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Die Freitag-Redaktion hatte mit einem kleinen Lexikon begonnen zur Frage, was denn eigentlich "Linkes Denken" sei. Eine sehr gute Idee, wie ich finde, die nicht so schnell beiseite geschoben werden sollte.

Was ist "Linkes Denken"?

Gibt es einen gemeinsamen Nenner? Ich habe mir diese Frage gestellt, als ich über eine linke Alternative zu Wikipedia nachgedacht habe. Wikipedia verfolgt einen "neutralen Standpunkt". Das ist sehr bürgerlich. Und genaugenommen geht Wikipedia damit hinter die Französische Revolution zurück. Denn die Enzyklopädisten haben nicht mit einem neutralistischen, sondern mit einem aufklärerischem Esprit die Enzyklopädie verfasst. Sie verorteten sich bewusst gegen Herrschaft und religiösem Dünkel.

Die Ideen der Frühsozialisten würde ich daher zum "Linken Denken" zählen. Wobei "Linkes Denken" nicht auf Ideen verweist, sondern auf das "Denken". "Denken" ist ein Tuwort, es verweist darauf, dass man etwas tut.

Ich würde hier die Thesen von Karl Marx zur Hegel-Kritik Feuerbachs favourisieren. Also die elf Thesen die damit enden, dass die Philosophen die Welt bisher nur interpretiert haben, dass es aber darauf ankomme, die Welt zu verändern.

Kritik, Emanzipation, Solidarität, soziale Einstellungen, das sind Begriffe, die ich mit "Links-Sein" verbinde. Es gibt ja bereits Wikis, die keinen neutralen, sondern emanzipatorische Standpunkte haben. Anarchopedia beispielsweise oder das Gender-Wiki. Aber sie sind sehr speziell. Man sollte einen anarchistischen Standpunkt haben, um bei Anarchopedia mitzuschreiben. Und beim Gender-Wiki geht es um Gender. Daher war meine Idee, ein "Soziale Wiki" aufzumachen mit der Option, dass es zwischen den linken Wikis eine Assoziation geben könnte. Beispielsweise einen Artikel-Austausch oder andere Möglichkeiten der Zusammenarbeit.

BILD, Bertelsmann und Wikipedia

Wikipedia gilt als Beweis der Schwarmintelligenz. Tatsächlich sind aber die meisten Artikel dort von wenigen einzelnen Autoren und Autorinnen geschrieben worden. Die Zusammenarbeit erfolgt eigentlich eher über das gemeinsame Regeln-Finden und das Verlinken der Artikel und natürlich über das fleißige Ausbessern. Hinter Wikipedia steht die Wikimedia-Foundation und die hat überall ihre nationalen Chapter. Eines der größten Chapter ist der deutsche Wikimedia-Verein. Wikipedia-Autoren, die mit mir zugleich angefangen haben, haben dort inzwischen Karriere gemacht. Ich habe mich rausgehalten und wurde nur etwas brastig, als es vor ein paar Jahren eine Zusammenarbeit mit dem Bertelsmann-Verlag gab. Ich höre nur immer von den Streitigkeiten aus dem Vorstand, zu denen jetzt übrigens auch ein Redakteur aus der BILD-Zeitung gehört. Er ist dort zuständig für Mysterie (UFO-Sichtungen) und besondere Aufgaben. UFO-Artikel in der BILD sind so ungefähr genau das Gegenteil von dem, was ich mir unter einer emanzipatorisch gestalteten modernen Enzyklopädie vorstelle.

Es macht Sinn, sich in Wikipedia zu engagieren. Aber letztlich ist Wikipedia ein bürgerlicher und kein linker Verein - mit Vereinsvorsitzenden, die letztlich am längeren Hebel sitzen.

Dennoch hat Wikipedia gezeigt, dass es möglich ist, eine Enzyklopädie "von unten" aufzubauen. Die Technologie bietet neue Möglichkeiten, eine Enzyklopädie zu schreiben. Durch die Verlinkung im Text wird das lineare Prinzip durchbrochen. Wiki-Texte sind eher Wolken als Eisenbahnzüge. Und es besteht die Möglichkeit des Verschmelzens und Auseinandergehens von Texten. Texte könne so aufgebaut sein, dass sie zum Schluss auseinandergehen und alternativ weitergeschrieben werden. Es muss nicht wie bei Wikipedia die eine neutrale Wahrheit geben, auf die man sich einigt. Gerade aus der unterschiedlichen Einschätzung kann sich ein Text entwickeln. Bei Wikipedia darf es keine Theoriefindung geben. Beim Sozialen Wiki wird ausdrücklich darum gebeten, Theorie zu finden.

Solidarische Ökonomie der Bildung

Ich hatte für diese Form der Wissensfindung, -aneignung, -weitergabe einmal den Begriff "Solidarische Ökonomie der Bildung" gefasst. Autor_innen verschwinden bei Wikipedia. Es gibt sie nicht. Anscheinend verstehen sich Google und Wikipedia deshalb so gut. Schreiben macht Spaß, es ist ein Hobby, deswegen sollen Autor_innen nicht als Produzent_innen wahrgenommen werden. Und wenn man links ist, nimmt man schon gar nicht Geld für seine Autor_innentätigkeit. Gleichzeitig macht Google Gewinne ohne Ende. Es sollte deutlich sein, dass Schreiben Arbeit ist. Beziehungsweise eine sinnvolle Tätigkeit. Wenn das Geld irgendwann abgeschafft ist, muss Schreiben nicht bezahlt werden. Auch wenn es ein bedingungsloses Grundeinkommen gibt, muss man das Bezahlen von kreativer Arbeit nicht mehr wichtig nehmen. Da kommt es dann drauf an, wie hoch dieses Einkommen ist. Solange aber gilt: Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen, solange macht es keinen Sinn, auf Bezahlung für kreative, schreibende, künsterlische Arbeit zu verzichten. Denn dann können nur diejenigen schreiben, die irgendwie privilegiert sind. Es kommt zum Bias.

Es ist also wichtig, dass Linkes Denken auch gefördert wird. Es nützt nichts, wenn man sich so seine Gedanken macht und diese abbricht, weil ja eh keiner zuhört, weil man kein Forum hat. Linkes Denken gehört in ein produktives Kollektiv, welches die Individuen ernstnimmt und einen gleichberechtigten Raum schafft. Wikis können dies weitgehen leisten. Zumindest in einem hochtechnisiertem Land wie Deutschland. Und es gibt inzwischen auch schon Ansätze, wie diese Mitarbeit honoriert wird. Flattr und ähnliche Dinge sind keine wirkliche Bezahlung. Sie erinnern an den Hut der Straßenmusikant_innen. Aber dieser Hut kann manchmal auch richtig voll werden. Andere Dinge wie Meldesysteme im Internet können auch dazu beitragen, dass das Schreiben honoriert wird. Hier sind ja viele neue Ideen im Umlauf. Die Gewinne von Google zeigen, dass viel Geld im Internet unterwegs ist. Dieses könnte stärker sozialisiert werden.

Was also ist Linkes Denken?

Naja, das was wir jetzt gerade machen, wenn wir darüber nachdenken, was Linkes Denken ist. Oder wie es zu organisieren ist. Ich schlage noch einmal vor, dafür Wikis zu nutzen - jenseits von Wikipedia. sozialeswiki.de

18:02 03.09.2011
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Andreas Kemper

Ich arbeite als Soziologe kritisch zu Klassismus, Organisiertem Antifeminismus und die AfD
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Andreas Kemper

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