PELLÉAS ET MÉLISANDE erstmals an der KOB

Premierenkritik Gewalt in der Familie - dieses und noch mehr filtrierte Barrie Kosky aus der Debussy-Oper
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Das Bühnenbild Klaus Grünbergs in Barrie Koskys Inszenierung von Pelléas et Melisande an der Komischen Oper Berlin - es besteht aus einem viergliedrigen und nach vorn bzw. hinten ausladenden Ziehharmonika-Guckkasten, der, auch durch geschickte Lichteinwirkung, klaustrophobische Beengungen assoziiert; auf den vier schmalen Ebenen kommt es zu jeweiligen Auftritten der handelnden Personen mittels langsam und von rechts bzw. links entlang führenden Laufbändern - verzichtet auf die diese Oper eigentlich doch illustrieren sollenden "Zentral-Bausteine" Wasser oder Turm.

Sofort, als ich das sah, erinnerte ich mich ganz zwanghaft an vergleichbar-unvergleichliche Ausstattungen von früheren Berliner Produktionen: In 2004 schien Marco Arturo Marelli die Bühne der DOB mit Wasser geradezu überfluten zu wollen - in Ruth Berghaus' 1991er Inszenierung an der Deutschen Staatsoper stellte ihr Bühnenbildner Hartmut Meyer wenigstens dann noch die steile Turmtreppe zentral ins Bild.

"Ich wollte kein Meer, keine Türen, keinen Turm und auch kein lang herabfallendes Haar. Ich wollte überhaupt keine Möbel auf der Bühne", bestimmte Kosky: "Als ich mit Klaus Grünberg an Tristan und Isolde arbeitete, war auch sofort klar: alles, nur kein Wasser auf der Bühne, denn das Meer ist das Orchester!"

[Die vielleicht versehentlich verschütteten Premieren-Buhs einiger weniger Pelléas-Fans richteten sich eindeutig gegen Kosky, und obgleich sie sicherlich dem Grünberg, der zur Live-Entgegennahme dieser Huldigungen gar nicht angetreten war, gegolten haben könnten.]

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Ja, es ging und geht um Innen- sowie Außenkämpfe von Personen, die in einer Art hermetisch abgeschloss'nen Falle ihr gesamtes Körpersein - für uns, das sie drei Stunden lang aufs Korn nehmende Publikum - zur Schau zu stellen hatten. So viel angespannte, ausgelebte Körperlichkeit habe ich, in dieser Zugespitztheit, wohl noch nie in einer Opernaufführung erlebt. Kurzschließt man "es" zur komplizierten Handlung dieser symbolistisch aufgeladenen und psychoanalytisch jede Menge Futter frei legenden Maeterlinck-Vorlage, könnte man "es" auch Gewalt-in-der-Familie nennen.

Golaud - jener Aufgreifer und Gatte/Schwängerer der von ihm aufgegriff'nen Mélisande als wie Stiefbruder und Mörder des mit Mélisande "rein platonisch" etwas angefangen habenden Pelléas - wird bei Kosky aufwertender Weise überdimensioniert und so ins absolute Zentrum jedweder Betrachtungsmöglichkeit gerückt; mit Günter Papendell steht ihm da eine schauspielernde Sängerpersönlichkeit zur Verfügung, dem man diese Rolle (so wie keinem andern und in keiner andern Inszenierung je zuvor) ganz ohne jeden Zweifel abnimmt, er vermag so eine unheimliche Mischung zwischen Zartheit und Gewalt, Gutem und Bösem, Leisem/Lautem aufzuspüren; seine individuelle Rollensicht wird zudem durch ein Hochmaß knisternder Erotik angeschärft!

Nadja Mchantaf (die ihrerseits als Mélisande, welche ihre und die anderen Geschicke anfangs durchaus dominiert oder sogar beherrscht) muss, so wie Papendell, als Idealbesetzung gelten!! Ihr Gesang hat einen glasklaren, fast durchsichtigen Klang, ist dennoch kräftig und haushaltet klug bis hin zu Stellen und Passagen, wo sie völlig aus sich explodieren muss.

Dominik Köninger kann die Pelléas'schen Verdrängungs- und Gestörtheitsmale durch betont Zurückgenommenes, fast schon Kindlich-Verspieltes - auch gesanglich - nachvollziehbar machen.

Auch Jens Larsen (Arkel), Gregor-Michael Hoffmann (Yniold) und Nadine Weissmann (Genéviève) können sich glücklich schätzen, in dem Kreis dieser so anspruchsvollen RolleninterpretInnen grandios bestanden zu haben.

Das so ziemlich Alles könnende Orchester der Komischen Oper Berlin kam mit dem ab der neuen Spielzeit in Funktion eines ständigen Kapellmeisters waltenden Jordan de Souza gut zurecht. Mit der Materie Debussy schien der Betroffene, rein handwerklich, vertraut. Dass dennoch klanglich irgendetwas anders und nicht ganz so optimal wie sonst (bei Debussy) geklungen hatte - keine Ahnung, woran das gelegen haben mag.

[Erstveröffentlicht auf KULTURA-EXTRA am 16.10.2017.]

PELLÉAS ET MÉLISANDE (Komische Oper Berlin, 15.10.2017)
Musikalische Leitung: Jordan de Souza
Inszenierung: Barrie Kosky
Bühnenbild / Licht: Klaus Grünberg
Co-Bühnenbildnerin: Anne Kuhn
Kostüme: Dinah Ehm
Dramaturgie: Johanna Wall
Besetzung:
Arkel, König von Allemonde ... Jens Larsen
Geneviève, Mutter von Pelléas und Golaud ... Nadine Weissmann
Pelléas ... Dominik Köninger
Golaud ... Günter Papendell
Mélisande ... Nadja Mchantaf
Der kleine Yniold, Golauds Sohn aus erster Ehe ... Gregor-Michael Hoffmann
Ein Arzt / Die Stimme des Hirten ... Samuli Taskinen
Premiere war am 15. Oktober 2017.
Weitere Termine: 21., 28.10. / 17.11. / 02., 14., 23.12. 2017 // 12.07.2018
Koproduktion mit dem Nationaltheater Mannheim

17:23 16.10.2017
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Andre Sokolowski

Andre Sokolowski ist Herausgeber und verantwortlicher Redakteur von KULTURA-EXTRA, das online-magazin
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