IN STANNIOLPAPIER von Björn SC Deigner

Autorentheatertage Berlin Die vom DT Berlin gezeigte Fassung von Sebastian Hartmann entpuppt sich als ein skandalöser Fall einer fast klassisch anmutenden Urheberrechtsverletzung
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

"Die Jury der Autorentheatertage des Deutschen Theaters Berlin legt Wert auf die klare Feststellung, dass sie aufgrund seiner inhaltlichen und sprachlichen Qualitäten das Stück In Stanniolpapier von Björn SC Deigner nach einer Idee von Anna Berndt ausgewählt und ausgezeichnet hat und nicht 'die Fassung' Sebastian Hartmanns. Diese ist vom Ursprungstext in einer Weise abgekoppelt, die wir für sinnverdrehend halten und von der wir uns distanzieren möchten", lässt Bernd Noack (der Sprecher der Jury) in einer den Besuchern vor Vorstellungsbeginn ausgehändigten schriftlichen Stellungnahme wissen.

Eingebetteter Medieninhalt

Dass es sich sonach bei der gestern Abend stattgefundenen Premiere der o.g. "Fassung von Sebastian Hartmann" um einen klassischen Fall von Urheberrechtsverletzung gehandelt haben sollte, dürfte sicherlich - und spätestens im Nachhinein - sowohl dem Stückautor Björn SC Deigner als auch dem ihn vertretenden S. Fischer Verlag inzwischen klar geworden sein; beide, Autor und/oder Verlag, hätten zurecht dagegen klagen müssen, denn: Die Aufführung läuft dreist unter dem ursprünglichen Werktitel [In Stanniolpapier] sowie mit Namensnennung seines geistigen Urhebers [Björn SC Deigner]; lediglich das Wörtchen "Uraufführung" hatte man noch halbherzig in einschlägigen Vorankündigungen und auf dem Programmheft-Cover durchgestrichen.

So was nenne ich dann schon einen Skandal!

*

Das Ding wurde und wird dann also durchgezogen, und der Ur-Text wurde/wird in 'nem verlagseigenen Skript dazugereicht frei nach dem Motto "tut vergleichen, falls ihr wollt"; okay.

Im Web war/ist dann [gestern noch] das Folgende zum Stück zu lesen:

"Eine Frau erzählt. Von ihrem Missbrauchtwerden als junges Mädchen, vom Verrat durch die Mutter, von ihrem Dasein als Prostituierte und von der Gewalt. Lakonisch, mitleidlos und unsentimental. Es sind Szenen eines Lebens, in denen Geld und Gefühl kaum voneinander zu trennen sind. Doch wird dessen Wahrhaftigkeit dadurch nicht weniger dringlich, im Gegenteil: Vielleicht macht ja Geld so etwas wie Gefühl überhaupt erst möglich. Björn SC Deigner hat für seinen Theatertext dokumentarisches Material zusammengefügt und verdichtet. Sebastian Hartmann wird diesen Bericht als visuell überbordende Reise in das Bewusstsein seiner Erzählerin inszenieren." (Quelle: deutschestheater.de)

* *

Die Performance von Sebastian Hartmann (Bühne und Regie) fühlte sich allem Anschein nach lediglich inspiriert von Stoff und Inhalt des ihm vorgelegt Gewesenen; ja und so ähnlich, wie er es dann tat, hätte er auch womöglich mit 'ner vorliegenden Staubsauger-Anleitung frank und frei verfahren können à la "ich bin hier der Künstler, und was mir durch meine Finger kommt, behandele ich so wie ich das will" - das ist die Hybris und das Recht der künstlerischen Freiheit, und das ist selbstredend richtig so; vorausgesetzt dass es sich (außerhalb der immer noch genau dann 70 Jahre andauernden Urheberrechtspflicht) um eine Staubsauger-Anleitung gehandelt hätte:

Maria, ein minderjähriges Mädchen, wird durch einen Freund der Familie sexuell missbraucht und gerät, wahrscheinlich durch ihn und seine "Vermittlungen", umgehend auf den Strich, wo sie dann in den nächsten Jahren, einerseits sich handwerklich professionalisierend aber andrerseits psychisch und physisch mehr und mehr abbauend, bleibt; zuletzt vermeint man nur noch Schemenhaftes über ihre Krankenhaus- und Reha-Aufenthalte stichwortmäßig zu erfahren...

Hartmann lässt die drei bis zur totalen körperlichen Selbsterschöpfung sich verausgabenden Protagonisten - Linda Pöppel als Maria, Manuel Harder und Frank Büttner als Maria-Freier - gehackte Worte oder Wortteile sowie (für diese Art von sprachlich absolviertem Hack-Haschee) Satz- oder Satzteile-Zitate [aus dem Ur-Text In Stanniolpapier] aus sich heraus artikulier'n. Die meiste Zeit des anderthalbstündigen Kunst-Events wird allerdings für die Zurschaustellung von pseudosexuellen Handlungen - von den zwei Live-Kameramännern Dorian Sorg und (immer wenn er grade mal nicht mitspielte) Manuel Harder in zig Nahaufnahmen eingefangen - und entsprechenden Begleitlauten (Tonangeln: Arseniy Kogan und Leonard Däscher) obsessiv verplempert.

Null Geschockt- und null Gerührtsein.

Peinlich, peinlich.

[Erstveröffentlicht auf KULTURA-EXTRA am 23.06.2018.]

IN STANNIOLPAPIER (Kammerspiele, 22.06.2018)
von Björn SC Deigner nach einer Idee von Anna Berndt in einer Fassung von Sebastian Hartmann

Regie / Bühne: Sebastian Hartmann
Kostüme: Adriana Braga Peretzki
Dramaturgie: Claus Caesar
Mit: Frank Büttner, Manuel Harder und Linda Pöppel
Premiere am Deutschen Theater Berlin: 22. Juni 2018
Weitere Termine: 23., 27.06.2018

12:55 23.06.2018
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Andre Sokolowski

Andre Sokolowski ist Herausgeber und verantwortlicher Redakteur von KULTURA-EXTRA, das online-magazin
Schreiber 0 Leser 9
Andre Sokolowski

Kommentare