LE NOZZE DI FIGARO (Regie: Jürgen Flimm)

Premierenkritik Gustavo Dudamel dirigierte erstmals Mozart an der Staatsoper im Schiller Theater
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Gleich dreimal insgesamt wird sich in dieser Spielzeit der Noch-Staatsopernintendant Jürgen Flimm (bevor er in 2017/18 an den Neuen übergibt) als Regisseur verewigen. Derart hyperaktiv hatten wir ihn am Ende noch in keiner einzigen Saison, seitdem er die Geschicke dieses Hauses ordnend leitet, je erlebt; sein letztes großes Zutun in der Richtung war "bloß" eine Übernahme einer zeitlich weit zurückliegenden Händel-Produktion aus Zürich [Il trionfo usw.], nebenher probierte er dann freilich auch paar kleine, nicht so aufwändige Sachen in der WERKSTATT aus. Nein, nein, wir haben nichts dagegen. Schließlich war und ist es, außer ständig weltberühmte Häuser oder Einrichtungen hie und da zu leiten, seine eigentliche Profession und letztlich sein Beruf.

Warum er allerings jetzt unbedingt den Figaro neu inszenieren musste, leuchtet wenig ein. Der schöne Vorgänger (in der Regie von Thomas Langhoff) stammte zwar noch aus dem vorigen Jahrtausend, wurde aber immerhin bis vor drei Jahren hübsch gehegt und eindringlich gepflegt; selbst in die Interimsspielstätte hatte man ihn - sicherlich auch auf die Initiative Flimms hin - mitgenommen und ganz liebevoll neu eingerichtet. Hätte also gut noch ein paar Jahre und Jahrzehnte (kostengünstig!) laufen können.

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"In der Nähe von Sevilla gibt es den kleinen Ort Cádiz, ein altes Seebad. Da die adeligen Bewohner im Sommer der städtischen Hitze in den hohen Gassen Sevillas entfliehen wollten, zogen sie ans blaue Mittelmeer oder in die andalusischen Berge. Mancher Graf hatte so seinen Sommersitz." steht im Programmheft, und der Flimm hätte somit - unter dem Titel Unser Figaro macht Ferien - einen von so herkömmlichen Klassenkampfmotiven (Adel vs. Domestiken) frei gehaltenen und also auf das Allerbiederste veraktualisierten Ort der Handlung festgelegt. Nur gut zu wissen, dass man sich da also keine weiteren Gedanken über den politischen oder gesellschaftlichen Hintergrund oder Gehalt der Inszenierung machen braucht. Wer Urlaub macht, sollte gefälligst abschalten!

Und neben Flimm (dem Regisseur), der die ProtagonistInnen recht gut von A nach B sowie um den Orchestergraben rum und auch dazwischen, also "zwischenmenschlich", hin und her bewegte - diese Mozartoper hat ja über ihren klassen- oder ständemäßigen Konflikt hinaus einen schier unaufdröselbaren Plot, und es geht daher in ihr ziemlich drunter oder drüber - , ließen die zwei Ausstatterinnen dem neuen Figaro ein dementsprechend urlaubsreifes Antlitz angedeihen: Magdalena Gut (die Bühnenbildnerin) baute das Ferienhaus und stellte viel Rattanmöbel und Liegestühle in es rein, und Ursula Kudrna (die Kostümdesignerin) kleidete derart ein, dass man zu sehen meinte, dass es in dem Urlaubsort halt nur so Leute aus dem Grafen- und Besitzstand gibt; auch sahen die Klamotten insbesondere fürs Fußvolk ungefähr so aus, als seien sie stilistisch dem Agatha Christie-Film Das Böse unter der Sonne irgendwie entlehnt.

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Youngstar Gustavo Dudamel - bisher als Operndirigent weltweit nicht aufgefallen - hat den neuen Figaro jetzt musikalisch einstudiert. Und seine Mozartsicht, obgleich nicht ganz so "altmodisch" wie die vom Barenboim, darf wohl mit Fug und Recht als jungspornmäßig-frisch und fluffig-heiter nachbezeichnet sein.

Die einhellig bejubelte Premierenaufführung von gestern Abend sollte also - außer dem erwartbar schönen, weichen und auch leichten Klang der Staatskapelle Berlin - rein musikalisch Positives aufweisen. Waren zwar alles (oder fast "nur" alles) Namen, die man so schon kennt und wo man so schon vorher weiß, dass die dann immer oder meistens allerbestens aufgelegt sind [s. Liste unten] - aber diese hier war'n uns bis dato unbekannt: Lauri Vasar (als Figaro) und Marianne Crebassa (als Cherubino). Beide hatten uns sehr gut gefallen, und wir wollten sie daher nicht ungenannt sein lassen!

Mehr gibt es nicht zu vermelden.

[Erstveröffentlichung von Andre Sokolowski am 08.11.2015 auf KULTURA-EXTRA]

LE NOZZE DI FIGARO (Staatsoper im Schiller Theater, 07.11.2015)
Musikalische Leitung: Gustavo Dudamel
Inszenierung: Jürgen Flimm
Regiemitarbeit: Gudrun Hartmann
Bühnenbild: Magdalena Gut
Kostüme: Ursula Kudrna
Choreografie: Catharina Lühr
Licht: Olaf Freese
Chor: Frank Flade
Dramaturgie: Detlef Giese
Besetzung:
Graf Almaviva ... Ildebrando D’Arcangelo
Gräfin Almaviva ... Dorothea Röschmann
Susanna ... Anna Prohaska
Figaro ... Lauri Vasar
Cherubino ... Marianne Crebassa
Marcellina ... Katharina Kammerloher
Basilio ... Florian Hoffmann
Don Curzio ... Peter Maus
Bartolo ... Otto Katzameier
Antonio ... Olaf Bär
Barbarina ... Sónia Grané
Staatsopernchor
Staatskapelle Berlin
Premiere war am 7. November 2015
Weitere Termine: 9., 11., 13., 15., 19., 21. 11. 2015

01:53 08.11.2015
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Geschrieben von

Andre Sokolowski

Andre Sokolowski ist Herausgeber und verantwortlicher Redakteur von KULTURA-EXTRA, das online-magazin
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Andre Sokolowski

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