Nischenfamilie

MAL SANFT, MAL SCHARF Der Berliner Quer-Verlag wird fünf

Geld, Geld, Geld, was fehlt, ist Geld. Alles andere liegt bereit: Ideen, Know-how und ein Konzept, das schräg ist, aber doch in die Bücherlandschaft passt. Vor fünf Jahren gründeten Ilona Bubeck und Jim Baker in Berlin den ersten und einzigen schwul-lesbischen Buchverlag in Deutschland. Der Quer-Verlag war kein leichtes Bündnis, denn zwischen weiblicher und männlicher Homosexualität lagen damals publizistisch wie weltanschaulich tiefe Gräben. Schwule, so heißt es, interessieren sich nicht so recht für Lesben, und die wiederum haben eine ausgeprägte Aversion aufs Patriarchat auch in seiner homosexuellen Form.

»Wenn man keine Lust auf Bündnisse hat, dann soll man sie nicht eingehen.« Bubeck kam vom Orlanda Frauenbuchverlag, Jim Baker vom schwulen Medienunternehmen Magnus, beide hatten Lust aufs Bündnis und machten ein Programm daraus.

Nicht leicht zu sagen ist seither, ob der Quer-Verlag den Geist der Zeit nur spiegelt oder selbst ein bisschen an ihm dreht. Es erschienen Titel wie Das lesbisch-schwule Babybuch, ein Ratgeber für Homosexuelle mit Kinderwunsch, Out, ein Who-is-Who der homosexuellen Prominenz, das dem Verlag einen Rechtsstreit mit dem Nachrichtensprecher Jens Riewa einbrachte, oder - gewagt und innovativ - ein erotischer Geschichtenband Sexperimente, in dem die schwulen Sexgeschichten von lesbischen Autorinnen, die lesbischen von schwulen Autoren geschrieben sind.

Quer ist kein Qualitätsverlag, er lebt von »Porno, Erotik und Unterhaltung«. Gewollt hatten Bubeck und Baker anderes, aber beide sind Geschäftsleute genug, um zu wissen, dass Bücher sich verkaufen müssen. Daher produzieren sie erotische Geschichten, Ratgeber und Romane am laufenden Meter, dazwischen das eine oder andere Sachbuch. Die beiden Büchermenschen machen sich keine Illusionen darüber, dass sie als »Special-Interest-Verlag« eine kleine Zielgruppe bedienen und auf dem großen Markt nicht mitmischen werden. Rund sechs Titel erscheinen pro Halbjahr, durchschnittlich in einer Auflage von 3.000 Stück. Wenn man die verkauft, trägt sich die Sache einigermaßen.

Programm allerdings ist die Förderung deutschsprachiger Autoren und Autorinnen. Der Quer-Verlag setzt nicht, wie viele andere, vornehmlich auf die Übersetzung US-amerikanischer Literatur homosexuellen Inhalts, sondern sucht gezielt nach hiesigen Talenten und protegiert Literaten wie Karen-Susan Fessel, Stephan Niederwieser und Antje Wagner. »Die Szene braucht Identifikationsfiguren, und uns macht es Spaß, Autoren aufzubauen«, sagt Baker. Er will, dass die guten Autoren weiter schreiben und »dann auch mal was anderes produzieren.« Wenn einmal das erste Bedürfnis nach schwulem Inhalt gesättigt ist, dann geht, wie jetzt, der Trend dahin, andere Themen in den Vordergrund zu rücken, ohne die homosexuelle Identifikation aufzugeben. Baker seufzt. »Ich wünsche mir mal einen richtigen Familienroman.«

Quer steht nicht quer, eher zwischen. Mit den insgesamt 61 Titeln nistet der Verlag in Nischen, die andere nicht abdecken. Das »Quer«, sagen Bubeck und Baker, soll an »queer« erinnern, aber sich nicht festlegen und notfalls auch diesen Trend noch überdauern. Wachsweich, als betulicher Seismograph der Zeit, erscheint vieles im Verlagsprogramm. Doch mittendrin ragen ein paar scharfe Kanten: Ein Amnesty-International Bericht zu Menschenrechtsverletzungen an Homosexuellen, ein Buch über Verfolgung von Lesben im faschistisch besetzten Österreich, ein Aufsatzband mit Argumenten gegen die Homo-Ehe und der erste deutschsprachige Sexratgeber für Lesben.

Die Bücher vom Quer-Verlag sind schnell gestrickt, zu schnell bisweilen. »Mit manchen Titeln sind wir auch einfach zu früh«, sagt Baker, und manche gut gesetzten Themen sind auch schlampig abgehandelt. Das weiß man beim Verlag und kann dann doch nicht anders. Für tiefschürfende Abhandlungen reichen weder Zielgruppe noch die monetären Mittel. Zurück zum Anfang. »Uns geht's zu gut, um aufzuhören, und zu schlecht, um uns zu finanzieren.« Die schmalen Gewinne des Verlags werden gänzlich von der Schuldentilgung gefressen, ihren Lebensunterhalt verdienen Bubeck und Baker anderswo. Das wird sich in den nächsten beiden Jahren auch nicht ändern. Es sei denn, es kommt, was man sich zum fünften Jubiläum bei Quer sehr sehnlich wünscht: ein Investor ex machina, Anschubkapital, um einen Kassenrenner zu platzieren, ganz simpel Geld, Geld, Geld.

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