Sonnenuntergang und Bitterbollen. Romantik plus Erderwärmung.

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Die deutschen Nachbarn, Freunde und Bekannten schwitzten daheim mit den Autobahndecken um die Wette. Spurrillen auf weichem Asphalt erzwangen die Schließung der Autobahn 1 Richtung Bremen für vier Tage und die Baumärkte räumten alle Handwerkerzubehörteile aus, um Platz für weitere Millionen von Ventilatoren zu schaffen. Kanarienvögel wurden heimlich still und leise vergiftet, waren sie doch Konkurrenten bei der Zuteilung von Trinkwasser. Das Halten von Zierfischen wurde mit Notverordnung aller Ministerpräsidenten der Länder strikt verboten – bei Zuwiderhandlung drohte ein mindestens zweitägiger Arbeitseinsatz unter freiem Himmel zwischen 12.00 – 17.00 Uhr.

So oder so ähnlich dachte sich der blogger als Urlauber seinen zugegebenermaßen schadenfrohen, ja fast schon gehässigen Teil, während er auf der wohl in naher Zukunft zum europäischen Urlaubstraumziel aufsteigenden Insel Texel bei wohligen 27 ° C und einem angenehm kühlenden Windchen die deutsche Journaille beim Frühstück auf der Terrasse studierte. Weiland im nicht allzu entfernten Jahr 2006.

Es ging ihm gut, es gab keinen Ort, an dem er lieber gewesen wäre zu jener Zeit. Ach, wenn er doch nur genügend Penunze flüssig gehabt hätte. Mindestens zehn der unerklärlicherweise zum Verkauf angepriesenen, leerstehenden, wirklich nett aussehenden, Fischerhäuschen auf dieser Sonneninsel wären nun Sein. Mit deren Vermietung als Ferienhäuser (zu horrenden Wuchermieten versteht sich) wäre er Multimillionär geworden. „Der Urlauberzustrom wird genau hier boomen, an der südlichen Nordsee, der Karibik Westeuropas, dem Paradies der gemäßigten Hitze“ dachte er sich und prognostizierte: „Die Costa Smeralda und die Cote d´Azur werden den touristischen Hitzetod sterben. Mit EU-Arbeitsmarktmitteln gefördert, wird sich dort als florierende Industrie nur noch die Trocknung von Tomaten in brutalheißer Sonne lohnen.“

So hing er freudig grinsend und mit sich selbst und der Welt im Reinen seinen unverschämten Gedanken nach. „Die Welt ist ein Paradies“ dachte er noch und dass die Zeit dort ganz anderen Rhythmen folge (oder war es das Leben, das den Rhythmen folgt?) - schon war es Abend. Er fand sich auf einer Terrasse jener von den Urlaubern liebevoll „Sozialstationen“ genannten Gastronomien wieder, die direkt am Strand gelegen, ihren Gästen zu einem Gläschen „Heineken“ (dem einzigen Bier mit rotem fünfzackigem Stern auf der Flasche!) oder deutscher „Liebfrauenmilch“ einen wirklich atemberaubend schönen Blick auf den kitschig-roten Sonnenuntergang über der Nordsee bieten. Er erinnerte sich noch, dass er zu seinem Bierchen einen der regionaltypischen Snacks bestellt hatte. „Wo bleibt es bloß?“ wollte er gerade ausrufen, als die Kellnerin um die Ecke schnellte, einen Teller mit acht dunkelbraun frittierten Bällchen, garniert mit Senfklecksen, vor ihm auf dem Tisch platzierte. „Bitterbollen - asjebelieft“ säuselte sie.

Schlagartig wurde ihm gewahr: „Ich bin in Holland.“ Der Kitschfilm wurde jäh abgeschaltet. Übrig blieb der Duft einer seit einer Woche auf Hochtouren laufenden Friteuse, deren Fett mangels Zeit leider noch nicht ausgetauscht werden konnte. Wohl bekomms im Paradies. Millionär wird man nur mit einer Friteuse.

18:47 09.07.2009
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Geschrieben von

andreaarcais

Andrea Arcais lebt in Münster und arbeitet als freiberuflicher Autor und Berater.
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