Beleidigt im Weihrauch

Eine Polemik Das Prestige des Qualitätsjournalismus ist im Keller. Auf Phönix misslang eine Aufarbeitung.
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Das Jahr 2014 ist kein gutes für deutsche Journalisten. Ihnen bläst ein eisiger Wind entgegen. Doch diesmal nicht - wie in Jahrhunderten zuvor, von den Regierungen, denen sie zu kräftig in die Suppe spuckten - nein diesmal sind es die Bürger, ihr Publikum, das in Leserbriefen und diversen sozialen Netzwerken - mal mehr, mal weniger fundiert - seinen Unmut zum Ausdruck bringt. Dieser Unmut richtet sich besonders gegen die Berichterstattung über den Konflikt in der Ukraine, sowohl im öffentlich-rechtlichen Rundfunk, als auch in den überregionalen Printmedien.

Da kam wohl der Jury des Hanns-Joachim-Friedrichs-Preises - ihr gehört das Who is Who des deutschen Fernsehjournalismus von Gaby Bauer über Thomas Roth bis Anne Will an - die scheinbar rettende Idee, der Moskau-Korrespondentin der ARD Golineh Atai diesen Preis im Jahre 2014 zu verleihen.

Als Sahnehäubchen obendrauf gab es für die Geehrte am Montagmorgen, dem 27.10.2014, zwischen Null Uhr und Ein Uhr eine Diskussionsrunde auf Phönix.

Eine Talkshow wie immer

Schon die Auswahl der Gäste folgte dem gängigen Muster jeder beliebigen öffentlich-rechtlichen Polittalkshow. Da waren auf der einen Seite die Guten - in diesem Fall die Journalisten Sonia Mikich (Chefredakteurin WDR), Peter Frey (ZDF-Chefredakteur), Christian Neef (Der Spiegel), sowie die Geehrte - und auf der anderen Seite deren Kritiker.

Diesen Part durften diesmal der Vertreter der "Vereinigung der bayerischen Wirtschaft" im BR-Rundfunkrat und Vorsitzender des ARD-Programmbeirats Paul Siebertz, sowie der Heidelberger Politikwissenschaftler Simon Weiß, der die Medien Russlands und Deutschlands wissenschaftlich beobachtete, übernehmen.

Dementsprechend war auch die Redezeit verteilt. Unendlich schien die Zeit, in der die Damen und Herren Journalisten sich selbst beweihräucherten, wie gut und ausgewogen sie berichtet haben - insbesondere unter dem Druck unter dem sie standen - garniert mit ein paar selbstkritischen Tönen, dass man einiges gewiss im Nachhinein hätte besser machen können.

In einem Punkt muss man ihnen Recht geben, Äußerungen in der Tonalität wie: "Der Lüge Lohn sei der Tod" übersteigen das, was man Kritik nennen darf!

Die Kritik des Rundfunkrates

Herrn Siebertz wurde zu Beginn etwas mehr Redezeit eingeräumt, um die wichtigsten Punkte der Kritik des ARD-Programmbeirats vorzutragen.

Zur Erinnerung: Dieses im Geheimen tagende Gremium, in der jeweils ein Vertreter aller ARD-Rundfunkräte sitzt, hatte auf Grund vieler Zuschauerproteste sich mit der Ukraineberichterstattung beschäftigt und in seiner Junisitzung diese als "fragmentarisch, tendenziös, mangelhaft und einseitig" - und dies einstimmig - kritisiert.

Unter anderem wurde die personalisierende Berichterstattung, bei der oft nicht mehr von Russland die Rede ist, sondern nur noch von Putin, gerügt.

Herr Siebertz zitierte: "Sind es machohafte Allmachtphantasien?

Putin kann vor Stolz kaum noch laufen. ...

Wie kann man sich gegen den Würgegriff Putins wehren?

Mit Manipulation kennt sich der Kreml aus." und so weiter.

Diese Formulierungen erwecken teilweise den Eindruck, sie seien tendenziell gegen Russland gerichtet.

Diese Rüge jedoch war Frau Mikich nur zwei Sätze wert. Sie konterte, sie könne auch viele Sätze zitieren, die klug waren. Nur hätte sie leider keinen Zettel bei sich.

So billig kann man sich aus der Verantwortung stehlen?

Der Spiegel in "Stürmer"-Pose

Dass in dieser Runde mit Herrn Neef auch der Spiegel vertreten war, gibt Anlass, sich mit dem Russlandbild von Spiegel-Online auseinanderzusetzen.

