Verwunschenes. Die Reichsburg Cochem

Kulturspaziergang Über den Herrn Ravené, die Simon's und "L'Adultera"
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Das anno 886 erstmals urkundlich erwähnte Cochem, ein idyllisch am Fluss gelegenes städtisches Kleinod, ist mit seinen über 5.000 Einwohnern die größte Stadt des rheinlandpfälzischen Kreises Cochem-Zell. Hier lebt es sich v.a. wegen seines Handels oder (noch viel stärker:) wegen des Tourismus. "Die einmalige Kombination aus Reichsburg, historischer Altstadt und Landschaft ist Jahr für Jahr Magnet für viele Besucher aus aller Welt und macht Cochem zu einem der wichtigsten Tourismusziele an der Mosel."(Quelle: cochem.de)

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Der als Diplomchemiker ausgebildete und mit umfassendem stadthistorischem Quellwissen ausgestattete und allvertraut hiermit jonglierende Wolfgang Lambertz, mit dem wir uns zu einer vorsommerlichen Burgführung verabredeten, ist seit fünf Jahren Stadtbürgermeister - ein beneidenswerter Tatbestand nicht nur für "seine" einheimischen Bürger sondern auch für all die vielen Gäste Cochems sprich Touristen oder Kurzausflügler [so wie uns z.B.]!

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Reise-Hauptmagnet ist unumstritten die wie ein vielleicht vormals verwunschenes Schloss weit über der Mosel heraufragende Reichsburg Cochem. Ihre bis ins 12. Jahrhundert zurückreichende Geschichte ist so wirr wie eindrucksvoll. In einer um 1105 verfassten Lebensbeschreibung eines damaligen Kölner Erzbischofs wird beispielsweise ausposaunt, dass der wahnsinnig gewordene Pfalzgraf Heinrich II. seine Gemahlin auf Burg Cochem eigenhändig ermordet haben soll - selbiger Schriftfund (neben anderen tatsächlicheren Dokumenten) bestärkte die Historiker in der Annahme, dass die Burganlage also schon um 1100 existiert haben muss.

"1151 wurde sie von König Konrad III. besetzt und zur Reichsburg erklärt. Im Jahr 1688 wurde die Burg im Zuge des Pfälzischen Erbfolgekrieges von Truppen des französischen Königs Ludwig XIV. besetzt und 1689 zerstört. Lange Zeit blieb die Burganlage Ruine, ehe sie im Jahre 1868 von dem Berliner Kaufmann Louis Fréderic Jacques Ravené für 300 Goldmark gekauft und im neugotischen Stil wieder aufgebaut wurde. Seit 1978 ist sie im Besitz der Stadt Cochem und steht heute unter der Verwaltung der Reichsburg GmbH." (Quelle: Wikipedia)

So [s.o.] kam der Herr von Ravené (1812-1879) zu der Burg. Er war verheiratet mit der 22 Jahre jüngeren Therese von Kusserow (1845-1912), deren Familie dem Bankiersmilieu entstammte; sie war jüdischer Herkunft, und die Genealogie weist bis auf den Bankier Samuel Oppenheim zurück. Zwei Töchter und ein Sohn gebar die Gattin ihrem Gatten, und das Paar lebte wohl dem Vernehmen nach "vernünftig" und in ehelicher Eintracht - bis ein Wanderer des Weges kam:

Dieser hieß Gustav Simon (1843-1931), stammte aus Königsberg und "befreite" sie aus ihrem goldenen Käfig - möchte man sofort, auch in Bewusstwerdung dieses gewagtesten Zusammenhanges zur besagten Burg, kurzschließen. Ja, das war dann schon romanreif, was da abgelaufen war: Die Gattin gibt, um mit 'nem jüngeren Geliebten abzuhau'n, dem Gatten inkl. Kinder einen Laufpass. Ein großbürgerlicher Topp-Skandal, der weite Kreise zog.

Auch drang diese Geschichte bis zu Theodor Fontane durch - der wiederum benutzte sie als Futterquelle; weit noch vor dem Weltbestseller Effi Briest versuchte er das Phänomen des bürgerlich-großbürgerlichen Ehebruchs (anhand des unverhofften Futters) literarisch auszuschlachten. In L'Adultera [zu deutsch: die Ehebrecherin] gab er den "Delinquenten" freilich jeweils andre Namen und veränderte, verfremdete die eigentliche Ur-Geschichte.

