Mary knallt den FLIEGENDEN HOLLÄNDER ab

Bayreuther Festspiele "Wagner im Kino" - warum nicht?
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Gestern begannen die BAYREUTHER FESTSPIELE - unter Pandemiebedingungen, d.h. dass nur 900 (geimpfte oder getestete oder genesene UND maskierte) Leute im Festspielhaus Platz nehmen dürfen, was nicht mal die Hälfte des personellen Fassungsvermögens ausmacht. Dementsprechend niedriger sind freilich auch die Einnahmen, weil dementsprechend weniger Eintrittskarten verkauft werden durften; und noch mehr diverse Einschränkungen, die das insgesamte Festspiel-Feeling selbstverständlich trüben dürften, wären zu beklagen; keine Frage. Trotzdem finden sie jetzt - und nach einem Jahr der pandemiebedingten Unterbrechung - endlich wieder statt, und das Programm ist einigermaßen respektabel.

Dem Gros der akkreditierbaren Journalistinnen und Journalisten hat die Festspielleitung dieses Jahr aufs Generöseste einen Besuch der jeweiligen Generalproben anheimgestellt; das Pressekartenkontingent musste herabgeschmolzen werden, und um es nicht völlig mit den vielen Menschen, die jahrein, jahraus über die Festspiele landauf, landab berichten, zu verderben, kam man halt jetzt (gar nicht mal so schlecht gedacht) zu dieser praktikablen Lösung - unsereiner nutzte dieses Angebot in puncto der Walküre, deren Eindrücke wir dann - nachdem die reguläre Premiere am kommenden Donnerstag stattfinden wird - unseren Leserinnen und Lesern nachreichen werden; bis dahin also Geduld.

Der fliegende Holländer wurde als diesjährige Festspieleröffnung gewählt; zum ersten Mal stand eine Frau am Pult des Festspielorchesters: Oksana Lynivar, was die musikalische Gereichung insgesamt dann auf eine ganz unbeschreiblich kräftigende und gleichsam auch liebreizende Art und Weise adelte, das schon mal gleich vorweg! Und - wir probierten ihn (den neuen Holländer) anhand des von der Festspielleiterin Katharina Wagner bereits vor Jahren kreierten Formats WAGNER IM KINO spaßenshalber einmal aus.

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Wir wählten das Berliner Kino International, eines der elitärsten Vorzeige-Lichtspielhäuser im Ostteil der Stadt, für diese Live-Schaltung aus Bayreuth aus, ja und das alles lief wie folgt:

Von halb bis um sechs gab es launige Gespräche und Interviews, für die der im Gipsbein steckende Moderator Axel Brüggemann zuständig war, er plauderte belanglos und sehr gut gelaunt mit einer Handvoll Interpreten, und dann zogen er und seine Festspielleiterin drei Hauptgewinne eines vorher irgendwann und irgendwie veranstalteten Preisausschreibens; die Gewinne gingen dann, unter notarieller Aufsicht, zweifach nach Essen und (Hauptpreis mit 2 Premierenkarten für die kommende Saison) nach Bayreuth. Dann gab es noch ein paar Minuten Livebilder von einer Standbildkamera in Richtung Festspielhaus von vorn mit Balkon, auf dem dann die obgligatorischen Bläserfanfaren kurz vor Vorstellungsbeginn erklangen. Dann war die Liveübertragung der Oper (Bildregie: Andy Sommer) mit wechselnden Nah- und Totaleinstellungen; wahrscheinlich auch aus Perspektive des Soufleurkastens. Ja und das Tontechnische und der Klang an sich waren ganz tadellos.

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Kurz noch paar Sätze zur Aufführung:

Bei dem auf deutschsprachigen Bühnen mittlerweile unabkömmlich gewordenen Regisseur Dmitri Tcherniakov muss man immer eine andere Geschichte statt diejenige, um die es eigentlich dann gehen sollte, mitdenken - vielmehr: er zwingt sie einem auf. Und falls ich seine Sicht der Dinge dann jetzt richtig zusammengekriegt habe, geht die Vorgeschichte seines Holländers in etwa so:

Daland hatte vor Jahren mal etwas mit einer anderen Frau (als Mary, seiner jetzigen). Die wiederum war Mutter eines kleinen Sohns, der immer wieder, wenn sie es mit einem Mann getrieben hatte, also auch mit Daland, zur Seite gestellt wurde; also so was Ähnliches wie bei der damaligen kleinen Hitchcock-Marnie, itzo in Gestalt von einem Jungen statt von einem Mädchen. Hin und her, die Mutter trieb es immer wieder neu, auch mit dem Daland, ja und als sie sich an Daland mit Brachialgewalt ankleben wollte, stieß er sie (à la "Enough is enough") von sich, und die Zurückgestoßene erhänkte sich kurzum; das wiederum musste ihr kleiner Sohn als Zeuge miterleben - und der kleine Sohn entpuppte sich, paar Jahre und Jahrzehnte später, als besagter Holländer, der nun auf Rache sann; ja und sein Rachefeldzug führte ihn schlussendlich zu Daland und dessen Tochter Senta usw. usf. / Und Mary, Sentas Stiefmutter, knallte den Holländer am Ende einfach mal so ab, und letzte Frage aller Fragen lautete daher: Was wusste sie, was wir nicht wissen konnten???

Ergo gibt es keine Schiffsmasten und keine Matrosenanzüge zu sehen, auch keine Spinnräder. Und Tcherniakov musste sich ein hübsches Buhgewitter anhören, obgleich - was uns betrifft - wir schon viel schlimmere Tcherniakovs bisher sahen und erdulden mussten.

Als Star der Aufführung glühte Asmik Grigorian! Hochgeniale Packung aus Gesungenem sowie Geschauspielertem. Einfach fesselnd.

Und John Lundgren (Holländer), Eric Cuttler (Erik), Marina Prudenskaya (Mary) und Attilio Glaser (Steuermann): gediegen und genehmigt.

Ja und Georg Zeppenfeld war diesmal auch als Daland eine Attraktion für sich.

[Erstveröffentlicht auf KULTURA-EXTRA am 26.07.2021.]

DER FLIEGENDE HOLLÄNDER (Bayreuther Festspiele, 25.07.2021)
Musikalische Leitung: Oksana Lyniv
Regie und Bühne: Dmitri Tcherniakov
Kostüme: Elena Zaytseva
Licht: Gleb Filshtinsky
Dramaturgie: Tatiana Werestchagina
Besetzung:
Daland ... Georg Zeppenfeld
Senta ... Asmik Grigorian
Erik ... Eric Cutler
Mary ... Marina Prudenskaya
Der Steuermann ... Attilio Glaser
Der Holländer ... John Lundgren
Festspielchor
Festspielorchester
Premiere war am 25. Juli 2021.
Weitere Termine: 31.07., 04., 07., 11., 14., 20.08.2021
WAGNER IM KINO-Übertragung im Kino International, Berlin am 25.07.2021

08:43 26.07.2021
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Andre Sokolowski

Andre Sokolowski ist Herausgeber und verantwortlicher Redakteur von KULTURA-EXTRA, das online-magazin
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