OPHELIAS ZIMMER mit Jenny König

Premierenkritik Katie Mitchell bebilderte und vertonte in der Schaubühne Berlin (im Globe) Texte von Alice Birch
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Jenny König in Ophelias Zimmer in der Schaubühne am Lehniner Platz | Foto (C) Gianmarco Bresadola

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Jenny König - die bereits in Thomas Ostermeiers Hamlet an der Schaubühne Ophelia (sowie Gertrud) ist - spielt nunmehr auch im neuen Katie Mitchell-Stück die Hauptrolle; es heißt Ophelias Zimmer und basiert auf Texten der Dramatikerin Alice Birch.

Über zwei kurzweilige Stunden, die man in dem von Jan Pappelbaum (anlässlich der Premiere von Shakespeares Richard III.) baulich nachempfundenen und in Saal C hineingestellten Globe verbringt, wird das "Intime" der womöglich rätselhaftesten Frauen-Theaterrolle äußerlich (durch Visuelles) als wie innerlich (durch Auditives) vorgeführt:

"In Shakespeares 'Hamlet' tritt Ophelia in fünf Szenen in Erscheinung. Ein Stück, das nur aus diesen Szenen bestünde, würde sich ziemlich unangenehm lesen: Einem jungen Mädchen wird gesagt, sie solle ihren Freund zurückweisen, wenn er mit ihr schlafen will. Sie erzählt ihrem Vater, wie ihr Freund gerade in ihr Zimmer gestürmt ist, sie am Arm gerissen und geschüttelt hat. Sie soll mit ihren privaten Briefen zum Palast gehen, um dort ihren Freund zu treffen und so zu tun, als seien sie allein, während der König und ihr Vater sie beobachten. Das Mädchen sieht sich ein Theaterstück an, das ihr Freund geschrieben hat, in dem er seinen Stiefvater und seine Mutter beschuldigt, seinen Vater umgebracht zu haben. Und das Mädchen trifft die Mutter ihres Freundes und ist nicht länger imstande, zusammenhängende Sätze zu sprechen und sich normal zu benehmen.
Aber was passiert, wenn Ophelia allein ist? Liest und näht sie wirklich die ganze Zeit, und schreibt Liebesbriefe an ihren Freund, den Prinzen? Wie empfindet sie ihren Körper, ihr Geschlecht und was denkt sie über ihre verstorbene Mutter? Was geschieht, als sie nach den seltsamen Ereignissen im Palast zurückkommt? Wie findet sie heraus, dass ihr Vater gestorben ist? Wie geht es ihr, als sie erkennen muss, dass ihr Freund ihn im Schlafzimmer seiner Mutter mit einem Messer getötet hat? Wer ist der seltsame Mann, der plötzlich nach dem Tod ihres Vaters auftaucht? Wie wird sie verrückt? Und stirbt sie wirklich friedlich im Fluss treibend, von Blumen bedeckt, wie es die Mutter ihres Freundes berichtet? Oder sind die Gründe für ihren Tod sehr viel düsterer und verstörender? Und wie genau sieht der aufgeschwemmte, im Fluss treibende, tote Körper eines jungen Mädchens aus?"
(Quelle: schaubuehne.de)

Chloe Lamford baute eine große Black-Box, welche - sehr bedrohlich sich herunter und herauf hievend - 5mal (entsprechend der 5-Akt-Struktur des Stücks) Ophelias Zimmer gänzlich zudeckelt und in sich einschließt. Weiße Schrift bezeichnet die 5 Stadien des Ertrinkens, die durch eine Männerstimme pathologisch-physikalische Erklärung finden. Ein crystaltöniges Bling-Signal dient zu der jeweiligen Trennung von zig einzelnen Momentaufnahmen, wo die meiste Zeit "nur" Jenny König (als Ophelia) gestisch und beweglich auszumachen ist; sie wird von einer Oberstimme, die sich als die Stimme ihrer leibhaftigen Mutter offenbart, durch tagebuchhafte Passagen eingedeckt; sie lauscht den Brief-Kassetten Hamlets, die ihr ihr Recorder wiedergibt; sie hört andauernd Schritte; sie lässt den herumschreienden Hamlet nicht zu sich hinein; sie wirft die Blumen (Hamlet's), die das junge Hausmädchen vorbei bringt, weg...

Es gibt auch eine kurze und sehr heftige Begegnung mit Renato Schuch (als Hamlet), der gewaltbereit ins Zimmer stürmt und - Aggressionen abbauend - durch einen von schier ohrenbetäubender Musik gegeißelten (Veits-) Ein-Tanz abhebt...

Wasser dringt ins Zimmer...

Iris Becher (als das junge Hausmädchen) und Ulrich Hoppe (als ein Unbekannter) reichen der Ophelia Tabletten...

Jenny König hatte sich inzwischen dutzendweise Kleider nach und nach übergestreift - der Körper (der Ophelia) plustert auf...

Mit einem Messer bringt sie es & sich zu Ende.

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Katie Mitchell tut das Rätsel der Ophelia so entklären: Eingesperrtsein und verübter Fremdeinfluss (physische als wie psychische Gewalt) haben noch jede(n) Ex-Normale(n) in den ozeanen Wahnsinn treiben lassen.

Großartig gebaut, zwingend gespielt!!


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Jenny König in Ophelias Zimmer in der Schaubühne am Lehniner Platz | Foto (C) Gianmarco Bresadola

[Erstveröffentlichung von Andre Sokolowski am 10.12.2015 auf KULTURA-EXTRA]

23:33 09.12.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Andre Sokolowski

Andre Sokolowski ist Herausgeber und verantwortlicher Redakteur von KULTURA-EXTRA, das online-magazin
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Andre Sokolowski

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