PARADIESE an der Oper Leipzig

Uraufführung Gerd Kühr (Musik) und Hans-Ulrich Treichel (Text) schrieben eine Art von Wende-Oper, die sowohl in West- wie auch in Ostberlin verortet ist
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Die letzte große Uraufführung an der Oper Leipzig, die mir schneidend in Erinnerung geblieben ist, war Abraum von Jörg Herchet. Das liegt weit über ein Vierteljahrhundert zurück. Das waren noch Zeiten, als es Udo Zimmermann, der quirlige Nachwende-Intendant, schier atemlos und ohne jegliche Verschnaufpausen dort krachen ließ - denn er war's schließlich auch, der Dienstag sowie Freitag aus Stockhausens LICHT-Zyklus hier anberaumte, und auch Herchets Nachtwache in der Regie Ruth Berghaus' fand in diesem Zeitraum erstmals statt; alles vor Ort erlebt, ja, wunder-wunder-wunder-wunderbar das Alles!!!!

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Aktuell verbanden sich zwei ausgewiesene Top-Koryphäen neueren Musiktheaters - der in Kärnten geborene österreichische Komponist Gerd Kühr(Stallerhof oder Tod und Teufel) und der in Versmold geborene ostwestfälische Librettist Hans-Ulrich Treichel(Das verratene Meer von Hans Werner Henze oder Oceane von Detlev Glanert) - , um als Auftragswerk des Hauses am Augustusplatz so eine Art von Wendeoper, die sich nacheinander erst in West- und dann in Ostberlin abspielt, gemeinsam zu kreieren; und das Resultat nach ihrer Uraufführung gestern Abend mit den 300 anwesenden Premierengästen [reduzierte Anzahl wegen Covid 19], das zu ziehen ich mich hier bemüßigt fühle, kam und kommt mir dürftig und durchwachsen vor.

Paradiese heißt das zweistündige Opus, und es geht in ihm um die Geschichte Alberts (fulminant gesungen und gespielt von Bariton Mathias Hausmann), dessen etwas mehr als 20 Jahre währendes Jugend- und Wendeleben man in vier diffusen "Zwischenstationen" inkl. zweier Traumverschnitte vorgeführt bekommt. Die vier Zentralbezugspersonen des besagten Alberts sind die sexsüchtige 68er Studentin Lise (Alina Adamski), die aufgrund ihres fast manisch anmutenden Bohr- sowie Plombiergelüsts nicht unpervers zu nennende Zahnarztanwärterin Friederike (Julia Sophie Wagner), die an Asthma laborierende Theaterdiseuse Marie (Christiane Döcker) und die an einer Blaues-Halstuch-Phobie leidende Ex-DDRlerin Anna (Magdalena Hinterdöbler); ihre vier darstellenden Gesangssolistinnen empfand ich als leibhaftige Stimmakrobatinnen der absoluten Sonderklasse.

Ja und textlich?

Roter Faden von den Paradiesen war, dass Albert seine ostwestfälische Provinz verließ, um in dem Westberlin der 1968er "weltstadtmäßig" zu reifen, um am Ende nach der Wende im Berliner Ostteil eine Ostberlinerin zu heiraten und mit ihr zweimal Sex am Tag zu haben... DAS nenne ich allerdings (also dasjenige, was im Ergebnis des Zusammenfließens der vier Paradiese-Kurzstories als Nonplusultra dieser unbemerkenswerten weil vollkommen unausdeklinierten Handlung angeboten wird) fürwahr recht dürftig.

Und durchwachsen ist es insbesondere wegen der beiden "Nebenhandlungen", jenen zwei Wachtraumszenen auf der Pfaueninsel und beim griechischen Theater; diesseitiger Jenseitigenkrampf, sag ich da nur.

Aber egal.

Eingebetteter Medieninhalt

Barbora Horáková Joly (Regie), Aida Leonor Guardia & Eva Butzkies (Ausstattung) vollzogen immerhin eine sehr opulente also ansehbare Inszenierung.

Und Ulf Schirmer, dem die irgendwie doch uneinprägsame Musik Gerd Kührs auf alle Fälle gut gefallen haben muss (sonst hätte er die Partitur nicht auf die Notenpulte legen lassen) dirigierte das Gewandhausorchester.

Wie dann auch der Chor der Oper Leipzig (Einstudierung: Thomas Eitler-de Lint) voll zu tun hatte und daher hochgeneigteste Erwähnung finden soll.

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Erquickensreich zu wissen wäre jetzt, wie sich der Leipziger - also der Leipziger an sich (konkret: der Wende-Leipziger!) - von Kührs & Treichels Paradiesen, namentlich in deren zweitem Teil, historisch und (mehr noch:) mental vereinnahmt fühlte.

Macht doch spaßenshalber mal 'ne Umfrage im Anschluss an die anstehenden Folgevorstellungen frei nach der Devise: Wie geriet die Graugans in die Pfanne?

[Erstveröffentlicht auf KULTURA-EXTRA am 10.07.2021.]

PARADIESE (Oper Leipzig, 09.07.2021)
Musikalische Leitung: Ulf Schirmer
Inszenierung: Barbora Horáková Joly
Bühne: Aida-Leonor Guardia
Kostüme: Eva Butzkies
Licht: Stefan Bolliger
Choreinstudierung: Thomas Eitler-de Lint
Dramaturgie: Hella Bartnig und Christian Geltinger
Besetzung:
Lise ... Alina Adamski
Friederike ... Julia Sophie Wagner
Marie ... Christiane Döcker
Anna ... Magdalena Hinterdobler
Albert ... Mathias Hausmann
Sponti-Student, Hofmeister ... Gabriel Pereira
Studentenführer, Regisseur ... Julian Dominique Clement
Professor der Zahnmedizin, Fürst ... Philipp Nicklaus
Grenzsoldat, Bote ... Jochen Vogel
Flugblattverteiler ... Joan Vincent Hoppe
1. Russischer Soldat, Dramaturg ... Einar Dagur Jónsson
Psychoanalytiker, Bote ... Jean-Baptiste Mouret
Klavierschüler (der Knabe Albert) ... Teofila Ginzel
Chor der Oper Leipzig
Gewandhausorchester Leipzig
Uraufführung war am 9. Juli 2021.
Weitere Termine: 10., 11.07.2021
Kompositionsauftrag der Oper Leipzig, gefördert durch die Ernst von Siemens Musikstiftung

21:14 10.07.2021
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Andre Sokolowski

Andre Sokolowski ist Herausgeber und verantwortlicher Redakteur von KULTURA-EXTRA, das online-magazin
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