"Im Tal von Elah" von Paul Haggis

Kino Was sich mit jedem Krieg verändert, sind die Bilder, die er produziert und die einer neuen Erzählbarkeit des Krieges den Weg bereiteten. Nicht mehr ...

Was sich mit jedem Krieg verändert, sind die Bilder, die er produziert und die einer neuen Erzählbarkeit des Krieges den Weg bereiteten. Nicht mehr das hierarchisch verbreitete Nachrichtenmaterial der großen Fernsehstationen (Vietnam) oder die autorisierten Propaganda-Aufnahmen des Militärs (zweiter Golfkrieg) liefern heute die ikonischen Bilder, anhand derer sich das Narrativ des Krieges entfaltet, sondern (wie im Fall von Abu Ghraib) die Handys und Digitalkameras der Soldaten, die von einer eigenartigen, mitunter schrecklichen Intimität künden. Eine Intimität, die angesichts der Tragweite der Ereignisse fast obszön anmutet.

In Hollywood ist man noch dabei, nach den passenden Bildern für den Krieg im Irak zu suchen. Doch schon nach wenigen Filmen (Home of the Brave, Machtlos) ist auffällig, wie weit sich die Manifestation des Kriegstraumas vom Schlachtfeld entfernt hat. In Zeiten asymmetrischer Kampfhandlungen ist der Krieg selbst bloß noch eine abstrakte Größe. Paul Haggis hat in dem Film Im Tal von Elah, der ersten Hollywood-Produktion, die sich explizit mit den Auswirkungen des Irak-Krieges auf die amerikanischen Soldaten beschäftigt, ein schlüssiges Bild für den "War against Terror" gefunden, ein Bild, das so allgemeingültig wie allgemeinverständlich ist. Am Ende seines Films flattert eine amerikanische Flagge verkehrt herum im Wind: ein internationales Notsignal. Amerika steckt in Schwierigkeiten.

Tommy Lee Jones´ wortkarger Ex-Militär Hank Deerfield zieht diese Flagge auf, nachdem er erfahren musste, was der Irak-Einsatz mit seinem Sohn Mike angerichtet hat. Für Mike war der Krieg ein Tod auf Raten. Zurück nach Hause hat er es noch mit heiler Haut geschafft; aber etwas in ihm war gestorben. Einige Tage später wird seine Leiche dann tatsächlich gefunden, zerstückelt und in der Wüste verscharrt. Mikes Vorgesetzte zeigen mildes Interesse an der Aufklärung des Mordes, die örtliche Polizei schiebt den Fall den Militärbehörden zu. Also macht Hank Deerfield sich mit der Hilfe einer jungen Polizistin (Charlize Theron) selbst auf die Suche - nicht ahnend, dass die Wahrheit über den Tod seines Sohnes sein gesamtes Weltbild auf den Kopf stellen wird. Anhaltspunkte liefern ihm einige beschädigte Irak-Fotos aus Mikes Handy, die ein Computerexperte nach und nach rekonstruiert. Sie bilden die übergeordnete Erzählstruktur von Haggis Film, der seine Trauerarbeit auf ungewohnt stille und respektvolle Weise verrichtet.

Was ist eine angemessene Form, von den Gräueln des Krieges zu erzählen? Und welche Perspektive muss solch ein Film notwendigerweise einnehmen? Auf den Filmfestspielen von Venedig haben sich im letzten Jahr gleich zwei Filme des "Found Footage" von Handykameras bedient. Doch während Brian de Palma mit Redacted einen hochgradig formalen, nichtsdestotrotz äußerst direkten Zugang zur Realität des Krieges sucht, dienen die Handybilder in Haggis´ Film Im Tal von Elah lediglich als Schlüssel zu einer tieferen Erkenntnis. Der Krieg ist zu weit weg, um überhaupt noch verstanden zu werden, selbst für einen Veteranen wie Hank. Aber auch die unkenntlichen Aufnahmen aus Mikes Handy bleiben nur Chiffren. Hank stellt mit seinen Überzeugungen und Traditionen die einzig verbindliche Instanz dar. Jones verleiht seiner Figur mit wenigen Gesten und noch weniger Worten eine autoritäre Gravitas: Hank Deerfield ist ein Mann, der sich ein Leben lang über seine Taten definiert hat, selbst in der Art, wie er abends seine Schuhe neben das Bett stellt. Mit ihm sehen wir eine ganze Nation in ihrem Selbstverständnis wanken.

Was genau Haggis über Amerika zu sagen hat, bleibt unklar. Diese Unschärfe macht Im Tal von Elah um so bemerkenswerter, betrachtet man zum Vergleich seinen Thesenfilm L.A. Crash. Die Folgen des Irak-Kriegs werden Amerika noch auf Jahre beschäftigen; der Zweifel, den Im Tal von Elah nährt, ist erst der Anfang. Zu mehr als einem diffusen Gefühl von Trauer und stummer Wut scheint Amerika noch nicht fähig.

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