LOVE IT OR LEAVE IT! am Maxim Gorki Theater

Uraufführung Rätselhaftes Anti-Erdogan-Event von Nurkan Erpulat und Tunçay Kulaoğlu
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Der "westliche" Beliebtheitspegel des türkischen Staatspräsidenten bewegt sich aktuell und hundert pro von einstellig über die Nullzahl bis zu absoluten (mehrstelligen) Minusgraden, und das geht - wir ahnen es - dem großen Türken-Führer selbstverständlich "zum einen Ohr rein und zum anderen raus". Die zögerlichen Aufschreie, die aus dem "Westen" zu ihm wispern, sind ihres Vokabulars nicht wert, als dass sie ihn auch nur tangieren könnten. So entstehen, derart ungebremst von außen, Diktaturen; und wir Deutschen haben ungefähr dann eine Ahnung oder wenigstens einen Instinkt, wohin das Alles, so wie es sich momentan vom "westlichen" Beobachter aus deuten lässt, noch führen könnte. Zukunftsoptimismus jedenfalls sieht anders aus...

Die Intendantin des Berliner Maxim Gorki Theaters wandte sich daher auch letzten Samstag in einem vom Berliner Tagesspiegel veröffentlichten Offenen Brief an unsere Bundeskanzlerin.

Gut gebrüllt, Löwin! muss man an dieser Stelle unverzüglich jubilieren und - im Umkehrschluss, was das betrifft - am besten gleich zur Tagesordnung der Theater, den bestellte IntendantInnen in ihren Führungsrollen und Verantwortungen vorstehen, flugs übergehen. Seit sie (Shermin Langhoff) Chefin ihres Hauses ist, macht selbiges in puncto Migration also auch Migrationstheater laut und sehr erfolgreich von sich reden. Eine Art Alleinstellungsmerkmal für diese kleinste (staatlich subventionierte) Berliner Sprechbühne hat sich herausgeschält - das, was sie früher im Berlin-Kreuzberger Ballhaus Naunynstraße in wohl ebensolcher Weise laut/erfolgreich praktizierte, ist inzwischen seit fünf Jahren im Berliner Staatstheater-Betrieb hoffähig geworden. Gut, dass es also das Gorki, wie es derzeit ist, und seine selbstbewusste Intendantin gibt!!

Eingebetteter Medieninhalt

Das gestern Abend in der Dorotheenstadt uraufgeführte und über 2 pausenlose Stunden sich arg provinziell dahinquälende Love it or leave it!-Projekt wird aus der Sicht seiner zwei Hauptmacher Nurkan Erpulat und Tunçay Kulaoğlu wie folgt erklärt:

"Wie holt man ein Land auf die Bühne, in dem zugedröhnte Omas vor laufenden Fernsehkameras sich bereit erklären, unbedingt das Arschhaar ihres angebeteten Staatsoberhauptes sein zu wollen? Ein Land, in dem Familienväter die oberste Religionsbehörde um Rat fragen, ob ihre Ehen nach Glaubensvorschriften null und nichtig seien, weil sie sich am nackten Fleisch ihrer eigenen Töchter aufgegeilt haben?
Ein Land, in dem Eltern ihre durch die Sicherheitskräfte getöteten Kinder tagelang im Gefrierschrank aufbahren müssen, weil ihre Häuser von der eigenen Armee beschossen werden.
Kann man die Türkei lieben oder muss man sie verlassen?
Oder sie erst gar nicht betreten?
Jenseits der sich seit Juli überschlagenden Ereignisse blickt
Love it or leave it! hinter die Fassaden einer Republik, die sich seit ihrer Gründung in einem Teufelskreis zu befinden scheint. Hinter gesellschaftlichen Mechanismen und Strukturen zwischenmenschlicher Beziehungen wird die Seele eines zerrissenen Landes erkennbar. Love it or leave it! nimmt den unscheinbaren Alltag unter die Lupe und versucht Antworten zu finden, weniger auf die Frage wie die Türkei dem Abgrund entgegen taumelt, sondern warum."
(Quelle: gorki.de)

