Regie-Gespann von Jossi Wieler & Sergio Morabito übersetzten also die in einem Schweizer Berdorf spielende Bellini-Oper "in die biedere Enge eines Dorfgasthofes":

"Amina, mittellose Waise, und Elvino, der reichste Bauer im Dorf, wollen heiraten. Doch als Amina nachts im Zimmer des nach langer Abwesenheit zurückgekehrten Grafen Rodolfo gefunden wird, zerbricht die trügerische Idylle in den Schweizer Alpen: Elvino löst die Verlobung auf und kehrt zurück zu seiner verflossenen Geliebten Lisa. Erst als Amina in Schwindel erregender Höhe wie ein Geist der Dorfgemeinschaft erscheint, wird ihre Unschuld offenbar: Schlafwandelnd war sie nicht Herrin ihrer Sinne – aus der Trance erwacht, findet sie sich als Braut Elvinos wieder." (Quelle: deutscheoperberlin.de)

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Die Opernhandlung, so wie sie dann lt. dem Urtext vorliegt, schien den beiden Regisseuren doch etwas banal zu sein, weswegen sie sich justament zu einer klitzekleinen heutigenden Zuspitzung entschlossen - und so wird die wegen ihres Schlafwandelns unschuldige Annina während ihres unschuldigen Schlafwandelns (bei dem sie unter das sie deflorierende hochherrschaftliche Genital von Graf Rodolfo wie von selbst gerät) ganz nebenbei zur Frau erweckt; das blutgetränkte Laken führt sie "nach der Tat" als Un-Unschuldige prompt vor, und sowieso trägt sie ihr gleichfalls blutgetränktes Nachthemd bis zum Schluss der Oper hochgeduldig auf - - das war dann ein paar buhenden Premierengästen doch etwas zu viel an Deutungsfreiheit.

Ungeachtet dessen funktionierte diese Inszenierung [der Oper Stuttgart aus dem Jahr 2012] perfekt - das durchweg Schwachsinnige der Sonnambulette wurde durch ein reichhaltiges Angebot an Ironie & Spaß mit spielerischer Lust & Laune weggebrochen.

Sängerisch war es ein Abend großartiger Frauenstimmen: Venera Gimadieva (als Annina), Alexandra Hutton (als Schankwirtin Lisa) und Helene Schneidermann (als Teresa, die Annina-Mutter) überboten sich gegenseitig!!!

Der tiefe Bass von Ante Jerkunica (Graf Rodolfo) sollte auf skurrilste Weise mit dem schwindelhöhigen Tenor von Jesús León korrespondieren.

Stephan Zilias dirigierte das belcantoerfahrene Orchester der Deutschen Oper Berlin.

Jeremy Bines war für die Einstudierung des (wie immer auch spielfreudigen!) Chors der Deutschen Oper Berlin zuständig.

Lang anhaltender Applaus.

[Erstveröffentlicht auf KULTURA-EXTRA am 27.01.2019.]

LA SONNAMBULA (Deutsche Oper Berlin, 26.01.2019)
Musikalische Leitung: Stefan Zilias
Regie und Dramaturgie: Jossi Wieler und Sergio Morabito
Bühne und Kostüme: Anna Viebrock
Licht: Reinhard Traub
Chöre: Jeremy Bines
Dramaturgische Betreuung: Lars Gebhardt
Besetzung:
Graf Rodolfo ... Ante Jerkunica
Teresa ... Helene Schneiderman
Amina ... Venera Gimadieva
Elvino ... Jesús León
Lisa ... Alexandra Hutton
Alessio ... Andrew Harris
Ein Notar ... Jörg Schörner
Chor und Orchester der Deutschen Oper Berlin
Premiere war am 26. Januar 2019.
Weitere Termine: 02., 07., 10.02. / 19., 25.05.2019
Übernahme der Oper Stuttgart

11:45 27.01.2019
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Andre Sokolowski

Andre Sokolowski ist Herausgeber und verantwortlicher Redakteur von KULTURA-EXTRA, das online-magazin
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