Sensationelle GÖTTERDÄMMERUNG in Cottbus

Opernkritik Evan Christ und Martin Schüler stemmten Wagners Schlussstück aus dem RING am Staatstheater Cottbus
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Im vorjährigen WAGNER-Jubiläumsstrudel ging der Ring aus Cottbus - der im März 2013 mit der Götterdämmmerung nach nunmehr 10 (!) geschafften Jahren seine überraschende Vollendung finden sollte - in den einschlägigen Medien, sicher auch wegen der über sie berichteten oder berichtenswerten oder weniger berichtenswerten internationalen Konkurrenzfälle, beinahe völlig unter. Was auch daran lag oder gelegen haben könnte, dass sich halt - bis heute - eine zyklische Gesamtdarbietung (Inszenierung: Martin Schüler / Ausstattung: Gundula Martin) potenzialbedingter Maßen ausgeschlossen hatte; und so lasen wir z.B. Dieses hier:"Das Werk komplett aufzuführen, ist aber nicht möglich, weil die Zeitspanne der Erarbeitung zu lang ist und die gewechselten Sänger nicht zur Verfügung stehen." (Quelle: CB Stadtmagazin, März-Mai 2013)

Die Entstehungsgeschichte dieses für das Staatstheater Cottbus (wenn man es im Nachhinein betrachtet:) hochsensationellen Großprojekts ist wohl dann mehr dem künstlerischen Drängen seines - nach dem 2003er Ring-Start erst - ans Haus berufenen Chefdirigenten Evan Christ zu danken. Denn nachdem die ersten Anzeichen auf "Abbruch" standen (Das Rheingold wurde noch vom Vorgänger von Evan Christ geleitet; und auch Martin Schüler, der dieRing-Regie verantwortete, war zu diesem Zeitpunkt noch nicht Intendant), wollte der amerikanische Pultstar "unbedingt den Ring. Der ließ sich das sogar in den Vertrag schreiben. Was sollte ich da machen?" wird uns Martin Schüler herzitiert. (Quelle: s.o.)

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Gestern nun bestaunten wir die letzte Vorstellung des Dritten Tags aus Richard Wagners Der Ring des Nibelungen:

Es war und ist die beste Götterdämmerung, die ich in meinem bisherigen Leben sah UND hörte!!

Schüler/Martin kommen "nur" mit einem wotanblitzartigen weißen Laufsteg, der sich längs des zweigeteilten (und gewiss mit einem Sonderaufgebot von aushelfenden Gastmusikern aufgestockten) Philharmonischen Orchesters des Staatstheaters Cottbus, das sich also "oberhalb" und nicht etwa im Graben aufhält, bis zur Bühnenrampe weit nach vorn erstreckt, sowie mit Sitzgelegenheiten (Designer-Couch und Sessel sowie Dutzende von Holzstühlen) nebst etlichen herbei- und wieder wegetragnen Requisiten aus. Das darstellende Personal steckt in modernen/ modernistischen Kostümen. Die Personenführung und -gestaltung hat sich auf das "früher schon" (zur Zeit eines Joachim Herz oder auch eines Harry Kupfer) gut bewährt habende physisch-psychologische Herausarbeiten wesentlicher Charaktere und/oder Charaktereigenschaften der Figuren fokussiert - wir sitzen also einer Handlung bei, wie sie nicht spannender und gänsehautverursachender szenisch nachvollzogen hätte werden können. Alles ohne diese heutzutage immer inflationierender und penetranter herkommenden Video-Mätzchen oder zusätzlichen Tanz-Einlagen (heutzutage üblich an den sogenannten Spitzenhäusern) - was für eine seherische Wohltat, es in diesem Grat der szenischen Total-Beschränkung jetzt in Cottbus vorgeführt gekriegt zu haben!

Die in Berlin nicht unbekannte hochdramatische Sabine Paßow liefert eine atemberaubend spielende und hochartikuliert (sensationelle Textverständlichkeit!) sich leichtgewichtig und glockenrein von Höhe zu Höhe steigernde Brünnhilde ab. / Andreas Jäpel und Gesine Forberger verleihen der in dieser Inszenierung doch sehr vordergründigen und sehr gewichtigen Präsenz der Gibichungengeschwister Gunther und Gutrune ein schier unvergessliches gestalterisches, stimmliches Gewicht - - sie wären ohne Weiteres, nicht nur in diesen Rollen, "exportierbar" in die sog. Spitzenhäuser dieser Welt. / Gary Jankowski, dem der Regisseur eine die Handlung ordnend-steuernde und gleichsam torpedierende Funktion zumisst, hat üppige Gelegenheiten, sich in seiner aashaftigen Hagenhaftigkeit mehr oder weniger dann auszutoben; die Partie an sich muss erst mal wer beherrschen! / Thomas Gazheli und Marlene Lichtenberg (als Alberich und Waltraute) setzen fast kammerspielhafte Spezialakzente. / Craig Bermingham (als Siegfried) kämpft sich, stark indisponiert, durch die fünf Stunden; und man konnte ihm gar nicht genug zu Dank verpflichtet sein, dass er - durch seine Anwesenheit - das Zustandekommen dieser Aufführung letztendlich überhaupt ermöglichte...

Phänomenaler und sich von Akt zu Akt noch steigernder Wohlklang eines Stadttheater-Orchesters - was ein sensationserheischender Aufhorcher an sich schon gewesen sein dürfte.

Die Leute tobten.

Fassungslose Gesamt-Begeisterung!!!!

[Erstveröffentlichung von Andre Sokolowski am 17.03.2014 auf KULTURA-EXTRA]

http://vg05.met.vgwort.de/na/38a8a9e8670d4da285b96cc2dc78e92a

GÖTTERDÄMMERUNG (Staatstheater Cottbus, 16.03.2014)
Musikalische Leitung: Evan Christ
Regie: Martin Schüler
Bühne und Kostüme: Gundula Martin
Choreinstudierung: Christian Möbius
Dramaturgie: Carola Böhnisch
Besetzung:
Siegfried ... Craig Bermingham
Gunther ... Andreas Jäpel
Alberich ... Thomas de Vries
Hagen ... Gary Jankowski
Brünnhilde ... Sabine Paßow
Gutrune ... Gesine Forberger
Waltraute/Erste Norn/Floßhilde ... Marlene Lichtenberg
Zweite Norn ... Carola Fischer
Dritte Norn/Woglinde ... Cornelia Zink
Wellgunde ... Debra Stanley
Wotan ... Hauke Tesch
Frauen und Mannen Damen und Herren des Opernchores, Herren des Chores Cantica Istropolitana (Bratislava), Herren des Extrachores
Philharmonische Orchester des Staatstheaters Cottbus
Premiere war am 30. März 2013

17:36 17.03.2014
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Andre Sokolowski

Andre Sokolowski ist Herausgeber und verantwortlicher Redakteur von KULTURA-EXTRA, das online-magazin
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Andre Sokolowski

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