Stephen King's MISERY am Schlosspark Theater

Theaterkritik Franziska Troegner kann mit Kathy Bates gut mithalten
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Traditionsgerüche wehen durch ein Haus, das eine stolze Aura hat. Ich lese auf den eingerahmten alten Aufführungsplakaten Stücktitel wie beispielsweise Colombe (von Jean Anouilh, 1951, Inszenierung Helmut Käutner), Endspurt (von Peter Ustinov, 1962, mit Martin Held) oder Barbaren (von Gorki, DEA 1967, Inszenierung Boris Barlog). Es gibt jede Menge Szenenfotos von früher zu sehen. Auch Original-Autogramme von Fontane, Gerhart Hauptmann, Wilhelm Busch, Fellini, Zarah Leander, Heinz Rühmann, Theo Lingen, Hildegard Kneef oder Liz Tayler hängen an der Wand...

Das renommierte Schlosspark Theater (im Berliner Stadtteil Steglitz) gibt's seit 1804. Es war, gleich nach dem Zweiten Weltkrieg, von dem Barlog 27 Jahre lang geführt, danach folgten Hans Lietzau und Boy Gobert. Als kleine Spielstätte des Schillertheaters war es von 1950 bis (zur Abwicklung) 1993 Teil der Staatlichen Schauspielbühnen. Danach ging es hin und her; seine Bedeutung schien sich zu verflachen, der Senat verzapfte mit ihm eine (nicht nur kommerzielle) Fehlentscheidung nach der anderen - 2008 hatte es Dieter Hallervorden (!) für zehn Jahre angemietet und mit eig'nen finanziellen Mitteln sogar umbau'n lassen. Er betreibt es seither "als Sprechtheater ohne festes Ensemble im Semi-Stagione- und Gastspielbetrieb. In jedem Jahr gibt es etwa sechs Eigenproduktionen (viele davon deutsche Erstaufführungen), die durch Gastspiele ergänzt werden". (Quelle: Wikipedia)

Ich habe obige Verkürzungen jetzt aufgeführt, weil ich (seit ich seit über 15 Jahren Wahlberliner bin) noch nie hier war - was ein Skandal an sich bedeutet.

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Misery (nach Stephen King) ist einer meiner Lieblingsfilme! Kathy Bates verkörpert hier die durchgeknallte Krankenschwester Annie - und James Caan ihr Unfallopfer Paul. Ich lege mir die DVD alljährlich Heiligabend oder zu Silvester in den Player, auch weil so viel schöner weißer Schnee auf ihr zu sehen ist - - v.a. aber wegen des inflationären Fortgereiztseins einer mehr als problematisch scheinenden Persönlichkeit. Ja, Kathy [Bates erhielt hierfür den Oscar!] wird am Schluss der Handlung schlicht zur Sau...

Der aus dem Schnee von ihr Gerettete als wie Verschleppte ist ein Bestsellerautor, der eine Reihe Bücher schrieb, in denen es um eine Misery (die Titelheldin irgend so 'ner Unterhaltungs-Scheiße) geht. Das sind nun - faktisch als der Ausgangspunkt der "Innenhandlung" Annies - ihre Lieblingsbücher, und nachdem sie mitkriegt, dass dann ab dem letzten Misery-Buch, welches sie als Taschenbuchausgabe, und noch während sie den Schriftsteller als Geisel bei sich hat, ergattert/konsumiert, die Titelheldin stirbt und Misery sonach am Ende ist, rastet sie aus. Zumal sie sich mit der Lektüre (dieser Serien-Scheiße) Jahr um Jahr so eine Art Beruhigung und Beseeligung ihres von einer Dauer-Depression zerschund'nen Wesens "medikamentös" verabreichte etc. pp. Sie zwingt den Autor auf der Stelle, dessen aktuelles (neues und womöglich literarisch ernst gemeintes) Buch in Flammen aufgehen zu lassen und 'ne neue Misery (= Miserys Rückkehr) zu verfassen usw. usf.


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Misery am Schlosspark Theater Berlin - Foto (C) DERDEHMEL/Urbschat

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Franziska Troegner, eine altgediente und berühmte Ex-BE-Aktrice (Regisseurin und Theaterleiterin Ruth Berghaus holte sie in 1976 für sage und schreibe 20 Jahre an die Brecht-Bühne am Schiffbauerdamm!) kommt mit der Rolle der besagten Irren hochvorzüglich-kongenial zurande. Dieses Unberechenbare der Figur und deren überraschend-unerwartbare Verhaltensweisen scheinen bei ihr allerbestens aufgehoben. Troegners Spiel-Lust überträgt sich, und ich habe dauerhaft Erquickungsschübe, wenn ich alles Das mit ihr so live erlebe.

Stück-Partner Jörg Schüttauf (als Paul Sheldon) kann gut mithalten - dass er dann je am Anfang und am Schluss der "von Stephen King persönlich autorisierten Bühnenfassung" Simon Moores mit so was wie 'ner Pulitzer-Trophäe vor den Vorhang treten muss, um irgendwelchen Gefälligkeitskram in Richtung Publikum zu plappern, ist dem Stück-Text, der nicht annähernd die flirrend-scharfe Qualität des Films besitzt, zu schulden.

Thomas Schendel hat gediegen-texttreu inszeniert, die Ausstattung (mit einem prall gefüllten Riesenmedizinschrank, beispielsweise!) stammt von Daria Kornysheva.

Misery am Schlosspark Theater wird ein Dauerbrenner!!

[Erstveröffentlichung von Andre Sokolowski am 03.12.2014 auf KULTURA-EXTRA] http://vg05.met.vgwort.de/na/77fd0b4641a4459e81908ae68d038e16

MISERY (Schlosspark Theater Berlin, 02.12.2014)
Regie: Thomas Schendel
Bühne und Kostüme: Daria Kornysheva
Musik: Philippe Roth und Ashley Dindoyal
Mit: Franziska Troegner und Jörg Schüttauf
Premiere war am 29. November 2014
Weitere Termine: 3. - 5. 12. 2014 / 12. - 18. 1., 12. - 16. 2., 25. - 29. 3., 28. - 30. 4., 1. - 5. 5. 2015

12:19 03.12.2014
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Andre Sokolowski

Andre Sokolowski ist Herausgeber und verantwortlicher Redakteur von KULTURA-EXTRA, das online-magazin
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Andre Sokolowski

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