Sechs Protagnonisten [Namen s.u.] werden uns als 4köpfiger Rumpf eines schier funktionierenden Familienbundes von in Deutschland lebenden und also assimilierten Türken vorgeführt: Vater, Mutter, Tochter, Sohn; also diejenigen, die dann wohl "noch" in häuslicher Gemeinschaft miteinander wohnen, denn es ist zudem von weitaus mehreren und hier "nicht mehr" anwesenden Verwandten nebenher die Rede. Zudem wird diese Familie unentwegt von einem sie und ihre Religion umsorgenden Iman besucht. Und schließlich kriegt ein Todesengel hin und wieder seinen Auftritt; wir vermuten stark, dass dieser Untote dem kurdisch-kämpferischen Spektrum zuzuordnen sein könnte, denn seine Blutgetränktheit rührt wohl sicherlich von einer Kopfverletzung, es sieht also aus, als ob er scharfschussmäßig hingerichtet worden wäre oder so. Dazu passt auch, dass diese Wohnung sich unmittelbar im Umkreis kriegsähnlicher Explosionen zu befinden scheint und - so gesehen - doch vielleicht nicht "hier in Deutschland", sondern Nähe Bosporus gelegen ist? Dieser Gedanke ließ sich bis zum Schluss des Rätsel aufgebenden Anti-Erdogan-Events nicht völlig von der Hand weisen.

Alles beginnt und endet mit 'nem Stillleben in Marthaler-Manier. Man ist zum Schweigen und zum Teetrinken versammelt, und der phänomenal sein Instrumentarium beherrschende Philipp Haagen spielt hierzu auf dem Harmonium und noch etwas später auf der Tuba. Zwischen dieser jeweils etwa 10 Minuten währenden performativen Rahmenhandlung tut sich dann viel "Innertürkisches" abspielen, und man wird so einiger rein innerfamiliär anmutender Beziehungskisten nach und nach gewahr. Jeder hat dann auch einen schönen langen Monolog (Texte: Emre Akal), wo insbesondere zu seinem höchstpersönlichen Familien- oder Landes- und/oder Gesellschaftsanteil stichwortmäßig abgehoben wird. Und:

In der Mitte von Alissa Kolbuschs Einheitsbühne wird eine Banenenstaude als die sinnbildlich mit einer Leckerfrucht symbolisierte Europäische Union zum Gold'nen Kalb, worum sich Alle dann per ungezügelt dargereichten Appetitsgrimassen scharen; das nun wiederum hat eine ziemlich denunziantisch-abgeschmackte Komponente, deren bissiger Humor nicht richtig greift oder zu greifen schien.

*

Was wolltet ihr mir eigentlich am Ende mit dem Allen sagen? Hoffentlich nicht etwas, was ich so schon zugenüge wusste [s. Anti-Erdogan-Replik am Anfang dieses Textes]!

[Erstveröffentlicht auf KULTURA-EXTRA am 13.11.2016.]

LOVE IT OR LEAVE IT! (Maxim Gorki Theater, 11.11.2016)
Regie: Nurkan Erpulat
Text: Emre Akal
Ausstatter: Alissa Kolbusch
Musik: Philipp Haagen
Dramaturgie: Tunçay Kulaoğlu
Mit: Lea Draeger, Aylin Esener, Philipp Haagen, Tom Porath, Taner Şahintürk und Mehmet Yılmaz
Uraufführung war am 11. November 2016
Weitere Termine: 18., 23. 11. / 23., 28. 12. 2016

14:49 12.11.2016
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Geschrieben von

Andre Sokolowski

Andre Sokolowski ist Herausgeber und verantwortlicher Redakteur von KULTURA-EXTRA, das online-magazin
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