Diagnose ADHS: Ich will so bleiben, wie ich bin

Psychologie Von der Stigmatisierung zur Medikamentierung: Unser Autor lehnt beides ab. Er fordert Inklusion ohne Gleichmacherei
Ausgabe 10/2023
Abgestempelt und gleich verschrieben: ADHS bei Erwachsenen
Abgestempelt und gleich verschrieben: ADHS bei Erwachsenen

Illustration: Nick Öhlo

Mein Kopf ist ein multipler stream of consciousness. Meine Aufmerksamkeit fokussiert bisweilen verschiedene mentale Inhalte in Hochgeschwindigkeit. Das kann nicht sein? Doch, kann es. Es führt allerdings im globalen Vergleich dazu, dass ich relativ wenige Menschen treffe, denen es ähnlich geht. Obwohl die laut Gesundheitssystem und Pharmaindustrie immer mehr werden, kann es schnell einsam um einen werden. Doch dem kann ja Abhilfe geschaffen werden. Wirklich? Benennen wir doch einfach das Problem und schauen dann, wie wir es lösen können.

Klar, manchmal haben sich die eruptiven Impulse schon reichlich seltsam angefühlt, vor allem, wenn sie andere und mich selbst verletzten. Und wenn schon das erste Schuljahr eine Geisterbahnfahrt der Überforderung ist, da man lieber dem Windspiel in den Wipfeln der Bäume mit den Augen folgte als der Lehrerin an der Tafel, dann zeigen sich schnell erste Stigmatisierungstendenzen. Dennoch bin ich froh, dass es die Diagnose ADHS in den 1970ern noch nicht gab. Sonst wäre heute vielleicht jeder Zweite in Deutschland angeblich davon betroffen. Aber dann wurde die Diagnose ADHS Adult gefunden bzw. erfunden.

Ich wollte es wissen

Meine Diagnose habe ich mir erst 2017 geholt. Das war ein harter Kampf. Ich wollte es wissen. Eine langjährige Anmelde- und Wartezeit ging der „Zulassung“ zum diagnostischen Feld voraus. Das Ergebnis meiner Bemühungen war eindeutig. Mir wurde empfohlen, meine Kindheit und Jugend auf der Folie der Diagnose zu reframen, um mehr Frieden mit meinen Unzulänglichkeiten zu finden und mehr Augenmerk auf die durch die „Störung“ freigesetzten Stärken legen zu können. Zuckerbrot und Peitsche der Bewertung blieben so erhalten.

Plötzlich war ich ein erwachsen gewordenes ADHS-Kind. Neben der Stigmatisierung enthielt die Diagnose den fragwürdigen Nimbus urkundlich gewordener und spät erworbener Besonderheit. Und den Vorschlag einer Medikamentierung, um „das Problem“ offensiv anzugehen. Medikinet Adult heißt das Zauberwort, Ritalin klingt inzwischen so hässlich. Damit Mensch in Polizeikontrollen nicht der Mitführung von Partydrogen bezichtigt wird, gibt es einen „Pass“ für die erwachsenen „User:innen“ über die Krankenkassen. Ich begriff: Zur Funktionsertüchtigung reichen Eltern ihren Kindern also eine Optimierungsdroge zum morgendlichen Kinderkakao. Unter normalen Bedingungen wäre diese als hochproblematisch und bei grundloser Einnahme entsprechend negativ sanktioniert.

Eine unappetitliche Wahrheit

Ich entschied, den ganzen Zinnober nicht mitzumachen. Im Grunde fühlte ich mich ja okay so, wie ich war. Bei tieferer Beschäftigung begegnete mir indes eine unappetitliche Wahrheit, ein Nebeneffekt des Diagnosewahns auch im Hinblick auf andere psychische „Störungsbilder“: die zunehmende Selbstidentifikation mit dem diagnostizierten Krankheitsbild, die die Leute in eine apriorische Entschuldigungsrede für ihre „Unzulänglichkeiten“ treibt. Die Folge: Ein Nebengleis der Identitätspolitik tut sich auf. So wie andere „Rücken haben“, hat man heutzutage Borderline, Bi-Polarität oder eben ADHS-Adult – und will darum nachdrücklich unter diesem Blickwinkel betrachtet werden.

Ich nicht.

Bei allem Gutheißen inklusiver Beschäftigungspolitik: Ich will keine Stelle, die ich durch Erlangung eines Behindertenausweises bekomme, für die ein ansonsten angeblich Gesunder – was auch immer das sein soll – bei einem ähnlichen Portfolio aber ebenso geeignet wäre. Ich will die Stelle, weil man von mir und meinen Fähigkeiten überzeugt ist. Denn ich schreibe gerne an drei Texten gleichzeitig, weine am Morgen zu den Nachrichten, später zu Billie Eilishs „I love you“ und lache kurz darauf beim Anblick der Schönheit der Welt. So war ich immer, so will ich sein. Ganz ohne Medikamente oder Gesetze, die weniger zur Inklusion beitragen, als uns lieb sein kann.

Andreas Richartz ist freier Autor und Kulturkritiker. Er lebt in Brühl (NRW)

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