PSYCHO mit den Berliner Philharmonikern

Musikfest Berlin Sir Simon Rattle dirigierte außerdem Schönbergs Monodram DIE GLÜCKLICHE HAND und Nielsens Sinfonie DAS UNAUSLÖSCHLICHE
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Die Berliner Philharmoniker bestritten ihr letztes Waldbühnenkonzert [28. 6. 2015] mit amerikanischer Filmmusik. Das kam wohl bei den Leuten so gut an, dass unser Alleskönner-Orchester konsequent und richtig meinte, auf der Schiene jetzt noch einen schönen Zuschlag geben zu müssen; denn aus Hitchcocks Psycho (kennt fast jeder) spielte es ein zünftiges Medley. Komponist Bernard Herrmann schrieb die unverwechselbaren und sehr stimmungsvollen Weisen 1960, als der Film herausgekommen war. Das nachträglich mit "A Narrative for String Orchestra" untertitelte Stück stellte John Mauceri zusammen, und es wurde derart in 2000 uraufgeführt. Es wirkt so wie es wirken soll und muss: Man schließt die Augen, sieht den expressionistisch anheimelnden Filmvorspann, fährt mit der Janet Leigh im Auto, kommt mit ihr auf dieser menschenleeren Klitsche an, checkt mit ihr in das schäbige Motel ein, sieht das Gruselhaus links in der Gegend etwas weiter höher, ahnt sofort nichts Gutes, und dann wartet man auch schon sehr sehnsüchtig auf diese Lieblingsstelle in dem Film, wenn Janet Leigh von Anthony Perkins (der die Gruseltante mit dem großen, scharfen Messer ist) unter der Dusche abgestochen wird und man zum Höhepunkt der Szene diesen "schwarzen Blutwirbel" zum Ausguss rinnen sieht etc. pp. / Sir Simon Rattle schien die Angelegenheit Purfreude zu bereiten, und man sah ihn, als er nach der Viertelstunde vom Orchester abging, seinen Kopf vor enthusiastischer Begeistung leicht schütteln à la 'Nein, es gibt doch nichts, was die dann nicht zu spielen in der Lage sind, ach, die sind einfach toll, ja, wirklich toll, ich muss es wirklich noch mal sagen so wie's ist'...

Nach diesem hochwillkomm'nen Mega-Einstiegskracher dann die hörerische und unser Gemüt gar niederstreckende Ernüchterung: Die glückliche Hand von Arnold Schönberg - so ein Werk, wo man bereits nach weniger als drei Minuten hofft, dass es sehr schnell vorüber klingt. Es ist so eine Art von Maskulinpendant zur ungleich viel, viel besseren Erwartung (dort wühlte der Komponist im Seelen-Landschaftsbereich einer an ihrer Über-Erwartung scheiternden Hysterikerin rum - was musikalisch-"seelenklempnerisch" ganz gut geriet); das Männer-Monodram war nunmehr im Programmheft abgedruckt, und rein vom Lesen her blieb/bleibt zu konstatieren, dass das Stück zu mindestens zwei Dritteln aus stark laienhaft geformter/formulierter und an Bilder von Max Ernst gemahnender Regieanweisungsprosa besteht; kurz auf den Punkt gebracht: ein Mann streckt seine Hand aus um zu greifen, was er letztlich nicht und nimmer-nie (be-)greifen also halten könnte oder so. / Bariton Florian Boesch sang diesen Typ, und je sechs Damen/Herren aus dem Rundfunkchor Berlin bildeten einen Kommentier- und Stimmrahmen zur kruden Un-Handlung. Nicht schlecht, dass ihr uns dieses Schönberg-Unikum rein konzertant serviertet, aber ohne all die Bildersurrealität, die Schönberg für es forderte, schien aller Aufwand irgendwie vergeb'ne Mühe.

Die vierte Sinfonie Carl Nielsens trägt den Beititel Das Unauslöschliche und ist vielleicht - neben der für die Dänen nicht ganz uwichtigen "Nationaloper" Maskerade - das beliebteste und populärste Werk des Komponisten. Hans Henny Jahnn, der deutsche Megadichter als wie Orgelbauer, hatte diese Sinfonie (unter veränderter Bezeichnung, nämlich als Das Unausweichliche) einem der beiden Haupthelden in seiner 3000seitigen Epopöe Fluss ohne Ufer zugeeignet; der Tonsetzer Gustav Anias Horn werkelt an ihr ein Leben lang und will mit ihr nicht richtig fertig werden; faustisch nennt man so etwas in der Literatur. / Faustisch hört sie sich auch tatsächlich an - vielleicht nicht ganz so faustisch, wie sie uns jetzt Simon Rattle in gehetzer und in überspitzter Weise darzureichen willens war. Es gab in seiner Werksicht wenig Ruhe, kaum mehr Zeit zum Luftholen "dazwischen". Von der austarierten Schicht-um-Schicht-Entwicklung, wie sie seiner Zeit der Karajan in seiner 1994er Philharmoniker-Enspielung (eine seiner besten Aufnahmen!) zutage förderte, war gestern Abend leider wenig oder nichts zu spüren.

Ungeachtet dessen: Ausufernder Jubel nach dem teilweise doch mehr als anstrengenden Abend.


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Kennt jeder: Duschszene mit Janet Leigh und Anthony Perkins (die Tante mit dem Messer) in Alfred Hitchcocks Psycho | (C) Universal

[Erstveröffentlichung von Andre Sokolowski am 19.09.2015 auf KULTURA-EXTRA]

MUSIKFEST BERLIN (Philharmonie, 18.09.2015)
Bernard Herrmann: Psycho | A Narrative for String Orchestra
Arnold Schönberg: Die glückliche Hand | Monodram für Bariton, Kammerchor und Orchester
Carl Nielsen: Pan und Syrinx
- Symphonie Nr. 4 op. 29 Das Unauslöschliche
FLORIAN BOESCH, Bariton
MITGLIEDER DES RUNDFUNKCHOR BERLIN
GIJS LEENAARS, Einstudierung
BERLINER PHILHARMONIKER
SIR SIMON RATTLE, Leitung

20:24 19.09.2015
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Geschrieben von

Andre Sokolowski

Andre Sokolowski ist Herausgeber und verantwortlicher Redakteur von KULTURA-EXTRA, das online-magazin
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Andre Sokolowski

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