Zum Abriss der Berliner Kudamm-Bühnen

Abriss Theater und Komödie am Kurfürstendamm ziehen (vorübergehend) in das Berliner Schillertheater um. Vom einstigen Glanz bleiben Bilder und großartige Boulevard-Erinnerungen
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community
Zum Abriss der Berliner Kudamm-Bühnen
Bild aus besseren Tagen: Das Theater am Kurfürstendamm 1984

Foto: Willy Pragher/Wikimedia Commons (CC BY 3.0)

Die beiden Schwesternhäuser Theater & Komödie am Kurfürstendamm – auch als die sog. Kudamm-Bühnen im öffentlichen Bewusstsein – werden nun, nach einem langen Hin und Her der damit im Zusammenhang stehenden Grundentscheidungen, ab Ende Mai 2018 abgerissen; und kein Stein wird auf dem anderen mehr stehen bleiben – optisch rückbesinnen wird man sich fortan dann nur noch mittels schöner Bilder aus vergangener und jüngster Zeit an das, was dermaleinst an Stelle der zwei Hausnummern 206/209, nur ein paar kurze Schritte voneinander weg, physisch gestanden haben soll. Freilich: Die Hirne und die Herzen der Alt-Westberliner werden ihre großartigen Boulevard-Erinnerungen an die zwei Theater'chen "bis dass der Tod sie scheidete" aufs Intensivste und auch Innigste bewahren, und es wird ihnen gewiss der Kamm anschwellen, wenn sie, rein gedanklich, auf den (von der geld- als wie gewinngierigen Immobilienwirtschaft, aber auch von unprofessionellem Zutun des Senats in dieser allzu komplizierten Kausa haupt- und mitverschuldeten) Vernichtungsakt gebracht sein werden. Dieses gnadenlose Trauerspiel hat irgendwie schon generell etwas mit der egalitären Ignoranz und/oder dem kulturpolitischen Dilletantismus dieser einerseits so großkotzigen und doch andrerseits in Gelddingen so ruchlos über ihre eigenen Verhältnisse hinaus misswirtschaftenden merkwürdigen Stadt zu tun!

Eingebetteter Medieninhalt

Das vom Architekten Oskar Kaufmann [der dann auch fürs Hebbeltheater, die Volksbühne oder das Renaissancetheater in Berlin zuständig war] im Stile eines "expressionistischen Rokkoko" entworfene Theater am Kurfürstendamm eröffnete 1921 - die Komödie drei Jahre später [1924]; geleitet wurden beide Häuser von Max Reinhardt. Als er finanziell, v.a. wegen der Weltwirtschaftskrise, in Bedrängnis kam, gab er den Laden auf und emigrierte [ein Jahr nach dem Machtantritt der Nazis] 1934 in die USA. Das war die Stunde Null des - bis zur Gegenwart - die beiden Häuser quasi ununterbrochen als Familienbetrieb geleitet habenden Wölffer-Clans; Hans Wölffer (1904-1976) war der erste in der "Erbfolge", er wurde allerdings dann 1942 von den Nazis enteignet, auch weil er staatliche Zensuren unterlief und sowieso oft mit den damaligen Machthabern auf Kollisionskurs stand. Nach Kriegsende eröffneten die beiden schwer beschädigten Häuser 1946/47 wieder: die Komödie mit Kabale und Liebe, das Theater mit Ein Sommernachstraum. 1949 übernahm der Verein der Freien Volksbühne [nicht zu verwechseln mit der Volksbühne am heutigen Rosa-Luxemburg-Platz!] das Theater am Kurfürstendamm, wo ab sofort v.a. zeitgenössische Stücke im Spielplan standen; Rolf Hochhuth´s Der Stellvertreter wurde beispielsweise in der Ära welturaufgeführt - die auf 600 Plätze aufgestockte Komödie übernahm dann zwischenzeitlich wieder Hans Wölffer; ab den 1950ern bot sie ein sicherlich nicht unwillkommenes Kontrastprogramm mit leichter aber anspruchsvoller Muse; alles, was zur jungen Wirtschftaswunderzeit mit Rang und Namen zur Verfügung stand, ließ sich hier engagieren und sorgte im Umkehrschluss für volle Kassen. 1965 wurden die zwei Wölffer-Söhne Jürgen & Christian zu Mitgesellschaftern ernannt - und sie bestellten die Geschäfte auch zu einer Zeit, wo [in 1970] die allmähliche Zäsur erfolgte, nämlich mit dem Bau des sog. Kudamm-Karrées; und plötzlich klemmten die zwei Häuser mittendrin in einem weitläufigen Einkaufszentrum, was am Anfang ihrem theatralen Selbstlauf eigentlich ganz gut tat. Jürgen Wölffer übernahm in 1976 beide Häuser, und sie flutschten ohne Unterlass...

Kurz nach dem Mauerfall kam dann der großen Schnitt: Im Westen gab man ein Theater nach dem andern auf - die früheren Besucher wollten jetzt die reichhaltige Ostberliner Bühnen- und Konzertlandschaften kennenlernen. Und: Das Kudamm-Areal, auf dem die Kudamm-Bühnen nun mal standen, wurde mehrfach-meistbietend an immer wieder neue Eigentümer wegverhökert; mitten in der "Krisenzeit" tat Martin Woelffer die Geschicke übernehmen...

Bis die Deutsche Bank [als Immobilieneignerin des Areals 2005] die Mietverträge zum 31.12.2006 kündigte – das Grundstück wechselte noch weitere drei Male den Besitzer – erst im Februar 2017 gab es, nach lang anhaltenden Demos und Protesten gegen die Theaterschließungen, den zwischen dem Investor, dem Senat und dem Theaterleiter ausgearbeiteten Kompromiss, dass Woelffer (und im Gegenzug für den bevorstehenden Abriss "seiner" beiden Häuser) interimsmäßig im Schillertheater weiterspielen könnte, bis ein neues (unterirdisches!) Theater auf dem neugestalteten Karrée, das allerdings erst noch zu bauen wäre, zur Verfügung stünde.

Na dann: Toi, toi, toi!!!

[Erstveröffentlicht auf KULTURA-EXTRA am 11.05.2018.]

14:32 11.05.2018
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Andre Sokolowski

Andre Sokolowski ist Herausgeber und verantwortlicher Redakteur von KULTURA-EXTRA, das online-magazin
Schreiber 0 Leser 9
Andre Sokolowski

Kommentare