Mit Frank Sinatra summen: You won´t make it there

Alltag Von der Suche nach Chimären oder wie es ist, zu spät nach New York zu kommen

Es gibt klare Sehnsüchte und diffuse. Die klaren verstehen sich von selbst, sie passen ins Bild einer Person, die sich durch ihre Sehnsüchte in konsequenter Linie auf etwas hin bewegt. So kann sich ein Mönch nach Gott oder ein Mädchen nach Liebe sehnen und dabei stringent im Lauf der eigenen Entwicklung schwimmen. Und dann gibt es diese anderen, die diffusen Sehnsüchte, die man nicht erklären kann. Diffuse Sehnsüchte knüpfen sich paradoxerweise an konkrete Ideen, doch warum man sich ausgerechnet für Russland oder für Berge interessiert, ist nicht zu begründen. Es ist wie blindes Topfschlagen eines wachsen wollenden Ich.

Meine diffuse Sehnsucht hängt mit New York zusammen, was, zugegeben, peinlich ist. Denn erstens ist es das bis zur Fühllosigkeit abgenudeltste Klischee von Sehnsucht, das sich finden lässt, und zweitens ist New York wie Existenzialismus in der Philosophie: Man muss früh im Leben dafür geschwärmt haben - Rock, Pop, Comics, Jazz, Hollywood - sonst ist die richtige Zeit verpasst. Und man schleppt die zu spät entwickelte Sehnsucht wie einen dummen Mangel mit sich herum, der nicht aufzuheben ist, weil der Moment, ihn auszugleichen, endgültig vorbei ist. Genau dieser Mangel war es, der New York für mich zur Chiffre werden ließ für irgendetwas, das ich jetzt, mit Mitte Vierzig, endlich tun musste.


Es war meine erste Reise, auf die ich mich, aus Nervosität und Respekt vor der Stadt, wirklich vorbereitet habe. Unübersichtlichkeit, Chaos, Größe habe ich erwartet, diese typische Mischung aus Coolness und Hysterie, die man aus Cop-Filmen kennt, und eingebrannt ins Lesegedächtnis ist wie Tom Wolfes Held Sherman McCoy aus Fegefeuer der Eitelkeiten, der sich in die Bronx verfährt und nicht mehr heil herauskommt. Leise schien Frank Sinatra zu summen: You won´t make it there - zu groß, zu reich, zu arm, zu fremd.

Entsprechend erstaunt war ich, wie einfach alles funktionierte. Verglichen mit Wien zum Beispiel, wo ich eben herkomme, und wo die Dinge als Schneckenhaus oder Strudel angelegt sind, ist New Yorks Raster von erleichternder Klarheit. New York ist, wie die USA, als Prinzip leicht zu erfassen: entweder oder; rauf oder runter, Ost oder West. Und natürlich gibt es diese schwarzen Löcher dazwischen, wie Greenwich Village, wo das grid, das Netz, zerfällt und die vierte Straße plötzlich auf die elfte stößt.

Ich habe arrogant befunden, dass ich keine einfache Touristin sei, denn ich wollte ja etwas, eben dieser diffusen Sehnsucht auf die Spur kommen. Entsprechend lief ich und lief und lief. Es waren die Straßen, die ich sehen wollte, die Stadt, das Leben. Wohl wahr, Manhattan ist kein Pflaster zum Flanieren - du rennst und wirst weiter getrieben wie im Rausch. Bei der Ankunft traf mich East Village, der erste Eindruck, wie eine Wand - whack. Ich habe niemals mit einem Augenaufschlag so viele Sinneseindrücke auf einmal gehabt, a real knockout nennt Woody Allen seine Stadt, und ich taumelte hilflos im völligen Jetlag neben Rachel her, the very crazy Jewish girl, die mit irgendeinem Call-Center in Indien telefonierte, um das Mobiltelefon, das sie für mich gerade im Supermarkt erstanden hatte, frei zu schalten. "And what about the 200 free minutes? Will she get them? Which number is this?" - Rachel überschrie die 14. Straße und ließ mich dann irgendwo stehen - das macht sie immer so, sie hat mich ja am Handy jetzt. Und ich konnte mich endlich fühlen, wie es sich für New York gehört, frei, eine kleine Maus, sehen und nicht gesehen werden, und laufen, laufen, laufen.

