LOUIS VAN BEETHOVEN - ein Film von Niki Stein

TV-Kritik 250. Geburtstag in der ARD
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Heute ist 250. Geburtstag, und ab heute kann man daher den aufwändigen Kostüm- und Komponistenfilm Louis van Beethoven - er ist nämlich besagter Jubilar - bereits auf der ARD-Mediathek besichtigen, und zwar noch ehe er am ersten Weihnachtsfeiertag im Ersten ausgestrahlt sein wird.

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Nicht etwa, dass es bis zu diesem Tage keine Filmbiografien über Beethoven gegeben hätte - 1927 fing es an, als in dem Stummfilm von Hans Otto der Theaterschauspieler Fritz Kortner lautlos mimte; 1937 war es Harry Baur, 1949 Ewald Balser, 1962 Karlheinz Böhm, 1976 Donatas Banionis, 1982 Neil Munro, 1985 Wolfgang Reichmann, 1995 Gary Oldman, 2003 Ian Hart und 2007 Ed Harris, der den B. verkörperte... Ja und Tobias Moretti spielt (ganz aktuell) den alten Ludwig, also den, der nur noch ein paar Wochen bis zu seinem vielzu frühen Tode krank und taubstumm auf dem Erdball weilte:

"Mit zunehmendem Alter mehrten sich Häufigkeit und Intensität der Krankheitszustände. Im Sommer 1821 kündigte sich durch eine schwere Gelbsucht und wahrscheinlich Alkoholmissbrauch eine Leberzirrhose an. Beethoven suchte Linderung der Beschwerden in Bäder- und Landaufenthalten. Sein letzter führte ihn am 29. September 1826 – zusammen mit seinem Neffen – auf das Landgut seines Bruders Johann nach Gneixendorf. Auf der Rückreise nach Wien, die Anfang Dezember bei nasskaltem Wetter im offenen Wagen stattfand, zog sich Beethoven eine Lungenentzündung zu. Kurz nach der Genesung zeigten sich mit Wasseransammlungen in Beinen und Unterleib sowie einer Gelbsucht schwere Symptome der Leberzirrhose, so dass Beethoven das Krankenbett nicht mehr verlassen konnte. Nach mehreren Punktionen und erfolglosen Behandlungsversuchen verschiedener Ärzte starb Beethoven am 26. März 1827 im Alter von 56 Jahren." (Quelle: Wikipedia)

Das [s.o.] ist der Zeit- und Ortsrahmen des von dem Regisseur und Autor Niki Stein gedrehten Zweistünders. Und immer wieder wird dann der Gealterte mit Karl, seinem bevormundeten Neffen und Alleinerben (Peter Lewys Preston), inmitten dieser familiären Landenge zwischen Cornelius Obonya (= dem Ludwig-Bruder Johann) und Johanna Gastdorf (= Ludwigs Schwägerin) in ein paar mehr bedeutungslosen Szenen vorgeführt, d.h. man sieht - und ahnt - Beethovens Taubheit, doch sein körperliches Hinfälligsein ausgerechnet in dem letzten seiner Lebensjahre [s. nochmals oben] wird mitnichten dargestellt, nicht einmal angedeutet. Auch zu all diesen privaten Umständen um seinen Neffen Karl, einer der wichtigsten Bezugspersonen seines späten Lebens, wird uns Fernsehzuschauern fast nichts vermittelt.

Was bleibt trotzdem von dem neuen Louis-Film so haften?

Unvergesslich sicherlich die suggestive Darstellung des Komponisten-Vaters Jean van Beethoven durch Ronald Kukulies, der dieser eigentlich doch liebenswerten Alkoholikergestalt menschlichste Züge glaubwürdig verleiht; er ist denn auch mein eigentlicher Favorit in diesem viel zu sehr und zu beliebig zwischen den drei "Zeitzonen" (Beethovens Kindheit, Jugend, Todesjahr) herumspringenden Plot.

Auch gut: der sich im Dauersächseln gut bewährt habende Ulrich Noethen als Ludwigs Lehrer Christian Gottlob Neefe.

Beethovens in vielen seiner Werke nachhörbares Revoluzzertum wird - laut des Films - das erste Mal so richtig angestachelt, als Sabin Tambrea (= Tobias Pfeiffer) aus der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung 1776 bisschen was zitiert.

In Wien begegnet unser B. dem Mozart (Manuel Rubey) sowie dem Haydn (Alexander Jagsch), aber die Szenen sagen überwiegend nichts aus, sind dann halt nur prächtig anzusehen (Szenenbild: Benedikt Herforth / Kostüme: Veronika Albert), d.h. der zwischenmenschliche Mehrwert all dieses Abgefilmten geht in Richtung null.

Nicht schlecht dagegen der im rheinländischen Dialekt sich konsequent aussprechende Anselm Bresgott als Ludwig zwischen 17 und 21 Jahren.

Hochinteressant auch zu erfahren, dass dem Maestro gar sein Melodieeinfall zu "Freude schöner Götterfunken" anno 1791 bei 'nem sommerlichen Tennis-Match in Bonn gekommen ist; falls es dann stimmt.

Und fünf Minuten vor dem Filmschluss wird dann auch noch fingerzeigig auf die Standesschranken hingewiesen, derentwegen unserm B. die Heirat mit seiner geliebte Leonore geb. Eleonore von Breuning (Caroline Hellwig) verwehrt geblieben ist, weswegen er vielleicht die gleichnamige Oper, also diesen Vorläufer seines Fidelio, und seine drei Ouvertüren komponiert hat oder so.

*

Als Ganzes beibt ein mehr oder weniger gerupftes und gefedertes Konglomerat mit Diesem & Jenem aus dem Beethoven'schen Leben konstatierbar; nein, das ist bei weitem nicht sehr viel.

[Erstveröffentlicht auf KULTURA-EXTRA am 17.12.2020.]

Louis van Beethoven (D/CZ 2020)
Buch und Regie: Niki Stein
Kamera: Arthur W. Ahrweiler
Szenenbild: Benedikt Herforth
Kostüme: Veronika Albert
Schnitt: Jan Henrik Pusch
Ton: Robert Keilbar und Kirsten Kunhardt
Maske: Linda Eisenhamerova
Besetzung:
Beethoven ... Tobias Moretti
Christian Gottlob Neefe ... Ulrich Noethen
Ludwig (17 - 21 Jahre) ... Anselm Bresgott
Louis (8 - 12 Jahre) ... Colin Pütz
Helen von Breuning ... Silke Bodenbender
Eleonore von Breuning (17 - 21) ... Caroline Hellwig
Johann van Beethoven ... Cornelius Obonya
Therese von Beethoven ... Johanna Gastdorf
Jean van Beethoven ... Ronald Kukulies
Karl ... Peter Lewys Preston
Pfeiffer ... Sabin Tambrea
Mozart ... Manuel Rubey
Magdalena ... Tatiana Nekrasov
Waldstein ... Dominik Maringer
Erstausstrahlung in der ARD am 25. Dezember 2020

13:56 17.12.2020
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Andre Sokolowski

Andre Sokolowski ist Herausgeber und verantwortlicher Redakteur von KULTURA-EXTRA, das online-magazin
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