NABUCCO von Verdi durch Kirill Serebrennikov

Premierenkritik Flüchtlinge und Flüchtlingskrisen an der Hamburgischen Staatsoper
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Die emotionale Aufgewühltheit des am vergangenen Sonntag an der Staatsoper Hamburg seine umjubelte Premiere gefeiert habenden Nabucco manifestierte sich v.a. auch mittels der ihn viermal "unterbrochenen" Vorm-Vorhang-Aktionen (im Programmheft als Intermedien bezeichnet):

Der aus Syrien stammende Musiker Abed Harsony (Gesang und Oud) und die in ihrer syrischen Heimat Anglistik und Dolmetschen studiert habende Sängerin Hana Alkourbah - beide asylierten sie 2015 bzw. 2014 nach Deutschland - "unterlegten" eine nicht unbeträchtliche Anzahl der vom russischen Pulitzerpreisträger Sergey Ponomarev seit Ausbruch des Syrienkrieges fotografierten und nunmehr gezeigten Kriegs- und Fluchtbilder mit ihrer traditionellen Musik. Das führte, spätestens ab Aufzeigen besonders krasser Leid- und Todfotografien, zu versprengten Unmutsäußerungen einzelner Premierenbesucher; ihr protestgelad'nes "Aufhören!" nebst lautem Zwischenpfiff vermochten den im Gros empathisch-stillen Grundton einer Mehrheit nicht zu torpedieren - ganz im Gegenteil. Als der vom hausinternen Netzwerk der Hamburgischen Staatsoper zusammengestellte Projektchor "Va, pensiero" anstimmte, schien ein lautstark-kollektives Mitgefühl vollends auf Seiten der vor Krieg und Terror bis hierher Geflüchteten allgegenwärtig. Irgendwie schon tagtraumhaft!

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Das [s.o.] und noch viel, viel mehr erdachte sich der seit zwei Jahren wegen angebllicher Veruntreuung von Staatsgeldern unter Hausarrest stehende russische Theater- und Filmemacher Kirill Serebrennikov (Leto, 2018). Und so gab er halt - von seiner Moskauer Wohnung aus - entsprechende Regie- und Ausstattungsanweisungen per USB-Stick an seine in Hamburg vor Ort wirkenden MitarbeiterInnen Evgeny Kulagin (für die Regie), Olga Pavluk (für das Bühnenbild) und Tatyana Dolmantovskaya (für die Kostüme) weiter, die dann das Gesamtkonzept zu bündeln, zu koordinieren und de facto umzusetzen hatten.

Das Ergebnis war erwartbar zeitgemäß und sicherlich nicht weniger verblüffend - Serebrennikovs Nabucco eröffnete sich so im Sitzungssaal des Weltsicherheitsrates im UNO-Hauptquartier:

"Die Migrationsbewegungen, die Territorialkämpfe, die Flüchtlingskrise und alles was damit zusammenhängt, sind Teil gewaltiger globaler Probleme, die Europa erschüttert haben und weiterhin erschüttern werden, Das, wovon diese Oper erzählt, der kriegsbedingte Verlust von Heimat, geschieht heute.Wir möchten daran arbeiten, dass diese alte Geschichte, die Verdi mit seiner wunderbaren Musik erzählt, sich als dem Zuschauer verständlich erweist. Man muss sich nicht in einen Hebräer oder Babylonier verwandeln, um nachzuvollziehen, worum es geht."
(aus der Video-Botschaft von Kirill Serebrennikov an den Chor der Hamburgischen Staatsoper zum Probenbeginn; Quelle: Nabucco-Programmheft, S. 8/9)

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Verdis Oper fußt auf einem blödsinnigen und kaum nacherzählbaren (ja und noch weniger verständlichen) Libretto Temistocle Soleras. Das wiederum bereitet einem nicht nur auf historische "Zurechtrückung" erpichten Deutungszwang - Regisseur Hans Neuenfels tat beispielsweise zur Jahrtausendwende einen hektisch aufgeblasenen Theaterskandal mit seinem mittlerweile legendär gewordenen Berliner Bienen-Nabucco provozieren - tunlichst Lust und Laune; Serebrennikov befindet sich sonach in einem kollegialen Kreise kreativster Stück-Veränderer.

