MAGNIFICAT von Marta Górnicka

Performance Chór Kobiet aus Warschau zu Gast im Haus der Berliner Festspiele
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Marta Górnicka ist eine weltberühmte Regisseurin, deren Spezialität u.a. das Dirigieren (und Inszenieren!) eines Frauenchores ist - der heißt schlicht, einfach und ergreifend Chór Kobiet (= der Chor der Frauen) und setzt sich aus 25 Power-Mädels allen Alters [Namen s. links] zusammen!! Sie & Chor tourten bereits in aller Herren Länder rum, ja und die jeweiligen Resonanzen müssen dem Vernehmen nach geradezu dann durchschlagend gewesen sein - von einem "Zwischenfall", bei einem Auftritt in der Heimat, wollte Górnicka sonach Bericht erstattet haben: "Ich wurde angespuckt und als Hexe bezeichnet." Das war irgendwann mal in Szczecin; doch sowas ist dann wohl die Ausnahme...

Vor ein paar Jahren, als ich's allererste Mal in Polen war, wollte ich unbedingt in Częstochowa jenes Kloster Jasna Góra sehen, wo die polnischen und Welt-Katholiken "ihre" Schwarze Madonna bepilgern - bis heute angeblich das größte Heiligtum des polnischen Volkes. Einschlägige Reiseführer meinen hierzu: "Sie ist Schutzpatronin und nationale Relique, die in allen schweren Zeiten angebetet wurde und den Gläubigen Trost spendete." (Quelle: Reise Know-How Verlag)

Mit ihr (der Schwarzen Madonna) und mit zahlreichen anderen katholischen Über- und Unterthemen im Gesamtkosmos von Polen hadert nun das Stück Magnificat, das Górnicka & Chor in einem fast schon atheistisch anmutenden Grundton und mit einer Riesenportion Ironie zu den FOREIGN AFFAIRS darbrachten - - was für'n Herz und Augen öffnendes Spektakel!! Grundtenor des Ganzen ungefähr dann so: 'Wir Frauen stellen uns zwar hin und wieder gern als Mutter zur Verfügung, aber wen und wie wir vögeln, sollte uns allein dann vorbehalten bleiben, und verschont uns überdies mit eurer Jungfrau!'

Das kommt/kam als Selbstbewusstseinsschrei bzw. -melodie eindeutig bei uns (Männern) an; Górnicka wäre, sowieso, dem Feminismus überhaupt nicht abgeneigt - wie in dem Interview auf dem Programmplakat zu lesen steht. Und zwischen ihr und "ihren" 25 Power-Mädels scheint es dahingehend Übereinstimmung zu geben - - meine allgemeine Menschenkenntnis müsste ich, falls ich da schief läge, von einem Spezialisten untersuchen lassen; bisher konnte ich mich meistens auf Hirn, Bauch und Herz von mir verlassen.

Górnicka leitet ihre Performance mitten aus dem Publikum; da steht sie plötzlich auf, reißt ihre beiden Arme hoch - und vorne, auf der Plattform (in der Seitenbühne des Hauses der Berliner Festspiele), wartet die Formation der 25 auf die Einsätze; die Górnicka versteht ihr Handwerk als zuchtmeisterisch. Präzise und "geheimnisvoll" werden Kommandos von ihr Richtung Chor gestreut. Die Darbietung besticht zum Einen musikalisch (Chor kann singen, aber wie!), zum Andern mimisch (Chor kann spielen, aber wie!) Auch als ein Lehr- und Meisterstück in puncto "stimulierter Chorkörper" seminaristisch zu betrachten; falls da hoffentlich Leute vom Fach oder Kollegen mit unter den Zuhörern/Zusehern waren...

Irre gut!!!!!


http://www.livekritik.de/kultura-extra/templates/getbildtext2.php?text_id=7942
Das ist Marta Górnicka - Foto © Oiko Petersen

[Erstveröffentlichung von Andre Sokolowski am 04.07.2014 auf KULTURA-EXTRA] http://vg01.met.vgwort.de/na/a582f6631b0e4c79ab567097fd08f119

MAGNIFICAT (Seitenbühne des Hauses der Berliner Festspiele, 03.07.2014)
Konzept, Libretto, Regie: MARTA GÓRNICKA
Partitur: IEN
Choreografie: ANNA GODOWSKA
Dramaturgie: AGATA ADAMIECKA
Beratung Chorleitung: MARTA SULEWSKA
Bühne: ANNA MARIA KARCZMARSKA
Mit: EWA CHOMICKA, PAULINA DRZASTWA, VIOLETTA GLIŃŚKA, ALICJA HEROD, ANNA JAGŁOWSKA, NATALIA JAROSIEWICZ, KATARZYNA JAŹNICKA, BARBARA JURCZYŃSKA, EWA KONSTANCIAK, AGNIESZKA MAKOWSKA, KAMILA MICHALSKA, KATARZYNA MIGDALSKA, JOLANTA NAŁĘCZ-JAWECKA, MAGDALENA NOWAKOWSKA, NATALIA OBRĘBSKA, MAGDA ROMA PRZYBYLSKA, ANNA RĄCZKOWSKA, ANNA RUSIECKA, PAULINA SACHARCZUK, KAJA STĘPKOWSKA, KAROLINA SZULEJEWSKA, AGATA WENCEL, KAROLINA WIĘCH, ANNA WODZYŃSKA und ANNA WOJNAROWSKA
Eine Produktion von Instytut Teatralny im. Zbigniewa Raszewskiego
Aufführungen zu den FOREIGN AFFAIRS: 3. 7. 2014, 20 + 22 h

01:10 04.07.2014
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Andre Sokolowski

Andre Sokolowski ist Herausgeber und verantwortlicher Redakteur von KULTURA-EXTRA, das online-magazin
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Andre Sokolowski

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