TEMPUS FUGIT von Magnus Lindberg

Live-Stream Konzertfilm mit dem NDR Elbphilharmonie Orchester (Dirigent: Alan Gilbert)
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"Die Zeit verflieht" - nichts ist so wahr wie das.

Im Rosenkavalier, als Beispiel nur, verdichtete die Marschallin das unser aller Leben so auf Trab Bringende mit unüberbietbar schönen Versen ihres Wortgebers Hugo von Hofmannsthal:

"Die Zeit, die ist ein sonderbar Ding.
Wenn man so hinlebt, ist sie rein gar nichts.
Aber dann auf einmal,
da spürt man nichts als sie:
sie ist um uns herum, sie ist auch in uns drinnen.
In den Gesichtern rieselt sie, im Spiegel da rieselt sie,
in meinen Schläfen fließt sie.
Und zwischen mir und dir da fließt sie wieder.
Lautlos, wie eine Sanduhr."

Natürlich fürchtete sie sich - so wie wir alle - vor dem Älterwerden, und ihr graute wohl nicht schlecht vorm Tod. Aber so war und ist das halt mit dieser endlich-unendlichen Zeit.

Das war dann auch Hans Henny Jahnn bewusst, wie schnell und flüchtig so was gehen kann - trotz dass er zweieinhalbtausend Buchseiten (oder mehr sogar) dafür in Anspruch nahm, um diesen unhaltbaren Zustand als Fluss ohne Ufer zu beschreiben.

Oder ist es etwa nicht zum Heulen wegen dieses allzu kurzen Lebensaufenthalts auf Erden?!

Eingebetteter Medieninhalt

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TEMPUS FUGIT heißt dann auch ein halbstündiges Großorchesterstück des finnischen Komponisten Magnus Lindberg (63); er hatte es vor ungefähr vier Jahren komponiert, und seine Weltpremiere war in Helsinki. Was Nordländisches also, was mit Weite, was mit Ruhe, was mit äußerer wie innerer Totalerhabenheit. Seine Musik hört sich nicht ungefällig an, obgleich sie nicht, und zwar an keiner Stelle, durch nachsummbare Erinnerungsmomente auffällt. Vielmehr ist es dieses Insgesamte, dieser harmonievolle und die Naturschönheit so "nachbildende" Fort- und Weiterfluss eines schier unendlichen Liedes, der beeindruckt und in seiner ganzen Gutgestimmtheit fasziniert. Man hat fast zwanghaft Lust, es noch einmal zu hören, auch weil man erahnt, dass es hierin noch vieles Anderes womöglich zu erkunden gibt.

Auf YouTube war es mit dem NDR Elbphilharmonie Orchester unter Leitung seines Dirigenten Alan Gilbert livegestreamt worden - und Alexander Radulescu visualisierte alles das mit wunderschönen Bildabfolgen draußen als wie drinnen; zu dem Lindberg-Opus meint er:

"Das Stück handelt vom Verrinnen der Zeit, von sich überlagernden Zeitebenen und vom Changieren zwischen bekanntem musikalischen Material und neuartigen Klängen. Diese Beschreibung könnte man auch auf die Architektur der Elbphilharmonie anwenden: die Verbindung von altem Material und neuartigen Formen, das Fließende in vielen Raumdetails, die Auflösung von eindeutigen Raum-Ebenen. Daraus entwickelte ich die Idee, Bilder der Elbphilharmonie in das Stück zu integrieren. Die Architektur wird dramaturgischer Bestandteil der Komposition." (Quelle: elbphilharmonie.de)

Und so fühlte man sich teilweise sogar als "Fluggast" der die wunderschönen Außenbilder aufnehmenden Drohne...

[Erstveröffentlicht auf KULTURA-EXTRA am 06.03.2021.]

NDR-ELBPHILHARMONIE ORCHESTER (Elbphilharmonie, 06.03.2021)
Magnus Lindberg: Tempus fugit (2017)
NDR Elbphilharmonie Orchester
Dirigent: Alan Gilbert
Filmregie: Alexander Radulescu
Live-Stream auf elbphilharmonie.de v. 06.03.2021

09:45 07.03.2021
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Geschrieben von

Andre Sokolowski

Andre Sokolowski ist Herausgeber und verantwortlicher Redakteur von KULTURA-EXTRA, das online-magazin
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