Dem Luigi seine Mamma kocht in Egon seine Schnitzelkneipe

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Ist der Italiener der geborene Schauspieler, dann ist der Deutsche ein geborener Groupie. Wie sonst ließe sich erklären, dass es nicht einmal drei Generationen bedurfte, um aus dem „Spaghettifresser“ von ehedem, „unseren Luigi“ von heute zu machen?
Wie konnte es geschehen, dass die berühmte „Kneipe an der Ecke“ mitsamt ihrem obligatorischen Jägerschnitzel durch eine wahlweise „Capri“, „Venezia“ oder „Salento“ sich nennende Pizzabude übernommen wurde?
Liegt es am italienischen Charme (Bussi, Bussi...)? Überzeugt Luigi mit überragenden Kochkünsten? Vielleicht hat Luigi die fürchterlichste aller italienischen Geheimwaffen in seine Küche gestellt: Seine Mamma?
Man weiß nicht wie, aber irgendwie schafft Luigi es, seine Gäste glauben zu machen, in seiner „Trattoria Mamma“ scheine immer die Sonne. Sogar mitten in der Nacht – am hellsten nach dem vierten Grappa (auf Kosten des Hauses, versteht sich).
Dass der deutsche Gast diese wunderbare Komödie zutiefst glaubt, liegt weniger an Luigi als am Gast selbst. Nichts zeichnet einen Groupie mehr aus, als seine Gefolgschaft. Da in Deutschland alles besonders gründlich gemacht wird, trifft dies auch auf den Glauben an die Küchenwunder von Luigi zu.

Nun ist der deutsche Italo-Restaurant-Gast in der Regel beileibe kein gewissenloser Hedonist. Wohl aber verbindet ihn (und noch mehr: sie) eine schon seit Goethe geradezu literarisch, wenn nicht sogar sprichwörtlich zu nennende Hassliebe zum „Land, in dem die Zitronen blühen“ und seinen unaufgeräumten Einwohnern.
Gerne sieht man das Populäre, das Volksverbundene im „Bel Paese“, wenn es um Küche (Tiramisu!), Kirche (Don Camillo und Peppone!), Politik (Don Camillo und Peppone!) geht. Probleme gibt es immer dann, wenn es konkret wird, mit dem Zusammenprall der Kulturen diesseits und jenseits der Alpen.
Wenn die Vettern von Luigi in ihrem „Hotel Miramare“ beispielsweise täglich im Bad die Handtücher wechseln und nicht begreifen wollen, dass sie mit diesem unbedachten Handeln Millionen von Litern Wasser unnötig verschwenden, dann ist dies bedenklich. Wenn diesen Italienern nicht in den Kopf zu bimsen ist, dass damit unnötigerweise tausende Tonnen von Waschpulver verbraucht und zigtausende von Tonnen Co2 durch Produktion von Waschpulver und Handtüchern entstehen, dann, ja dann kocht dem Gast nach dem zweiten Grappa (auf Kosten des Hauses, versteht sich) schon mal die heilige Wut. „Diese Spaghettis“ verstehen einfach nicht, dass sie mit dieser „Italo-Lässigkeit“, dem ganzen „in-den-Tag-hinein-Leben“ nebst „Latinlover-Getue“ ihren Stammgästen aus Germania nicht nur latent ein schlechtes Gewissen machen, ihnen vielleicht sogar manifest eine Beziehungskrise organisieren (Bussi, Bussi), sondern uns allen das Klima auf der Welt verhageln.

Wie schön ist es dann, wenn man wieder daheim ist und sich zur Urlaubs-Nachbesprechung in Luigi seine Mamma ihre Kneipe treffen kann.
Da gibt´s statt täglich frischer Handtücher auf´m Klo einen elektrischen Handtrockner mit Bewegungsmelder und automatischer Abschaltung. Sparfunzeln erleuchten die Räume umweltschonend und zur Not bekommt man auch mal einen Kaputtschino mit Sahne statt Milchschaum. Und wenn Luigi „Scaloppini“ schreibt, meint er im Grunde auch nur Schnitzel.

Die besten Italiener sind halt doch die eigenen.

15:18 13.02.2009
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Geschrieben von

andreaarcais

Andrea Arcais lebt in Münster und arbeitet als freiberuflicher Autor und Berater.
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