LES CONTES D'HOFFMANN an der DOB

Premierenkritik Enrique Mazzola dirigierte selten zu hörende Langfassung der Offenbach-Oper
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Als Premiere ging dann gestern Abend Laurent Pellys nüchtern-karge aber über alle Maßen sinnstiftende Inszenierung von Jacques Offenbachs Les Contes d'Hoffmann auf den DOB-Brettern über die Bühne - doch der Vollständigkeit halber soll hier auch aufs Kleingedruckte ruhig verwiesen sein, denn: Die besagte Produktion ist sozusagen eingekauft, stammt aus dem Jahr 2005, und seither wurde sie schon in Lyon, in Barcelona und in San Francisco durchgereicht...

Jetzt landete sie also in Berlin, und Christian Räth (Ex-Assistent von Harry Kupfer) tat sie justament kompatibilisieren.

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"Die Muse entsteigt einem Fass. Und zwar einem Weinfass, wovon der Dichter Hoffmann in Offenbachs letzter Oper ein Lied singen kann. Aus verhängnisvollem Rausch spinnt er drei Geschichten über seine unglückliche Liebe: zur verpuppten Künstlerin Olympia, dem jungen Mädchen Antonia und der Kurtisane Giulietta. Drei Frauen – oder ist es am Ende doch bloß eine? Stella, der Stern am Opernhimmel, die als Donna Anna auf der Bühne Erfolge feiert, während der mittlerweile völlig zerstörte Hoffmann bei Lutter & Wegner im Suff ertrinkt."
(Quelle: deutscheoperberlin.de)

Die Aufführung dauert 4 Stunden, und sie fußt auf einer bis dahin nicht allzu oft gespielten "Langfassung", in der - was ohrenscheinlich und daher auch überraschend ist - zig Nummern neu erfahrbar sind, die man bis da noch nie gehört zu haben meinte; und obgleich ich wieder mal [wie schon in der entspeckten aber cabarethaft aufgeblas'nen Barrie-Kosky-Produktion von vor drei Jahren] Dapertuttos düster-schöne Spiegelarie sehnsüchtig vermisste...

Offenbach war mit Hoffmanns Erzählungen zu Lebzeiten nicht fertig geworden, und eine von ihm autorisierte "Endfassung" existierte demnach nicht, dafür schwirrten und schwirren unterschiedliche Varianten auf zig Manuskript- und Notenseiten durch die Welt; die Komponistenerben, die das Eine oder Andere dann hie und da verhökerten, gelten sonach als Mitverursacher dieses entstand'nen Hoffmann-Chaos.

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Inszenierer Pelly flocht bemerkenswert viel Sprechtext, um die Handlung fließender und wohl auch aufdröselnder als bei anderen und herkömmlich(er)en Regien zu vermitteln, ein; und so kristallisierte sich dieser verallgemeinernde Grundplot heraus:

Künstler hat eine Muse, die ihn für sein Künstlertum andauernd inspiriert. In sie verliebt er sich versehentlich. Die Muse stellt sich quer, denn eine Muse kann "nicht richtig" lieben. Und der Künstler leidet einseitig an seiner einseitigen Liebe. Trinkt und träumt: 3 Halluzinationen über 3 erfolgte Un-Lieben. Künstler erwacht aus seinem Trinktrauma. Ja und die Muse hatte ihn, gottlob, dann nicht verlassen, denn sonst hätte er nicht aus dem 3fach-Trimktrauma 3 neue Kunstwerke erschaffen. Alles bleibt beim Alten, Muse da, und Künstler schafft.

Im Tonio Kröger installierte Thomas Mann das erste Mal den sog. Kunst-und-Leben-Gegensatz; in der Erzählung Der Tod in Venedig vollendete er die Problembehandlung auf besonders tragisch-unlösbare Art, Tadzio (die Muse) erdanziehet Aschenbach (den Künstler) in den Tod...

Beim Hoffmann ist es, vom Prinzip her, fast genauso.

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Daniel Johansson / Irene Roberts taten dieses künstlerische Siamesenhaftigsein zwischen der Muse und dem Künstler zwangsläufig veranschaulichen.

Die drei Kunstfiguren (aus und in dem Hoffmannhirn) waren mit Sopranistin Cristina Pasaroiu gestalterisch und selbstverständlich auch gesanglich toppbesetzt!!!

Alex Esposito verkörperte den Teufel, welcher (v.a. als Coppéllius, als Miracle, als Dapertutto) im Künstler wühlt und wühlt und wühlt, um ihn letztendlich - und in böser Absicht - von der "wahren Liebe" abzuhalten.

Enrique Mazzola [der an der DOB den Meyerbeer-Zyklus schon dirigierte] war ein Ideal-Garant dafür, dass kraft seines umsichtig-passgenauen Kapitänsgsgeschicks der hochgrandios besetzte Hoffmann-Dampfer wetterunabhängig bis ans Ziel geriet - Chor & Orchester der Deutschen Oper Berlin überboten sich da gegenseitig mit schier ausgleichender Urgewalt.

Superb.

[Erstveröffentlicht auf KULTURA-EXTRA am 02.12.2018.]

LES CONTES D´HOFFMANN (Deutsche Oper Berlin, 01.12.2018)
Librettoversion und Dialoge: Agathe Mélinand

Musikalische Leitung: Enrique Mazzola
Inszenierung und Kostüme: Laurent Pelly
Einstudierung der Wiederaufnahme: Christian Räth
Bühne: Chantal Thomas
Licht: Joël Adam
Video: Charles Carcopino
Dramaturgie: Katharina Duda
Chöre: Jeremy Bines
Besetzung:
Hoffmann ... Daniel Johansson
Olympia, Antonia, Giulietta und Stella ... Cristina Pasaroiu
Lindorf, Coppélius, Miracle und Dapertutto ... Alex Esposito
La Muse und Nicklausse ... Irene Roberts
Andrès, Cochenille, Frantz und Pitichinaccio ... Gideon Poppe
La Voix de la mère ... Annika Schlicht
Spalanzani ... Jörg Schörner
Mâitre Luther ... Tobias Kehrer
Crespel ... James Platt
Hermann ... Bryan Murray
Schlemil ... Byung Gil Kim
Nathanael ... Ya-Chung Huang
Chor und Orchester der Deutschen Oper Berlin
Premiere an der Opéra National de Lyon: 19. November 2005
DOB-Premiere war am 1. Dezember 2018.
Weitere Berlin-Termine: 04., 08., 15.12.2018 // 05., 09., 12.01.2019
Eine Koproduktion der Opéra National de Lyon mit dem Gran Teatre del Liceu in Barcelona und der San Francisco Opera

14:50 02.12.2018
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Andre Sokolowski

Andre Sokolowski ist Herausgeber und verantwortlicher Redakteur von KULTURA-EXTRA, das online-magazin
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