AfD: Lichtschlags Verschwörungsideologie

Nationalliberatismus André Lichtschlag, Herausgeber der rechtslibertären "eigentümlich frei", hat ein verschörungsideologisches Büchlein zur Spaltung der AfD verfasst.
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Ende September 2015 ist ein kleines Buch (Books on Demand) mit dem Titel Operation Spaltung: Kriminalgeschichte der AfD von André Lichtschlag erschienen. Er geht dort der Doppelspaltung der AfD und der Hayek-Gesellschaft nach und findet seiner Meinung nach Ursachen und heimliche Strategien. Das Vorwort schrieb Beatrix von Storch, die vor einigen Jahren das Kampagnennetzwerk Zivile Koalition aufgebaut hat, und als Europaabgeordnete und Bundesvorstandsmitlied in der AfD eine nicht zu unterschätzende Machtposition inne hat.

Lichtschlag wähnt sich selber gerne als Opfer von Verschwörungen. Bereits vor drei Jahren startete er eine Kampagne "Rettet Wikipedia". Angeblich seien Wikipedia-Artikel zur Zeitschrift "eigentümlich frei" gezielt "manipuliert" worden. Selbst vor einem peinlichen offenen Brief an Jimmy Wales, den Gründer der Wikipedia, schreckte er nicht zurück. Das Ganze war nicht lustig. Sowohl Wikipedia-Autorinnen als auch eine Soziologin wurden öffentlich an den Pranger gestellt. Auch bekanntere Personen wie Vera Lengsfeld und Hans-Olaf Henkel beteiligten sich an dieser Verschwörungsideologie.

Nun wird Hans-Olaf Henkel selber zum Opfer einer neuen Verschwörungsideologie von Lichtschlag. Henkel hat sowohl die AfD als auch die Hayek-Gesellschaft im Zuge der Spaltungen verlassen. In beiden Organisationen wurde ein Rechtsruck kritisiert, was aber nicht zur Abspaltung der Rechten, sondern zur Abspaltung der Kritiker*innen führte.

Lichtschlag spricht von einer gezielten "Operation Spaltung". Und er unterstellt, aus dem Umfeld von Henkel, Lucke und Co. sei ein "Antifa-Journalist" mit "Hinweisen" versorgt worden, um einen rechten Landesfraktionsvorsitzenden aus der AfD zu diskreditieren.

Am rechten Rand der AfD wird inzwischen mein Name nicht mehr erwähnt. Es ist nur noch von "dem linksextremen Soziologen" oder wie oben dem "Antifa-Journalisten" oder "Linksaußen" die Rede. Lichtschlag behauptet in seinem Buch "Operation Spaltung", ich hätte nach der Gründung der neurechten "Erfurter Erklärung" Informationen von den Parteigegnern erhalten:

„Interessant war, dass kurz nach Bekanntwerden der Erfurter Resolution ein ausgewiesener Antifa-Journalist Björn Höcke verdächtigte, früher unter dem Pseudonym 'Landolf Ladig' für NPD-Zeitungen geschrieben zu haben. Wer hatte dem Linksaußen-Schreiber diesen Hinweis gegeben? War das die vorbereitende Begleitmusik für den Coup gegen Höcke und Poggenburg, der mit Gaulands Blitzbeitritt vereitelt wurde?“ (Lichtschlag: Operation Spaltung, S. 67)

Niemand hatte mir irgendwelche "Hinweise gegeben". Darauf, dass Björn Höcke sehr wahrscheinlich unter dem Pseudonym "Landolf Ladig" für die NPD geschrieben hatte (der, wie sich erst später herausstellte, auch den Nationalsozialismus verherrlichte, sich also rechts von der NPD positionierte) bin ich bereits zum Jahreswechsel gestoßen, als ich die die Ideologiefragmente in Björn Höckes Reden, Texten und Interviews analysierte. Beweisen kann ich das mit einem Video einer Veranstaltung der Friedrich-Ebert-Stiftung in Gera vom 4.2.2015. Hier machte ich erstmals öffentlich darauf aufmerksam, dass bei "Ladig" und Höcke die selben Wortneuschöpfungen auftraten und dass "Ladig" das Wohnhaus von Björn Höcke erwähnte. Die oben erwähnte "Erfurter Resolution" wurde erst im März 2015 gegründet, ich hatte also entgegen Lichtschlags Verschwörungsideologie keine "Hinweise" nach der Gründung der "Erfurter Resolution" erhalten.

Hier ist das Video. Ab Minute 23:20 (konkreter 24:35) gehe ich auf die Höcke-"Ladig"-Ähnlichkeiten ein:

https://www.youtube.com/watch?v=Pl0oIdeWuBo

Der Pressesprecher der Landtagsfraktion der AfD Thüringen war damals zu Gast in der Veranstaltung. Er hatte Höcke von der Veranstaltung berichtet. Anscheinend aber unvollständig (ohne Hinweis auf "Ladig"). Höcke hatte dann in mindestens einem Vortrag zehn Minuten über mich hergezogen ("Kemper in die Produktion!"). Seit die "Ladig"-Geschichte ernster wurde und der Bundesvorstand der AfD von Höcke erwartete, mich anzuzeigen und eine eidesstattliche Versicherung abzugeben, nicht "Ladig" zu sein (was beides von Höcke verweigert wurde), nimmt Höcke meinen Namen nicht mehr öffentlich in den Mund.

Ich drücke mich inzwischen nicht mehr so vorsichtig aus wie noch im Februar. Weitere Funde haben die Indizienkette derart verdichtet, dass die einzige plausible Erklärung für die "Überzufälligkeiten" darin besteht, dass Höcke zwischen 2011 und 2012, also kurz vor der Gründung der AfD mit dem Pseudonym "Landolf Ladig" rechtsextreme, den Nationalsozialismus verherrlichende Texte geschrieben hat, in der gefordert wird, in der vermeintlich kommenden "Revolution" als "identitäre Systemopposition" den "Führungsanspruch" zu übernehmen. Die entsprechenden Texten aus der völkischen Zeitschrift "Volk in Bewegung" können u.a. in der Frankfurter Nationalbibliothek eingesehen oder bestellt werden. Höckes aktuelles Auftreten bei den AfD-Demonstrationen in Erfurt passt ins Bild. Der militante Neonazi und NPDler Thorsten Heise bestritt vor einigen Monaten, dass Höcke jemals für sein Magazin geschrieben habe. Wenn André Lichtschlag gerne Verschwörungen aufdeckt, dann sollte er dorthin mal seine Fühler ausstrecken - das wäre lohnender als das ständige Verbreiten falscher Verschwörungsideologien. Denn ich konnte hier beweisen, dass mir nichts zugesteckt wurde, um nach der "Erfurter Erklärung" Höcke anzugreifen. Höcke allerdings hat bislang absolut gar nichts in der Causa "Ladig" erklärt, zumindest müsste er doch gegen die vermeintlichen "Plagiate" vorgehen, denn in "Ladigs" Texten tauchen ohne Kenntlichmachung ganze Textpassagen von Höcke auf. Höcke zieht es aus gutem Grund vor, hier zu schweigen.

16:47 07.10.2015
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Geschrieben von

Andreas Kemper

Ich arbeite als Soziologe kritisch zu Klassismus, Organisiertem Antifeminismus und die AfD
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Andreas Kemper

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