Andreas Kemper
09.02.2013 | 10:06 10

Standesdünkel führt zu Twitter-Gewitter

#dieSPDwars Schavan sei das Opfer der Bildungsaufstiege von Arbeiterkindern in den 1970ern. Tilman Krause, der leitende Literaturredakteur der WELT, wird zum Gespött bei Twitter.

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied Andreas Kemper

Standesdünkel führt zu Twitter-Gewitter

Foto: clasesdeperiodismo / Flickr (CC)

Seit einem Jahrzehnt belehrt uns Tilmann Krause, dass man von Leuten aus proletarischen Elternhäusern nichts zu erwarten hat. Vor knapp einem Jahr teilte er uns mit, für den Antisemitismus von Günther Grass sei dessen proletarische Herkunft verantwortlich gewesen, jetzt seien die "einfachen Verhältnisse", aus denen die Bildungsministerin stamme, Ursache für die Aberkennung ihres Doktorgrades.

Abiturwahn, Bildungswahn

Der Bildungswahn der SPD in den 1970ern, der zuließ, dass jeder studieren könne, sei hier verantwortlich. Tilman Krause ist kein Einzeltäter. In der FAZ vom Oktober 2012 wurde sich über den Abiturwahn mokiert und auch in der Wirtschaftswoche (Die Inflation des Abiturs) befürchtet man eine Absenkung des Bildungsniveaus, wenn Hinz und Kunz ein Studium beginnen.

Stolzer Abkömmling von Hofdienern

Nun reagierte die Twitter-Community. Mit dem Hahstag #die SPDwars wird Krauses Beitrag verhöhnt. Zielte Krause aber wirklich gegen die SPD? Oder ging es ihm nicht vielmehr um eine als SPD-Politik wahrgenommene Erhöhung der Chancengleichheit, die ihm gegen den Strich geht? Es hätte ein Hashtag #Bildungswahn geben müssen, wo Arbeiterkinder von ihren Erfahrungen erzählen.

Ich habe mir die Nacht um die Ohren geschlagen und bin fündig geworden. Seit über zehn Jahren hören wir von diesem stolzen Abkömmling von Hofdienern immer das gleiche Bashing gegen Menschen aus Elternhäusern, in denen es keine Bücher gab: Wer ist dieser Tilman Krause?

Es gibt bereits erste Ansätze der politischen Selbstorganisierung von studierenden/studierten Arbeiterkindern. Das Fikus-Referat an der Uni Münster, das Magazin The Dishwasher, die E-Mail-Liste der Working Class/Poverty Class Academics. Möge diese Bewegung gegen Klassismus und Standesdünkel in der Bildungspolitik wachsen und gedeihen. Nötig ist es.

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare (10)

Lapis 09.02.2013 | 22:45

Die Pointe dabei wurde sehr schön vom Bildblog aufbereitet:

>> ... Die Uni Düsseldorf ist für Krause also quasi der betongewordene "sozialdemokratischen Traum von der Hochschulreife für alle".

Und tatsächlich hatte die Landesregierung NRW 1965 die Umwandlung der bisherigen Medizinischen Akademie in eine "Universität Düsseldorf" beschlossen.

Der "Spiegel" schrieb damals:

Nordrhein-Westfalen, den anderen Bundesländern bislang nur in den Einnahmen und Einwohnern weit voraus, entwickelt sich nun zum hochschulreichsten Land der Bundesrepublik. Treibende Kraft ist Kultusminister Professor Paul Mikat, Geburtshelfer von fünf Universitäten (Bochum, Dortmund, Ostwestfalen, Aachen, Düsseldorf).

Paul Mikat war Mitglied der CDU. So, wie überhaupt die ganze Landesregierung unter Ministerpräsident Franz Meyers (CDU) damals aus CDU und FDP bestand.<<

Magda 10.02.2013 | 12:51

Ich habe das auch gelesen und mich über Tilman Krause nicht gewundert.

Er is einer aus dem Großbürgertum. Seine hymnische Reaktion auf Uwe Tellkamps Roman "Der Turm" hat mich schon sehr empört. Dabei noch die gleichzeitige gehässige Abqualifizierung jener Schriftsteller, die sich nicht so antikommunistisch gerierten, wie gewünscht.

In der "Welt" hat er losgelegt:

Der Mann, der sich an Liebesmahlen und Gelagen nicht beteiligt, hat mit dem "Turm", der jetzt den Deutschen Buchpreis zugesprochen bekam, wahrscheinlich den Roman des Jahrzehnts geschrieben. Den ultimativen Roman über die DDR, diese lächerliche sowjetische Satrapie auf deutschem Boden. Und zwar aus der Sicht derer, die nicht eine Sekunde daran zweifelten, dass sie dagegen waren. Das allein ist schon, nach all dem Wischiwaschi der Christa Wolfs, Volker Brauns, Christoph Heins und tutti quanti, eine nahezu erlösende Tat. So klar antikommunistisch, so voller schneidender Verachtung für das Proleten- und Kleinbürgertum, das 40 Jahre lang im Ostteil dieses Landes sein Gift verspritzen durfte, hat noch keiner, der aus diesen Breiten kommt, den Stab gebrochen."

fahrwax 10.02.2013 | 13:52

Wie (fast) immer ist die Wirklichkeit noch schlimmer.

Statt sich um Bildung oder Doktorarbeit zu kümmern, hat sich Frau Schawan seit ihrem zwanzigsten Lebensjahr vorwiegend mit der Parteikarriere beschäftigt.

Das diese Vorgehensweise der Bildung kaum eine Chance lässt erzeugt das Bild ihrer Kaste. Wenn ihre Mitkrähen gerade den Rücktritt zum "cum laude" verklären, entspringt das dem Wunsch zum Klassenerhalt.

agathon 10.02.2013 | 15:43

Es liegt an Personen wie Tilman Krause mit ihrem elitären Gehabe, die in diesem Land systematisch Chancengleichheit verhindern. Leider erlebe ich das um mich herum nicht selten, dass Menschen aus Arbeiterfamilien- und vor allem aus Migrantenfamilien trotz hervorragender Leistungen keinerlei Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben. Auf diesem Skandal wird seit Jahren regelmäßig hingewiesen, aber getan hat sich nichts. Offenbar spricht Tilman Krause sehr vielen aus der Seele...