THE FIFTH WINTER von und mit Mal Pelo

Tanz im August María Muñoz und Pep Ramis tanzten im HAU Hebbel am Ufer
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Das Stück The Fifth Winter von María Muñoz und Pep Ramis wird mir in der webgereichten Kurzzusammenfassung auf tanzimaugust.de wie folgt erschlossen:

"Zwei Menschen warten darauf, dass ein weiterer Winter vorübergeht. Sie durchstreifen die ausgeräumte Bühne, gefangen in einem Raum zwischen tiefer Stille und den Stimmen ihrer Erinnerung, und vertreiben sich die Zeit."

Zudem heißt es, dass das seit 1989 zusammenarbeitende Duo Mal Pelo "das Vergehen der Zeit ebenso wie die Grenzen unseres eigenen Terrains" reflektieren würde. Dabei ließen sich dann Maria & Pep "von Werken des italienischen Dichters Erri de Luca inspirieren – und verwandel(te)n ihr Duett selbst in ein luzides, choreografisches Gedicht, das zugleich zart und kraftvoll" sei. / Und hätte doch dann bitte der Veranstalter, wenn's nicht zu viel verlangt gewesen wäre, eine simultane Übersetzung der von einer Frauenstimme zart dahergemurmelten französischen oder arabischen Zitate mitgereicht, dann hätte das womöglich noch zum treffsicheren Werkverständnis ganz im Sinne der zwei ChoreografInnen gereichen können.

Doch auch so "verstand" ich Einiges - obgleich das wohl vielleicht nicht kongruent mit der besagten Kurzzusammenfassung [s.o.] war und ist; also:

Eingebetteter Medieninhalt

Ein Mann und eine Frau im fortgeschritt'nen Alter.

Sie in einer Art von Fürsorge-Modus gegenüber ihm; wahrscheinlich hat er Alzheimer, oder er ist (was auf dasgleiche zielt) dement - auf alle Fälle scheint es so, dass er sich nicht an das erinnert, woran sie gerade denkt, obgleich sie einen ganzen Lebensweg zusammen absolvierten und sie ihn, weil er ja jetzt so krank ist, nicht verlassen wollte und auch nicht und nie verlassen wird...

Erinnerungsversuche mittels Nähe und Distanz; man sieht ihr ihre Trauer an, dass sie ihn nicht/nicht mehr "erreicht".

Plötzlich kippelt die Stimmung (gottlob auch mal) ins Humorige: Er lebt gerade einen Euphorie-Schub aus und tut sich voller Ausgelassenheit mit Schlagsahne bespränkeln - sie muss diesem Treiben Einhalte gebieten, auch weil er sie noch und noch dann mit der Sahne vollkleckert, und sie entreißt ihm justament die Spraydosen à la 'Es reicht, mein Freund, beruhige dich, ich bring' dich jetzt ins Bett' o.s.ä.

* *

Ehrliche, ans Herz gehende Vorstellung, obgleich ein bisschen umständlich und ohne eigentliches (Stück-)Zentrum. Sehr eindrucksvoll getanzt.

[Erstveröffentlicht auf KULTURA-EXTRA am 01.09.2018.]

Mal Pelo | The Fifth Winter (HAU 1, 31.08.2018)
Künstlerische Leitung & Performance: María Muñoz und Pep Ramis
Ko-Leitung: Jordi Casanovas
Proben- & Produktionsassistenz: Neus Villà
Künstlerische Mitarbeit: Leo Castro und Vincent Dunoyer
Musikalische Mitarbeit: Alia Selami, Niño de Elche und Israel Galvan
Licht: August Viladomat
Sound & Soundbearbeitung: Fanny Thollot
Bühne: Pep Aymerich, Pep Ramis
Kostüme: CarmePuigdevalli-PlanteS
Gastspiel beim Festival TANZ IM AUGUST

00:29 01.09.2018
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Andre Sokolowski

Andre Sokolowski ist Herausgeber und verantwortlicher Redakteur von KULTURA-EXTRA, das online-magazin
Schreiber 0 Leser 9
Andre Sokolowski

Kommentare