Verdis Requiem unter Teodor Currentzis

Konzertkritik Debüt bei den Berliner Philharmonikern
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"Verdis Requiem" besteht aus zwei Vokabeln: "Verdi" und "Requiem", also (wie ich burschikoserweise schließe) ist die Messa da Requiem des Norditalieners sowas wie die Veroperung des Heiligen Geistes; jedenfalls lag Hans von Bülow damals nicht verkehrt, wenn er dem Komponisten attestierte, dass der 1873/74 eine "Oper im Kirchengewande" kreiert hätte - anstatt sich mit einer stinknormalen Totenmesse (füge ich, schon wieder burschikoser Weise, noch hinzu) in kreativer Demut zu bescheiden...

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Ja und wer wenn nicht der derzeit auffälligste aller derzeit auffälligen Dirigenten, Teodor Currentzis, sollte aus dem Verdi-Requiem einen Requiem-Verdi machen können, also etwas richtig Auffälliges, was das eine, Oper, mit dem andern, Totenmesse, mischt, vermörtelt und in Ungefilde, diesseits/jenseits aller Vorstellungen zwischen Erde/Himmel, transportierte? Sowieso: Er tourte dieses Jahr bereits mit seinen beiden weltberühmten Vorzeige-Ensembles, Chor/Orchester von musicAeterna, durch Europa, um Messa da Requiem in der exklusiv-extrovertierten Sichtweise von ihm publikumswirksam anzubieten.

Nunmehr (endlich!) wollten die Berliner Philharmoniker dann auch mal etwas mit Currentzis machen; Verdis Requiem bot sich also an, und der musicAeterna Choir war auch, in live, dabei!!!

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Ich bin noch immer völlig aufgelöst - die Aufführung liegt grade mal zwei Stunden hinter mir - ; als ich den Saal verließ, war ich mir meines armseligen Atheistendaseins plötzlich nicht mehr sicher, und ich dachte so bei mir, wie gut es sich doch anfühl'n müsste, wenn man einen Glauben, einen Gottglauben, in sich verspürte, und ich wurde unerklärlich neidisch auf ganz infantile Art...

Als der Currentzis seine extrem launige, sowohl im Tempo als auch in der Lautstärke krass auf- und abwallende Darbietung mit dem zwischen Hell/Dunkel, Hoch/Tief, schön und hässlich hin und her geschleuderten Libera me (mit dem unglaublich wie auf einer Himmelsleiter sich verändernden, verwandelnden Sopran von Zarina Abaeva!!) beschloss, forderte er eine gefühlte Viertelstunde "Totenruhe" ein - das Auditorium folgte ihm und hielt unendlich lang den Atem an.

Was für ein irrer Abend.

[Erstveröffentlicht auf KULTURA-EXTRA am 29.11.2019.]

BERLINER PHILHARMONIKER (Philharmonie Berlin, 29.11.2019)
Giuseppe Verdi: Messa da Requiem
Zarina Abaeva, Sopran
Annalisa Stroppa, Mezzosopran
Sergej Romanowsky, Tenor
Evgeny Stavinsky, Bass
musicAeterna Choir
Berliner Philharmoniker
Dirigent: Teodor Currentzis

00:41 30.11.2019
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Geschrieben von

Andre Sokolowski

Andre Sokolowski ist Herausgeber und verantwortlicher Redakteur von KULTURA-EXTRA, das online-magazin
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