Man kann in New York alles tun - wie Rachel mir bezüglich der Kleiderordnung erklärte: "behave like NYC, just don›t care what others might think" - und alles fotografieren, fast ohne aufzufallen. Die Stadt ist ohnehin vollständig gefilmt, Worte und Bilder liegen als dicke Patina auf der Metropole, über die alles schon gesagt und jedes Bild bereits festegehalten ist. Daher rührt die Scham des Zu-spät-Kommens, denn alles, was man über New York erzählt, wird dumm sein, der Wissensvorsprung über die Stadt ist nich einzuholen. Andererseits stellt sich diese Unverfrorenheit ein. Mach trotzdem Bilder, scharf stellen jetzt, Blende, Belichtung. Und sehen: die Hochhäuser aus brickstone, Zeugen einer ehrwürdigen, alten und ersten Moderne. Ballast abwerfen, hochgucken, immer hochgucken mit offenem Mund, und runter: diese kleinen Kiosk-Rollwagen, die überall stehen, die Mani-Pedicuren und Nackenmassagen, denen man durchs Schaufenster zusehen kann, diese riesigen Vitaminstores, die Hunde, die, ausgeführt, meist in Bündeln auftreten, vor allem nördlich der 60. Straße, USA-Flaggen in allen Variationen, die Holzrolltreppen bei Macy›s, die Siamese-Wasseranschlüsse für die Feuerwehr und Ladenschilder: "Dear neighbors. The next dog/cat behaviour session will be Thursday June 5th, right here." Man fotografiert jeden Unsinn, um alles festzuhalten, und manchmal gibt es Kommentare, wie von der alten würdigen Dame, die sich wunderte, was ich da im Schaufenster einer Metzgerei fotografierte: "You are a special person." - "You don›t ask, you steal" rief mir eine Verrückte hinterher, in deren Richtung ich geknipst hatte.

Ich traf some people of New York, Rachel eben, die von Madrid träumt, und immer online mindestens auf zwei I-Phones die Welt durch schnelles Chaos kontrolliert. Immer ist sie in Bewegung, shifting, drifting, und wer sie sehen will ist, muss sie auf irgendeinem Weg begleiten, zum fancy Frisör am Broadway zum Beispiel. Auch dort ist sie plötzlich verschwunden und gibt per sms ihre Koordinaten durch. Als ich sie wiederfinde, im Nieselregen, hat sie schon einen Schirm gekauft und hält ihn über die frisch geföhnten Locken.

Andreas, ein entfernter Bekannter aus Studienzeiten, ist jetzt fine arts dealer am Central Park und zeigt mir zärtlich seine Rembrandt Stiche, die er an eilige Hedgefondsmanager verkauft.

Mike kenne ich aus Wien. Wir haben dort einmal eine Wanderung zum Semmering unternommen und den Weg verloren. Eine Spaziergängerin half uns weiter, und ich vergesse nicht ihr erstauntes "Aus New York?", das wie ein Lockruf durch den Semmeringer Wald tönte. Jetzt wandern wir stundenlang vom East Village über die Brooklyn Bridge und erreichen Brooklyn Heights bei perfektem Sonnenuntergang. Es gebe einen speziellen Ausdruck für den Moment, sagt Mike, in dem die Sonne genau zwischen den Hochhäusern steht und Lichtstreifen über den East River wirft, the New York solstice, Sonnenwende. Er war sich aber nicht mehr sicher, ob er den Begriff nur selbst erfunden hatte angesichts der Kulisse.

