Oliver Frljić | EIN BERICHT FÜR EINE AKADEMIE

Premierenkritik Hyperaktiver Kafka-Abend mit noch vielen andern Textbeigaben
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Der vielfach preisgekrönte kroatische Regisseur und Autor Oliver Frljić fällt nicht unoft durch recht provokante Darreichungen der für seine künstlerische Selbstverwirklichung wohl am geeignetsten scheinenden Spielvorlagen auf - zuletzt löste das bei den Wiener Festwochen 2016 einen handfesten Skandal aus; dort tat man sich insbesondere (in Naše nasilje i vaše nasilje - Unsere Gewalt und eure Gewalt) arg irritiert und angewidert daran stoßen, dass eine Muslima eine österreichische Fahne aus ihrer Vagina zog, um sie hierauf zu hissen; Frljić arbeitete sich in dem besagten Stück an Peter Weiss' Die Ästhetik des Widerstandes ab.

Und am Berliner Festungsgraben war und ist er auch nunmehr präsent: 2017 fand sein Fluch-Gastspiel mit dem Teatr Powszechny statt, und letztes Jahr hatte seine Gorki-Alternative für Deutschland? hier Premiere.

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Gestern Abend trat er an, die schmale zehnseitige Kafka'sche Erzählung Ein Bericht für eine Akademie - stark angereichert mit noch anderen Versatz- und Bruchstücken aus Kafkas Feder sowie einem Auszug aus Coetzees Roman Elizabeth Costello (wo es u.a. um Parallelaspekte zwischen geschlachteten Tieren oder Menschen, Stichwort Treblinka/IS-Zeitalter, zu gehen schien) - in aufblasender und zerfransender Manier zu theatralisieren. Es gelang, wenn man "es" irgendwie als unterhaltsames Spektakel akzeptieren wollte, auf passable Art und Weise:

Eingebetteter Medieninhalt

Jonas Dassler (als Rotpeter), Mehmet Ateşçi (als Kafka) oder Aram Tafreshian (als Zoodirektor Hagenbeck) überboten sich gegenseitig mit spielerischem Hyperaktionismus - beeindruckend der Solo-Auftritt des splitternackten Tafreshian, der "seine" große Hagenbeckrede zum Quasi-Mitmachtheater ausufern ließ, indem er, splitternackt so wie er war, urplötzlich durch die Sitzreihen des Publikums sich quetschte und über die Leute weg von einer Sitzkante zur andern stieg - grandioses Akrobatentum!

Mit von der Partie auch Lea Draeger, Svenja Lieslau, Nika Mišković, Vidina Popov, Sesede Terzziyan sowie der Pavian Jeany, der stark eingeschüchtert von dem Krach der Umsichherbrüllenden und dem abschließenden allzu lauten Beifallsjubel mit Bananenstückchen seines Trainers René Harsch beruhigend abgelenkt werden musste, dass er nicht zu sehr verstörte...

Schlussendlich krachten die Tausende von Büchern (Bühnenbild von Igor Pauška) aus den bis zur Decke hochreichenden Buchregalen, was womöglich zwanghaft an die Bücherverbrennung von 1933 gemahnen sollte. Weit dahinter war der Reichstag/Bundestag verkleinert stilisiert, ja und Rotpeter - jener menschgewordene Affe aus Kafkas Bericht- hielt eine (fiktive?) Abgeordnetenrede; Quelle ihres Textes un-klar.

Diesbezüglich endete der pausenlose zweistündige Abend.

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Großer Jubel, wie gesagt.

[Erstveröffentlicht auf KULTURA-EXTRA am 09.02.2019.]

EIN BERICHT FÜR EINE AKADEMIE (Maxim Gorki Theater, 08.02.2019)
nach Motiven der Erzählung von Franz Kafka

Regie: Oliver Frljić
Bühne: Igor Pauška
Kostüme: Sandra Dekanić
Licht: Jens Krüger
Ton: Hannes Zieger
Dramaturgie: Johanna Höhmann
Tiertrainer: René Harsch
Mit Mehmet Ateşçi, Jonas Dassler, Lea Draeger, Svenja Lieslau, Nika Mišković, Vidina Popov, Aram Tafreshian und Sesede Terzziyan sowie dem Pavian Jeany (Filmtierschule Harsch)
Premiere war am 8. Februar 2019.
Weitere Termine: 09., 21.02. / 07., 30.03.2019

12:21 09.02.2019
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Andre Sokolowski

Andre Sokolowski ist Herausgeber und verantwortlicher Redakteur von KULTURA-EXTRA, das online-magazin
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