LUCI MIE TRADITRICI von Salvatore Sciarrino

Kurzkritik Lustige Killer-Kurzoper im Berliner Schiller Theater
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Nach Infinito Nero (2010), Vanitas (2013), Lohengrin und Macbeth (je 2014) ist das nun bereits der fünfte Salvatore Sciarrino-Streich an der Staatsoper im Schiller Theater - ein schönes und sehr konstruktives Steckenpferd vom Regisseur und Intendanten Jürgen Flimm; warum auch nicht? Die Kurzopern des Italieners hatten uns doch meistens, also immer, richtig gut gefallen!

Nun also the Next:

Von Gesualdo (1566-1613) weiß man, dass er - außer Komponist - auch Killer war. Er meuchelte zu seiner Zeit die Gattin und den Gattinnengeliebten aus dem Weg. Dass er aufgrund der Bluttat keinen Kerker je von innen sah, hatte mit der unter der damaligen Rechtssprechung üblichen Einordnung dieses Delikts als "Angelegenheit der 'Ehre'" zu tun; Dramaturg Detlef Giese hat den ganzen kriminal- sowie musikgeschichtlichen Begleitkram allgemeinverständlich für uns aufgerollt [s. Programmheft]. Etwas umfangreicher und hochliterarisch obendrein befasste sich Schriftsteller Helmut Krausser 1993 in dem Tausendseiter Melodien [Topp-Lektüretipp!!) mit der Materie um das killergleiche Ausnahmegenie.

Ja und was hat das Alles nun mit Sciarrino's Luci mie traditrici (zu deutsch: Meine verräterischen Augen) gemein? "Nur" das etwas zum Kammerspiel erweiterte Grundmuster, nämlich: Gräfin betrügt Graf mit Gräfinnengeliebten; zusätzlich mischt noch ein (auf die Liebe der Gräfin mit dem Gräfinnengeliebten eifersüchtiger) Lakai mit. Sämtliche Figuren tragen keine Namen, sollten aber lt. der Aussagen und Querverweise ihres Komponisten mit dem hochbrutalen Gesualdo-Fall in irgendwelche Einklänge zu bringen sein. So jedenfalls und irgendwie so ungefähr hatten wir das verstanden.

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Eine der besten Inszenierungen von Jürgen Flimm, seit Jahren!!

Er holt "seine" vier genialen ProtagonistInnen ganz nah zu uns heran - wir sehen uns sofort auf ähnlich gleichlautende 'Liebst du mich auch wirklich'-Seuseleien unsers klitzekleinen Spatzenlebens arg zurückgeworfen.

Irgendwann hatte dann Katharina Kammerloher (Gräfin) den Kanal gestrichen voll und haute kräftig auf die Tischplatte à la 'Ja, klar, ich liebe dich, du Arsch, willst du es nochmal hören?!' Nützte ihr natürlich nix, denn dass sie ihn - den Otto Katzameier (Graf) mit der Lena Haselmann (Gräfinnengeliebter [Hosenrolle]) sexuell betrog, konnte der so zum Hahnrei Abgewertete nicht überwinden und stach mit der Heckenschere zu - - zuvor goss dann noch Christian Oldenburg (Lakai) sehr intrigantes Öl ins Feuer und fachte das (auch für ihn dann) tödlich ausgehende Eifersuchtsdrama eklektisch an.

In bleibender Erinnerung: Der leise weinende und durch zig dumpfe Große-Trommel-Schläge an den Horror unheimlich gemahnende als wie vorausweisende Todesmarsch - die Musikerinnen und Musiker der Staatskapelle Berlin leisteten wieder einmal Pionierarbeit im Dienste Neuer Musik. Es dirigierte David Robert Coleman.

Lustiges Stück.

[Erstveröffentlicht auf KULTURA-EXTRA am 13.07.2016.]

LUCI MIE TRADITRICI (Staatsoper im Schiller Theater, 12.07.2016)
Musikalische Leitung: David Robert Coleman
Inszenierung: Jürgen Flimm
Bühnenbild: Annette Murschetz
Kostüme: Birgit Wentsch
Licht: Irene Selka
Dramaturgie: Detlef Giese
Besetzung:
La Malaspina ... Katharina Kammerloher
Il Malaspina ... Otto Katzameier
L'Ospite ... Lena Haselmann
Un Servo ... Christian Oldenburg
Mitglieder des Kinderchors der Staatsoper Unter den Linden
Staatskapelle Berlin
Uraufführung bei den Schwetzinger Festspielen: 19. Mai 1998
Berliner Premiere zum INFEKTION!-Festival war am 10. Juni 2016
Weitere Termine: 13., 15., 16. 7. 2016
In Zusammenarbeit mit dem Teatro Comunale di Bologna

12:18 13.07.2016
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Andre Sokolowski

Andre Sokolowski ist Herausgeber und verantwortlicher Redakteur von KULTURA-EXTRA, das online-magazin
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