LEHMAN BROTHERS an der Vaganten Bühne Berlin

Premierenkritik Gier herrscht (meistens) vor dem Fall
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Falls Sie auch (wie ich) Theatergänger sind und überdies ein Smartphone haben und auf dieses während Ihrer Heimfahrt vom Theater wahllos schauen, ob Ihnen da irgendwer vor Kurzem simste oder mailte, werden Sie wahrscheinlich auch (wie ich) als allererstes solche Spam-Headlines entdecken wie zum Beispiel jene drei hier, die ich gg. 22 Uhr zu sehen kriegte: "Bitcoin macht Leute reich - mach mit und werde reich" oder "Bis zu 14 % Nachhaltige Geldanlagen - sicher und renditenstark!" oder "Investieren Sie in den Goldmarkt wie tausend andere Menschen es auch tun"; dieser Maildreck mit zumeist verhängnisvollen Links zum Anklicken - um Gotteswillen! bloß nicht!! - ist ein Ausdruck unsrer Zeit, ein irgendwie kollaterales Nebenscherbenspiegelbild unserer selbst.

Und schon gelingt mir hoffentlich die Kurve:

Sollten Sie demnach, was völlig unvorstellbar ist, noch nichts oder so gut wie nichts vom Imperialkapitalismus inkl. seiner asozialen Mehrungs- und Verteilungsmechanismen resp. -instrumente (Kaufen & Verkaufen, Banken usf.) verstanden haben - in dem dramaturgisch auf den Punkt gebrachten Lehman Brother-Stück des Italieners Stefano Massini war und ist Gelegenheit, die kleine Bildungslücke leicht & lustig zugeschlossen zu bekommen; gestern Abend hatte es unter Regie Lars Georg Vogels seine vollkommen zurecht umjubelte Premiere in der putzigen Vaganten Bühne in Berliner Westen.

Eingebetteter Medieninhalt

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Es geht um den Aufstieg und den Fall der talentierten Lehman Brothers, die 1844 von Bayern in die USA auswanderten, um dort, wie viele andere vor/nach ihnen, ihr Glück zu suchen; aus ihren jüdischen Vornamen Hayum, Mendel, Maier entstanden Henry, Emmanuel, Mayer, ja und ihr ursprünglicher Nachname verblieb original, obgleich um's Schluss-"n" unmaßgeblich reduziert. Über drei Generationen hinweg legten sie eine beispiellose Metamorphose von Baumwollhändlern bis zu Bankern hin. Sie galten - bis zur legendären Lehmanpleite in 2008 - als eigentliche Eisbergspitze der US-amerikanischen Finanzwelt in New York.

Ihre familienunternehmerische Expansion wirft "Schlaglichter auf einschneidende Ereignisse der amerikanischen Geschichte. Der Sezessionskrieg, der Siegeszug von Eisenbahn und Automobilindustrie, die Große Depression, der Vietnamkrieg sowie der Beginn des Computerzeitalters – sie alle sind mit den Schachzügen und Entscheidungen des Lehman-Imperiums untrennbar verknüpft." (Quelle: vaganten.de)

"Drei Jahre lang hat Stefano Massini recherchiert, hat akribisch Unmengen von Material gesammelt, verdichtet und zu einem enormen Textkonvolut gestaltet. Das Ergebnis ist ein atemberaubender Text, der den Weg dieses zum Mythos des Zusammenbruchs gewordenen Unternehmens über drei Generationen nachzeichnet: eine Familien-Saga, die man zugleich als Autopsie des Finanzkapitalismus, der immer substanzloser und abstrakter wird, lesen kann." (Quelle: laukeverlag.de)

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"Kaufen und verkaufen" wird als die sie antreibende mittlerische Losung der drei Lehman Brothers und des nachgebor'nen Clans um sie herum behauptet, festgeschrieben, immer-immer weiter wiederholt; es ist die Endlosschleife, die am Ende ihre feuerfunkensprühende Spirale bis zum urplötzlichen Stillstand (= Lehmanpleite) überdreht.

Andreas Klopp, Urs Stämpfli und Joachim Villegas veräußern "ihre" jeweiligen Stücktextteile (Monologe, Dialoge, Trialoge, Kommentare) mit schier pseudooptimistischer Hyperaktivität; sie wirken allesamt, obgleich sie mehrere Jahrzehnte und Jahrhunderte der Vorgeführten durchzuhandeln haben, anhaltenderweise jugendlich, sportiv und sind sodurch gern anzuhören und (noch viel, viel lieber) anzusehen. Es macht also großen Spaß, diesen von Anfang an vermutbaren Familien-Firmen-Crash durch sie vermittelt zu bekommen.

Lohnt sich mit dabei zu sein; eine Katharsis braucht es nicht, so funktioniert halt grenzenlose Gier.

[Erstveröffentlicht auf KULTURA-EXTRA am 08.01.2020.]

LEHMAN BROTHERS (Vaganten Bühne, 07.01.2020)
AUFSTIEG UND FALL EINER DYNASTIE

Regie & Ausstattung: Lars Georg Vogel
Video: Stella Schimmele
Mit: Andreas Klopp, Urs Stämpfli und Joachim Villegas
Uraufführung am Piccolo Teatro, Mailand: 29. Januar 2015
DSE am Staatsschauspiel Dresden: 5. Juni 2015
Vaganten-Premiere: 7. Januar 2020
Weitere Termine: 08.-11.01. / 25.-27.02.2020

01:53 08.01.2020
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Andre Sokolowski

Andre Sokolowski ist Herausgeber und verantwortlicher Redakteur von KULTURA-EXTRA, das online-magazin
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