Genuss

BSE-KRISE Über Geschmack wird überhaupt nicht mehr geredet

Die BSE-Krise ist auch deshalb eine Katastrophe, weil sie uns unseres Rechtes auf Genuss beraubt. Die Fragen, die sich in diesen Tagen viele Menschen stellen, haben eine weitreichende Wirkung. Was können wir noch essen? Eine große Zahl von Fragen und kaum Antworten, die die Unsicherheit beruhigen könnten. Nichts ist mehr sicher. Jeder ist auf sich gestellt.

Der Kanzler hat gefordert, die Agrar-Fabriken müssten verschwinden. Die Bundesgesundheitsministerin hat es mit ihrer Beurteilung vom "GAU" der Landwirtschaftspolitik auf den Nenner gebracht. Was die BSE-Krise überdeutlich werden lässt, ist der Bankrott einer Landwirtschafts- und Lebensmittelpolitik, deren Leitlinien der Ausbau industrialisierter Landwirtschaft und Lebensmittelproduktion, Förderung von Massenproduktionen statt Qualität und Exportorientierung zu niedrigsten Weltmarktpreisen lauten. Nimmt man das Kanzler-Wort ernst, muss all das tatsächlich verschwinden. Aber ich wage zu bezweifeln, dass eine radikale Umkehr wirklich stattfinden wird.

Meine Zweifel werden vor allem durch die Erfahrung genährt, dass "unser Essen" nur in einem verengten Sinne als politisches Thema begriffen wird. Die Diskussionen dieser Tage beweisen: Es geht um Gesundheitspolitik, weil unser Fleisch nicht mehr sicher ist. Es geht um Landwirtschaftspolitik, weil darüber gestritten wird, wer die Beseitigung des Tiermehls bezahlen muss. Es geht um Umweltpolitik, weil sich die Frage aufdrängt, ob jetzt auch die Böden durch Ausscheidungen von BSE-Rindern und kontaminiertes Düngemittel zum BSE-Risikofaktor geworden sind. Die Handels- und Verbraucherpolitik wird gestreift, wenn davon die Rede ist, dass billiges Fleisch kein qualitativ gutes Fleisch sein kann.

Nicht die Rede ist - auch in dieser Zeitung nicht - von der umfassenden Bedeutung, die dem zukommt, was wir essen und wie wir dies täglich tun. Die kulturelle Bedeutung des Essens und damit die gesamte Geschichte unserer Ernährung wird ausgeblendet. Mit BSE scheint der Genuss nichts zu tun zu haben. Aber auf der Strecke bleibt nicht nur die Sicherheit unserer Nahrungsaufnahme im ernährungswissenschaftlichen Sinne. Diese Sicherheit gab es auch Wochen vor der Entdeckung deutscher BSE-Rinder nicht und wird es in der nächsten Zukunft nicht geben. Auf der Strecke bleibt der sinnliche Genuss, der uns mit unserem Essen verbindet. Der Geschmack spielt in diesen Zeiten offenbar keine Rolle mehr. BSE kann man nicht schmecken. Überhaupt scheint die industrialisierte Lebensmittelproduktion mit dem Vorgaukeln einer schier unübersehrbaren Fülle verschiedener Geschmacksrichtungen unserem eigenen Geschmack den Garaus gemacht zu haben. Wer schon einmal beobachtet hat, wie Kinder originale Produkte zugunsten von industriell erzeugten Aromen abweisen, weiss, wovon die Rede ist. Die Verbindung zu den Originalen ist den meisten Menschen längst abhanden gekommen. Alles ist jederzeit zu haben. Weder Jahreszeiten mit ihren Vegetationsperioden noch regionale Besonderheiten mit ihren Traditionen des Anbaus, der Verarbeitung und des Geschmacks haben eine Bedeutung. Die berühmten Erdbeeren im Winter sind nur ein lapidares Sinnbild dafür. Aber auch ihr Aroma besteht in unseren Joghurten nur noch aus einer chemischen Anwendung. Das Fehlen dieser Beziehung zu unserem Essen ist die Grundlage dafür, dass nun, kaum hat man auch in Deutschland ein BSE-Rind entdeckt, Panik ausbricht. Aber natürlich wussten es doch alle schon vorher.

Eine Diskussion über die Kultur unserer Ernährung aber bleibt im Bewusstsein der deutschen Medien auf die LifeStyle-Seiten der Gazetten verbannt. Alles nur schöner Schein und Beschäftigung für eine Klasse "Besserverdienender", die sich dies leisten können. Wo bleibt eine engagierte Berichterstattung über das Verschwinden regionaler Gerichte und ihrer Grundprodukte im Freitag? Wo können Freitag-Leserinnen und Leser solche Gerichte essen und woran erkennt man denn gutes Essen? Alles unpolitische Fragestellungen, "Gourmet-Kritik". Diese Einengung ist es, die es der Agrar- und Industrielobby so einfach macht, immer wieder zu behaupten, es wäre alles in Ordnung mit unserem Essen. Das Wissen und die Leidenschaft gehören zu unserem Essen dazu. Das Recht auf sicheres Essen ist wichtig. Das Recht auf Genuss genauso!

Andrea Arcais ist Geschäftsführer von Slow Food Deutschland e.V. (www.slowfood.de)

Nur für kurze Zeit!

12 Monate lesen, nur 9 bezahlen

Freitag-Abo mit dem neuen Roman von Jakob Augstein Jetzt Ihr handsigniertes Exemplar sichern

Print

Erhalten Sie die Printausgabe zum rabattierten Preis inkl. dem Roman „Die Farbe des Feuers“.

Zur Print-Aktion

Digital

Lesen Sie den digitalen Freitag zum Vorteilspreis und entdecken Sie „Die Farbe des Feuers“.

Zur Digital-Aktion

Dieser Artikel ist für Sie kostenlos. Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag abonnieren und dabei mithelfen, eine vielfältige Medienlandschaft zu erhalten. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Jetzt kostenlos testen

Was ist Ihre Meinung?
Diskutieren Sie mit.

Kommentare einblenden