Nomen

Linksbündig Die Sammlung Flick entfacht einen kleinen Streit um saubere Kunst

Die Kulturstaatsministerin Christina Weiss hat einen denkwürdigen Satz gesprochen: Kunst könne man nicht in Sippenhaft nehmen. Frau Weiss kann nicht sehen, was denn bitte die Zeit des nationalsozialistischen Terrorregimes mit einer Sammlung zeitgenössischer, frei entwickelter Kunst zu tun habe. Die Antwort freilich wäre ziemlich einfach: Geld, schlicht das, was Marx die "allgemeine Äquivalentform" nennt, ist mitunter das Verbindungsstück zwischen Kunst und NS. Geld, jenes formale Zauberding, das es fertig bringt, alles mit allem in Austausch zu setzen und gleichzeitig unsichtbar zu machen, was in ihm steckt, nämlich Arbeit, in manchen Fällen Zwangsarbeit.

Berlin hat nun - auf sieben Jahre Lehen - die Flick-Collection eingeworben, eine der größten Privatsammlungen moderner Kunst, ein "Glücksfall" für die Stadt, wie es heißt, mit dem kleinen Makel, dass der Kunstsammler Friedrich-Christian Flick einen Teil seines Geldes aus dem vom Großvater aus NS-Verbrechen erwirtschafteten Vermögen bezog. Die Stadt Zürich hatte ein Flick-Museum nicht haben wollen, die Universität Oxford einen vom Bruder Gert-Rudolf Flick gestifteten Lehrstuhl abgelehnt. Der Name ist kontaminiert.

Nun ist es wirklich ein Dilemma, denn die Künstler und ihre Werke können nichts dafür, wer sie womit kaufte. Und wie ließe sich böses Geld besser anlegen, sich läutern fast, als in einer guten Sache, als gerade in jener Kunst die unterm NS-Regime als entartet gegolten hätte? Nein, die Kunst selbst hat nichts damit zu tun, einerseits, und andererseits eben doch. Kein Kauf ist unschuldig. Die Schwierigkeit, mit dem Dilemma umzugehen, zeigte auch die Diskussion in der Vergangenheit, die sich an der Person des Kunstsammlers Flick festmachte und an seiner starrköpfigen Weigerung, eine Abgabe an den Fonds "Erinnerung, Verantwortung, Zukunft" zu entrichten. Als hätte er Buße tun können. Als wäre alles gut gewesen, wenn der nur in die Zwangsarbeiter-Stiftung eingezahlt hätte. Thomas Flierl, der viel gescholtene Sowohl-als-auch-Kultursenator, hat in einem tieferen Sinne Recht, wenn er von der "Ambivalenz des Vorgangs" mit Flick redet. Sie ist weder durch Bußgelder noch durch Verdrängen noch durch eine Debatte aus der Welt zu schaffen.

Wenig ambivalent allerdings ist die Gier der hungernden Hauptstadt. Sie hat den Braten, der zu fett ist, als dass man zimperlich an ihm herumschnuppern könnte, schnell geschluckt. Recht hat sie, wir wollen diese Kunst sehen. Unrecht hat sie, weil sie in typisch neoliberaler Manier den Staat zum Büttel macht, den Privatier hofiert und ihm die Infrastruktur zur Verfügung stellt, mit deren Hilfe die Leihgabe in den nächsten Jahren durch Wertzuwächse fett und fetter werden wird, bevor Flick sie, je nach Gusto, dann wieder abziehen kann.

Hätte man es ihm denn so leicht machen müssen? Hans Leyendecker hat in der Süddeutschen Zeitung ausgerechnet, dass der Steuerflüchtling Flick mit seinem Wohnsitz in der Schweiz soviel am deutschen Fiskus sparte, wie seine ganze Sammlung wert ist. Die Kunstwerke der Stadt Berlin zu schenken, nicht zu leihen, sei nur recht und billig, meinte Leyendecker. Ein weiterer Vorschlag ließe sich anfügen. Was will denn "Mick" Flick mit seiner Gabe anderes als den Ruf des großen Mäzens? Es war ja sein Traum "durch ein Kunstmuseum den Namen Flick auf eine dauerhafte positive Ebene zu stellen". Sein Name soll mit der Sammlung, seiner Sammlung, der privateigenen Sammlung einhergehen. Durch Kunst wird der Name zum Monument, so unaustauschbar und individuell, wie es bloßes wesenloses Geld nie sein kann. Undenkbar wäre es nach den Gesetzen des Mäzenatentums - aber warum nicht das Undenkbare denken? -, dass man dem Flick am symbolischen Kapital flickt. Hätte Berlin die Sammlung nicht annehmen können unter der Bedingung, dass sie den Namen ändert, dass sie fortan zum Beispiel "Zwangsarbeiter-Sammlung", wahlweise auch anders, hieße? Das wäre wahre Buße, schmerzhafter als jede Ablasszahlung, aber logisch, denn sie gäbe den Besitz - als Namen - dorthin zurück, wo er zum Teil zumindest hingehört. Ehre, wem Ehre gebührt. Doch eine solche Form symbolischer Umverteilung ist in keinem der vorhandenen Denksysteme vorgesehen, weder in dem der Kunst, noch in dem des Kapitals.

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