Spaß-Bias: Sexismus-Durchmasch in Wikipedia

Wikipedia-Sexismus Mit dem Hinweis "Notwendige Maßnahme an Wikipedia-Autoren" wird ein Gewaltpornobild gepostet. Kritiker_innen dieser Provokation werden gesperrt, der Provokateur nicht
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In der deutschsprachigen Wikipedia machen nur wenige Frauen mit, zwischen 6 und 9 Prozent wird der Anteil eingeschätzt. Bei den Piraten war dies einst genauso. Während aber die Piraten-Partei dazu gelernt hat, gibt es in der deutschsprachigen Wikipedia keine Lernprozesse.

Gender Bias

Immerhin gibt es in der Wikipedia den Artikel Gender Bias. Der wurde schon in der Anfangszeit von Wikipedia eingebaut. Gender Bias heißt "Geschlechterbezogene Verzerrungseffekte". Ganz platt erklärt: Wenn Männer eine Enzyklopädie schreiben, überwiegt die männliche Sichtweise, wenn Frauen eine Enzyklopädie schreiben, überwiegt die weibliche Sichtweise. Die Autorin, die den Artikel angelegt hat, hat längst Wikipedia verlassen und ist nie zurückgekehrt, aufgrund des unerträglich einseitigen und unfairen Verhaltens der männlich dominierten Adminschaft in der männerdominierten Wikipedia. Gelesen hat diesen Artikel in den letzten acht Jahren wahrscheinlich keiner der Admins, die jetzt meinen, als "objektive Dritte" für das Schutzbedürfnis eines ach so wehrlosen Wikipedia-Autoren eintreten zu müssen.

"Notwendige Maßnahme an manche Wikifanten"

Dieser Autor, Y., meldete sich nach einem halben Jahr Pause zurück. Und zwar mit einer deutlichen Kampfbereitschft gegen Wikifanten (ein abwertender Begriff für Wikipedia-Autor_innen), gegen die "Stasi-FeministInnen" in Wikipedia. Mit "Notwendige Maßnahme an manche Wikifanten..." untertitelte er eine sexualisierte Folterszene: Eine halbnackte Frau ist an den Füßen aufgehängt, die Arme am Rücken zusammen gebunden, wird von zwei Maschinen geschlagen. Mit diesem Bild auf seiner Benutzerseite ausgerüstet, begibt er sich sogleich in die Bearbeitung von Artikeln wie "Weibliche Genitalverstümmelung", um den Autorinnen mitzuteilen, wo sie überall "Schrott" geschrieben haben.

Das Bild wird zurückgesetzt, aber der Autor legt gleich nach. Diesmal postet er ein Bild mit Stasigefängnis-Zellen und halluziniert dies als "StudierzimmerInnen für alle, die Gendermüll und Diskriminierungsgesäusel einfach nicht auf die Fahne geschrieben haben."

Es gibt drei Möglichkeiten auf derartige sexistische Provokationen zu reagieren: 1. Ignorieren, 2. Lächerlich machen, 3. Sanktionieren.

Ignorieren scheidet als Maßnahme in einem Projekt aus, wo es darum geht, den Frauenanteil zumindest auf ein Viertel anzuheben, also zu verdreifachen. Lächerlich machen wäre wahrscheinlich genau richtig - hier ist das Problem der Spaß-Bias, also eine Schräglage in dem, was als lustig empfunden wird.

Spaß-Bias: Lustig. Gar nicht lustig.

Ich hatte es mit einer lustigen Erwiderung versucht.

Als der Provokateur sich von mir "gemobbt" fühlte, weil ich ihm "Gewaltpornophantasien unterstelle", antwortete ich, er solle diese nicht verdrängen, weil eine Verdrängung eine therapeutische Aufarbeitung erschwere.

Lustig.

Das sahen allerdings die Admins überhaupt nicht so. Mit aller gebotenen Ernsthaftigkeit machten sich sofort ein Dutzend Admins an meine Sperre. Es sei schon ein "Dolles Ding", dass ich dem armen Provokateur eine "Gewaltpornophantasie" unterstelle. Was aber überhaupt nicht ginge, sei die Psychodiagnostik, ihm Geisteskrankheiten zu diagnostizieren. Es wurde der Psychrembel herbeizitiert, um meine Sperre zu untermauern. Das Schutzbedürfnis des Autoren, ja die künstlerische Freiheit seien aufs Ärgste gefährdet.

Drei Tage Sperre.

Wer austeilt muss auch ... geschützt werden

Der sperrende Admin erwartet, dass meine Mitarbeit künftig nur noch in "neutraler Form" erfolge. Sollte ich dagegen verstoßen, sei ich aus dem Wikipedia-Projekt zu entfernen. Da versteht man kein Spaß. Also meinen Kommentar zur "Notwendigen Maßnahme der sexualisierten Folter": "Mach mal ne Therapie", fanden die Admins so gar nicht lustig.

Blieben noch die frühzeitigen, deutlichen und bei Bedarf eskalierenden Sanktionen gegenüber dem Provokateur. Die haben nicht stattgefunden. Die Posting wurden nicht als sanktionwürdig empfunden. Wikipedia ist schließlich keine Spaßbremse.

Mit den drei Tagen Sperre bin ich noch gut weg gekommen. Eine Wikipedia-Autorin, die im Zusammenhang mit dem Posting des sexistischen Provokateurs von "Aufforderung zur Vergewaltigung" sprach, also das Posting ernst genommen hat, wurde für fünf Tage gesperrt.

Es ist nicht lange her, da forderte ein Admin, jede Benennung von Rassismus, Sexismus und so weiter in Wikipedia mit empfindlichen Sperren zu ahnden, also die Kritik an Sexismus, Rassismus, etc. Solche bösen Wörter sollten nicht mehr benutzt werden. Dies scheint momentan umgesetzt zu werden. Und dies scheint auch zu erklären, warum das Schutzbedürfnis des Provokateurs so hoch hängt. Er macht nämlich gerade Therapie: bei Wikipedia. Wikipedia ist ein Irrenhaus und die Oberirren sind die Admins. Das Ganze hat nur einen Haken: Ich bin noch auf kein_e Therapeut_innen gestoßen und das Therapiekonzept erschließt sich mir auch nicht.

Richtigstellung:

Wikipedia ist kein Irrenhaus und die Admins sind nicht die Oberirren. Es tut mir leid, wenn ich hier Fehlinformationen verbreitet haben sollte. Tatsächlich ist Wikipedia eine Online-Enzyklopädie und die Admins sind gewählt. Und Y. macht auch keine Therapie in Wikipedia. Er arbeitet dort mit - auf seine Weise.

Wikipedia ist ein politisch hart umkämpftes Feld. Es geht um Deutungshoheiten. Denn schließlich ziehen Millionen von Menschen ihr Wissen oftmals an erster Stelle aus dieser Quelle. Um so problematischer ist der Gender Bias, also der geschlechterbezogene Verzerrungseffekt, der vor allem daraus resultiert, dass in Wikipedia nur 6 bis 9 Prozent Frauen mitschreiben und nur wenige Feministinnen die Provokationen und die Verständnislosigkeit der Admins lange Zeit mitmachen.

Weitere Infos auf meinem Blog andreaskemper.wordpress.com

12:10 29.05.2013
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Andreas Kemper

Ich arbeite als Soziologe kritisch zu Klassismus, Organisiertem Antifeminismus und die AfD
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Andreas Kemper

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