Der aktualisierte Cast meint exemplarisch, dass Nabucco in 2008 "mit der Kampagne Assyria first einen historischen Wahlsieg für seine Partei Einiges Assyrien" errungen haben soll und seither das Land als "autokratisches Einparteiensystem" regieren würde oder Abigail (Nabuccos erstgeborene Tochter aus erster Ehe) "die Jugendorganisation der Partei Einiges Assyrien" leiten und an der Seite ihres Vaters "eine aggressive minderheitenfeindliche Agenda" verfolgen würde usf.; Nabucco-Dramaturg Sergio Morabito setzte im Übrigen die aktuellen Kurzviten in deutsches Wortgut um.

Ein eigentlich doch unstatthaftes Unter- und/oder Vermischtsein solchen Populisten oder Potentaten wie Trump, Assad inkl. ihrer Familys wurde da auf das Freizügigste konstruiert und aufgeblättert und das allgemein sich selbst bildende Wahrwissen in unsern Tagen derart ad absurdum geführt und grundsätzlich infrage gestellt. Auch gut!

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Ja und gesungen oder musiziert wurde natürlich auch noch:

Der Grieche Dimitri Platanias verlieh der Titelrolle ein schier kampfhund- und fast tollwutartiges Profil. Die Lautstärke und Stimmkraft seines durchschlagenden Baritons prägten sich ein.

Oksana Dyka investierte Kraft und Mut in ihre fast schon hässlich tönenden Gewaltverlautbarungen hinsichtlich der Abigail, die sie brachial und ätzend vorführte.

Der Zaccaria Alexander Vinogradovs imponierte ganz und gar mit seinem tief und immer tiefer in die menschlichen wie stimmtechnischen Abgründe hinabdriftenden Bass.

Auch gut: Dovlet Nurgeldiyev (als Ismaele), Alin Anca (als Baalpriester) und - nolens volens - Sungho Kim & Géraldine Chauvet als die sich zwei Liebenden Abdallo & Fenena.

Der Chor der Hamburgischen Staatsoper (Einstudierung: Eberhard Friedrich) und das Philharmonische Staatsorchester Hamburg unter der Leitung von Paolo Carignani gaben diesem mehr als Zeichen setzenden und hochgrandiosen Opernabend auch ein "massiges" und gleichsam ordnendes Gewicht.

Wir apellieren dringend hinzugehen!

[Erstveröffentlicht auf KULTURA-EXTRA am 11.03.2019.]

NABUCCO (Hamburgische Staatsoper, 10.03.2019)
Musikalische Leitung: Paolo Carignani
Inszenierung, Bühnenbild und Kostüme: Kirill Serebrennikov
Mitarbeit Regie: Evgeny Kulagin
Mitarbeit Bühne: Olga Pavluk
Mitarbeit Kostüme: Tatyana Dolmatovskaya
Video: Ilya Shagalov
Fotografie: Sergey Ponomarev
Licht: Bernd Gallasch
Dramaturgie: Sergio Morabito
Chor: Eberhard Friedrich
Besetzung:
Nabucco ... Dimitri Platanias
Ismaele ... Dovlet Nurgeldiyev
Zaccaria ... Alexander Vinogradov
Abigaille ... Oksana Dyka
Fenena ... Géraldine Chauvet
Oberpriester des Baal ... Alin Anca
Abdallo ... Sungho Kim
Anna ... Na'ama Shulman
Chor der Hamburgischen Staatsoper
Philharmonisches Staatsorchester Hamburg
Premiere war am 10. März 2019.
Weitere Termine: 13., 17., 20., 23.03. / 02., 05.04. / 19., 22., 27.09. / 02., 05.10.2019

17:33 11.03.2019
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Andre Sokolowski

Andre Sokolowski ist Herausgeber und verantwortlicher Redakteur von KULTURA-EXTRA, das online-magazin
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