Julie und Margaret sind schreibende Freelancerinnen. "Procrastination" sei das typische New York Problem, erzählen sie, Aufschieben, nicht rechtzeitig fertig werden, und "pretending" sei das andere. Man tut so, als ob man sich das Leben, das man führt, leisten könnte. Wir laufen ewig umher auf der Suche nach dem einen, richtigen Restaurant. An dutzenden rennen wir vorbei, "That›s New York, you never stop because you always know that there›s a better option", sagt Julie, die treue Akteurin des Perpetum Mobile. Das Restaurant aber, das sie will, ist ausgebucht. "See, that›s also verrrrry New York: They show you that you can have absolutely everything - but in the end you´ll never get it."


Alle sagen, dass man New York immer schon kennt, es ist ein Archetypus per se, und hinzufahren sei, als würde man in einer real gewordenen Filmkulisse umherlaufen, die Stadt wird immer deinen Vorstellungen entsprechen. Das stimmt nur zum Teil. Eigenartigerweise war mein Bild von New York unscharf, vielleicht, weil es für eine lange Zeit nicht mein Traum gewesen ist, vielleicht auch, weil Filmkulissen nie präzise sind. Ich wollte mir ein Bild machen, das man fühlen kann, und tatsächlich ist die Präsenz New Yorks absolut körperlich. Die Knieschmerzen abends, weil man ja nicht aufhören kann zu laufen, der konstante Lärm in den Ohren, selbst nachts hören die ewig rauschenden Gebläse der Klimaanlagen nicht auf, die stickige der Hotelzimmer, die permanente Erschöpfung ausgelöst allein durch die Dimensionen der Stadt und der Ekel und die Beklemmung. Einmal trat ich fast auf eine riesige Kakerlake, die nachts über den Bordstein krabbelte. Und als ich die Stadt mit der U-Bahn verließ, subway Richtung JFK Flughafen, trat der Zug nicht aus dem Dunkel heraus - über eine Stunde lang, rasend schnell und mit endlos voneinander entfernten Stationen blieb er unter der Erde, und eine leise Panik beschlich mich bei der Vorstellung, dass ganz Queens untertunnelt ist, der ganze riesige Stadtteil Queens. Erst da, auf dem Weg zurück nach Europa, wurde mir klar, dass ich von Manhattan aus noch gar nichts von New York begriffen hatte, nichts von seiner Ausdehnungen, nichts von seiner Gewalt.


Habe ich das, was die Sehnsucht war, gefunden? Joseph Brodsky schreibt in einem Essay Von Schmerz und Vernunft, dass sich die amerikanische Landschaftserfahrung von der europäischen grundsätzlich unterscheide: Der Europäer kehrt nach einem Spaziergang "durch Begegnung mit der Natur angenehm erfrischt aber nicht verändert" wieder in sein Haus zurück. "Wenn dagegen ein Amerikaner aus dem Haus geht und auf einen Baum trifft", schreibt Brodsky, "stehen Mensch und Baum einander in ihrer jeweiligen Urkraft gegenüber".

Amerikanische Landschaft ist nicht romantisch, und Brodskys Beschreibung trifft irgendwie auch für New York zu, die Stadt steht wie ein Gebirge, wandelbar und doch in sich selbst ungerührt. Davon handeln die Kino-Phantasien New Yorks als untergegangener Stadt, The Day After Tomorrow oder I Am Legend zeigen die Stadt als einen der ersten Natur zurückgegebenen Giganten. Und immer, von King Kong über Spider Man bis hin zur unglaublichen Wirklichkeit von 9/11, hat New York archaisch-ambivalente Bilder von Höhenrausch und Vertigo, Gefährdung und Auferstehung hervorgerufen.

Ich mochte diese unbeschwerte Anonymität, wieder aus der Stadt herausgespült zu werden, ohne dass sie mich bemerkt hätte. Mein Bild ist jetzt klarer, doch New York selbst ist eine Sehnsucht, die im Dunst bleiben darf, ein Mythos eben, und das Topfschlagen geht weiter. Denn letzten Endes bin ich mir nicht sicher, ob diffuse Sehnsüchte wirkliche Sehnsüchte sind oder nur Chiffren, Chimären, Platzhalter für etwas anderes, das sie niemals preis geben werden.

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