Eisbein für bella Italia

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Was waren das für Zeiten, als "il bel paese", als Italien zu solch schönen Taten, wie das Verfassen von Lobliedern auf einen einfachen Teller Pasta Anlass gab. "Slow Food" ist, trotz des offenbar unvermeidlichen Anglizismus keine Erfindung neunmalkluger Trendforscher, sondern im Grunde das Ergebnis eines grandiosen Saufgelages und Festmahls von genusssüchtigen linken Journalisten und klugen piemontesischen Winzern. "In vino veritas" - tatsächlich!

Das ist es, was in Deutschland immer so gefallen hat: Eine politisch-kulturelle Großtat wird mit einer unnachahmlichen Leichtigkeit in die Welt gesetzt. Noch die wichtigste politische Angelegenheit versank südlich der Alpen nicht in die allseits gefürchteten teutonischen Tiefen. Ja, ja - bella Italia!

Das stimmt alles nicht mehr. Die fröhlichen Italiener haben sich verschluckt. Statt Leichtigkeit gibt´s Gastritis. Was schreibe ich. Sie haben sich einen hartnäckigen, bösartigen Virus eingefangen. Der hat schlimme Folgen für das allgemeine und das politische Denkvermögen. Der Virus kommt aus Mailand (eine Gegend, die - horibile dictu - sowieso von "tedesci", also Deutschen, bewohnt wird, wie der Rest Italiens glaubt und sagt) und trägt den Namen Berlusconi.

Dass dieser kleine aber sehr reiche Mann formale demokratische Gepflogenheiten einigermaßen lax handhabt, das weiss ja nun außerhalb Italiens fast jeder Mensch. Dass er Gesetze verabschieden lässt, die auf ihn maßgeschneidert sind, auch das ist keine Nachricht mit Neuigkeitswert. Nun hat das Römische Parlament vor zwei Tagen erneut ein Gesetz beschlossen, dass - so die offizielle Absicht - die legendär lange Dauer italienischer Gerichtsprozeße verkürzen soll. Welch nützlicher Effekt, dass darunter auch die Prozeße fallen, die auch dem italienischen Ministerpräsidenten noch drohen. Hier bekommt der Begriff des "kurzen Prozeßes" ganz neue Bedeutung.

All das hat den Wählerinnen und Wählern südlich der Alpen bislang nichts ausgemacht. Die Italiener wurden zu mehrfachen Wiederholungstätern. Und das dies mehr als eine kurze Magenverstimmung ist, zeigte sich bei der auf die letzte Parlamentswahl folgenden Wahl eines neuen Oberbürgermeisters in der Hauptstadt Rom. Ein Mann mit faschistischer Vergangenheit wurde ins Amt gewählt. Schwarzgewandete Scheriffs dürfen nicht nur den Arm zum "römischen", also faschistischen Gruß recken, sondern auch mehr als ruppig das durchsetzen, was diese sauberen Herrschaften unter Ruhe verstehen. Neuester Clou: Die Mafia kümmert sich jetzt im Süden selbst um die "Ausweisung" von Arbeitsmigranten, wenn diese ihr Arbeitssklavensystem stören.

Seitdem evoziert das Nachdenken über Italien weniger Erinnerungen an kulinarische Freuden, als vielmehr Erinnerungen daran, dass aus Rom im 20. Jahrhundert schon einmal ein "Beitrag" zur Weltgeschichte geleistet wurde, an dessen Folgen sich die Menschheit fast zu Tode verschluckte. Dass aus dieser Hexenküche nun scheinbar wieder Rezepte auf den Tisch kommen, natürlich modernisiert, selbstverständlich "light" - raubt einem nicht nur den Atem, es verdirbt einem den Appetit und schlägt auf den Magen. Dass die Gerichte aus den italienischen Regionen einem nicht sofort im Halse stecken bleiben, beweist nur, wie gut diese Küche ist.

Trotzdem. Strafe muss unbedingt sein: 2010 gibt es nur Eisbein mit Kraut. In Italien wohlgemerkt, nicht in Deutschland. Hier gehen sowieso alle "zum Italiener". Weil da ja immer die Sonne scheint.

17:57 22.01.2010
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Geschrieben von

andreaarcais

Andrea Arcais lebt in Münster und arbeitet als freiberuflicher Autor und Berater.
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