"Bismarck soll damals jeden Morgen seinen Kammerdiener, der ihn weckte, gefragt haben: 'Was gibt's Neues in der Affäre Ravené?'"

Das Alles gründlich recherchiert und publizistisch aufgearbeitet zu haben machte sich Therese Wagner-Simon (1911-2002) - eine von vier Enkeln aus der Zweitehe der skandalierten Vorzeigefrau (mit Gustav Simon) - zur Aufgabe. In ihrem lesenswerten Buch Das Urbild von Theodor Fontanes "L'Adultera" werden die innerfamiliären Querverbindungen ganz gleichberechtigt mit dem Aufblättern und Anzitieren von Fontanes Prosa in Zusammenhang gestellt.

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[Anm. d. Red.: Im Schlepptau des Kölner Cellisten Edward John Semon (geb. 1959) - Neffe der o.g. Autorin sowie einer von den Urenkeln Thereses/Gustavs - und einer seiner Cousinen (die ebenfalls, obgleich "etwas entfernter", in verwandtschaftlichem Grad zu den berühmten Eheleuten steht) hatten wir das Vergnügen und das Glück, an der von Wolfgang Lambertz unternommenen Burgführung teilhaftig gewesen zu sein.]

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Bei L'Adultera logiert der zukünftige Liebhaber von Melanie zunächst als "Hausfreund" im Berliner Domizil Ezechiel van der Straatens; also fängt es ziemlich unschuldig und unverfänglich an - bis sich die Hausfrau eines Schuldigeren und Verfänglicheren halt besinnt; sie brennt mit Ebenezer Rubehn - eine Art von Liebe so von Knall zu Fall - ganz einfach durch. Ihre zwei Töchter (und den Gatten freilich auch) lässt sie zurück und will von da an nur noch an der Seite ihres Liebsten, der sie nachgerade heiratet, bis ultimo und länger sein; ein Kind (ihr beider Kind) ist auch schon unterwegs...

Und in der Wirklichkeit als der realen Vorlage zu der Fontane-Prosa?

Gustav Simon (der, der halt als Wanderer des Weges kam) "befreite" also seine zukünftige Frau Therese aus den Fesseln und den Fängen ihres bisherigen Lebens resp. SIE (nur sie höchstselbst) wird es gewesen sein, die dieses völlig neue Leben an der Seite Gustavs leben wollte; keiner zwang sie zu dem folgenreichen Schritt.

"Sie hatte ihrem zweiten Gatten noch neun Kinder geschenkt, von denen zwei kleine Mädchen früh starben. Bei den späteren Trauungen der fünf Töchter und des jüngeren Sohnes, die in der alten Tragheimer Kirche stattfanden, stand das Königsberger Publikum jeweils Spalier, wenn der Hochzeitszug sich bildete. Meine Großmutter", schreibt Thea Simon-Wagner, "trug bei den rasch hintereinander folgenden Heiraten ihrer Töchter gelegentlich wiederholt das gleiche Kleid, was eine enttäuscht Frau aus dem Volk zu dem Ausruf im schönsten Ostpreußisch veranlasste: 'Allwieder det lila.' Dieser Ausspruch wurde zu einem geflügelten Wort in der Familie, wenn es Kleidersorgen gab, die einige ihrer Töchter und Enkelinnen ernster genommen haben..."

Übrigens: Die Musikpflege im Hause Simon [dieses darf nicht unerwähnt bleiben] hatte geradezu spektakuläre Ausmaße: Man traf sich u.a. zu hochkarätigen Kammermusikabenden, und der weltberühmte Geiger Joseph Joachim (1831-1907) oder Hans von Bülow (1830-1894), der nicht minder weltberühmte Pianist und Dirigent, gingen dort ein und aus.

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Cochem spielte in der L'Adultera Fontanes keine Rolle.

Auch die Reichsburg nicht.

Doch "oben" (in der Reichsburg) sind sowohl der Herr von Ravené als auch seine geschiedene Therese gegenwärtiger denn je als würden sie dort Tag und Nacht herumspuken - für alle Zeit, gewiss.

[Erstveröffentlicht auf KULTURA-EXTRA am 12.07.2016.]

09:49 12.07.2016
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Andre Sokolowski

Andre Sokolowski ist Herausgeber und verantwortlicher Redakteur von KULTURA-EXTRA, das online-magazin
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Andre Sokolowski

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