MORGEN UND ABEND an der Deutschen Oper Berlin

Neue Musik Georg Friedrich Haas vertonte Jon Fosses Roman über den kurzen Menschenzeitpunkt zwischen Leben und Tod
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Es gibt eine Eigenheitlichkeit in unser aller Leben, die ist letzten Endes - und vom Anfang bis zum Schluss - dermaßen wahr, dass es uns überrascht, wenn wir sie (durch ein künstlerisches Werk, zum Beispiel) plötzlich zuvermittelt kriegen; anders ausgedrückt: Nein hätten wir das nicht auch selbst, ohne das einflussstarke Zutun eines Anderen, an uns und unsern Lebensläuften schlicht und selbstverständlich nachvollziehen und begreifen können?

Das Musiktheater Morgen und Abend, das der österreichische Komponist Georg Friedrich Haas nach dem Roman Morgon og kveld des großen Norwegers Jon Fosse komponierte, gibt ein zauberhaftes Beispiel dafür, was "der kleine Mensch" an sich und seiner großen Welt um ihn ermessen sollte und ermessen kann:

"Eines Morgens wacht Johannes auf. Er fühlt sich leicht und spürt in seinem Körper nichts mehr von den Spuren eines langen, arbeitsreichen, aber auch erfüllten Lebens als Fischer. Er macht sich einen Kaffee, dreht sich eine Zigarette, isst ein Brot. Es ist ein Morgen wie jeder Morgen. Doch irgendwie erscheint ihm die Welt verändert. Er trifft Erna, seine Frau. Und später dann Peter, seinen besten Freund – beide sind schon länger tot. Und als seine jüngste Tochter Signe wie jeden Tag kommt, um nach ihm zu sehen, sieht sie ihn nicht." (Quelle: deutscheoperberlin.de)

Geburt und Tod, Leben und Sterben, Sein und Nichtmehrsein, Materie und das große Nix...

Ein Riesenscheinwerfer, den Richard Hudson an diversen Stellen seines in mittsommernächtlich anmutende Weißtöne getauchten Bühnenbilds zum Einsatz brachte, blendete zum Stückfinale nicht nur den in die Woanderswelt aufschwebenden Protagonisten (Christoph Pohl, Johannes darstellend), sondern uns Zuschauer gleich mit - so derart schön (erschockten wir in aufgeblendeter Genüsslichkeit) sollte fürwahr der sich verselbständigende Beseelungsakt in uns vollzogen werden; o was wäre das für eine wunderaussichtsreiche Eigenheit!

*

So richtig weiß das freilich Keiner, wie man nach dem großen Hingegangensein (vom Leben) "richtig" da bzw. dort (woanders als im Leben vorher) sein wird. Ja und nur die Allergläubigsten unter uns Menschenkindern sind da etwas optimistischer als aller Rest. Na ist ja auch egal.

Die Haas-Musik ist jedenfalls in einer dauerwogenden und -wellenden Auf-/Ab-Schwebe, meistens in mehr doch seichteren Gewässern, und es riecht geradezu nach Fjord. Aber es gibt auch drohende, bedrohliche Momente - aus dem rechts und links überm Orchestergraben aufgebauten Schlagwerk mischten hartschlägige Kesselpauken-Soli das entschleunigte und gleichsam zeitgeraffte Menschenleben auf...

Michael Boder leitete ein schier sensationell gespielt habendes Orchester der Deutschen Oper Berlin!

Helena Rasker (Erna) sowie Sarah Wegener (Signe) traten als Frau und Tochter von Johannes episodisch oder tagtraumhaftig auf.

Will Hartmann (Peter) und noch einmal Sarah Wegener (Hebamme) waren weitere Bezugspersonen unsrer Hauptgestalt.

Und Klaus Maria Brandauer (Olai, der Vater von Johannes) demonstrierte imposant, dass er durch aufmerksames Zählen seine komplizierten Einsätze, die er in dieser über halbstündigen Sprechrolle zu absolvieren hatte, nicht verpasste.

Graham Vick (Regie) - auf dessen Tristan-Inszenierung an der DOB wir nach wie vor nichts kommen lassen wollen - ließ durch 59 Productions die jeweiligen deutsch gesungenen Passagen als verspielte Schriftzüge im Hintergrund mitlaufen.

Sehr erhellend, sehr bedeutungsvoll das Alles - also insgesamt.


[Erstveröffentlicht auf KULTURA-EXTRA am 4. Mai 2016.)

MORGEN UND ABEND (Deutsche Oper Berlin, 03.05.2016)
Musikalische Leitung: Michael Boder
Inszenierung: Graham Vick
Bühne und Kostüme: Richard Hudson
Licht: Giuseppe Di Iorio
Video: 59productions
Chöre: William Spaulding
Dramaturgie: Sebastian Hanusa
Besetzung:
Johannes ... Christoph Pohl
Erna ... Helena Rasker
Signe, Hebamme ... Sarah Wegener
Peter ... Will Hartmann
Olai ... Klaus Maria Brandauer
Chor und Orchester der Deutschen Oper Berlin
Uraufführung am Royal Opera House Covent Garden war am 13. November 2015
DEA an der Deutschen Oper Berlin: 29. 4. 2016
Weitere Termine in Berlin: 11. / 22. 5. 2016
Eine Koproduktion zwischen der Deutschen Oper Berlin und dem Royal Opera House Covent Garden

08:11 04.05.2016
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Andre Sokolowski

Andre Sokolowski ist Herausgeber und verantwortlicher Redakteur von KULTURA-EXTRA, das online-magazin
Schreiber 0 Leser 8
Andre Sokolowski

Kommentare