Obwohl alle seriösen Untersuchungskommissionen, die den Abschuss der MH-17 am 17.07.2014 untersuchen, sich bis heute mit der Bewertung der Schuldfrage zurückhalten, wusste ein Herr Jan Fleischauer am 22.07.2014 schon genau, wer schuldig ist - nämlich Putin.

Als Aufhänger für seinen Artikel "Russlands Realitätsverlust" wählte Herr Fleischauer eine der perfidesten, abstoßendsten, brutal menschenverachtendsten Manipulationen der Mediengeschichte!

Man erinnert sich noch an das Foto, auf dem im Trümmerfeld der MH-17 ein Ukrainer ein Stofftier hochhält, so als triumphiere er. Sieht man das Video - aus dem das Bild geschnitten wurde -, sieht man einen im Angesicht des Grauens fassungslosen Mann, der tatsächlich das Stofftier aufhebt, es gen Himmel hält, um es dann sanft zu Boden zu legen. Dann bekreuzigt er sich.

Diese abscheuliche Manipulation konnte ein Herr Fleischauer nicht ungenutzt lassen. So prescht er in "Stürmer"-Pose voran: "In Putins Welt sind die betrunkenen Gorillas, die sich zwischen Kinderleichen so aufführen, als seien sie auf einer Kirmes, ukrainische Freiheitskämpfer, die sich dem Marionettenregime in Kiew unter Einsatz ihres Lebens entgegenstellen."

Und weiter fabuliert Herr Fleischhauer:" Wie man aus dem Handbuch der Psychiatrie weiß, ist es für Außenstehende aussichtslos, einen Betroffenen mit logischen Argumenten von seinen wahnhaften Überzeugungen abzubringen. Gegenbeweise werden entweder ignoriert oder in den Wahn eingefügt. Das lässt sich auf die Rationalität von Sanktionen übertragen. Wenn sich der Realitätsbezug verschoben hat, verlieren ökonomische Kategorien ebenfalls ihre Bedeutung."

Um dann gleich alle Russen verbal zu erledigen: "Dem in seinem Wahn verstrickten Menschen verordnet der Arzt Medikamente, um ihm in die Wirklichkeit zurückzuhelfen. Aber wie befreit man einen Staat von seinen Zwangsideen?"

Folgt man der Logik von Frau Mikich, ist dies alles ok, denn auf Spiegel-Online standen auch schon gute Geschichten.

Wenn man weiß, dass Wladimir Putin während der deutschen Blockade Leningrads seinen Bruder verloren hat und von ihm kein böses Wort über uns Deutsche bekannt ist, machen solche Hasstiraden von Herrn Fleischhauer und seinen Kollegen Qualitätsjournalisten fassungslos, traurig und zornig.

Von selektiver Recherche ...

Angesichts der oben beschriebenen Manipulation mit dem Foto müssten gute Journalisten - ich meine Journalisten die unsere Rundfunkgebühren wert sind - sofort heiß laufen und recherchieren. Wer ist für die Manipulation verantwortlich? War es die gleiche PR-Agentur, die die Mär von den babytötenden irakischen Soldaten in Kuwait in die Welt gesetzt hat, oder war es eine andere? Und für welchen Auftraggeber? Aber da Putin als Auftraggeber hier ausscheidet, ist das offensichtlich weder für die ARD noch das ZDF ein Thema.

Denn manipulieren, das macht ja nur einer, der böse Putin.

... über Verschwörungstheorien ...

Und so mutieren die ach so aufgeklärten deutschen Qualitätsjournalisten selbst zu Verschwörungstheoretikern, indem sie hinter der massiven Kritik der Bürger dunkle Kräfte wähnen.

So wundert sich Frau Atai, dass während sie aus Kiew in den Abendnachrichten die Sicht der ukrainischen Regierung darstellt, die Aktivitäten ihrer Kritiker zunehmen .

Vielleicht kann mal jemand der Frau Qualitätsjournalistin erklären, dass sie nicht auf Kosten der Gebührenzahler nach Kiew reist, um als Pressesprecherin der dortigen Regierung zu agieren.

Aber man kann Frau Atai auch beruhigen. Die Abendnachrichten haben in der Regel die meisten Zuschauer, und dies könnte in einem kausalen Zusammenhang zu den festgestellten vermehrten Zuschauerreaktionen stehen.

... zur Publikumsbeleidigung

Es ist aus meiner Sicht nicht wirklich zielführend, weiter auf die ausschweifende, sich selbst bemitleidende Selbstbeweihräucherung der anwesenden Damen und Herren Journalisten einzugehen - auch wenn noch einiges richtig zu stellen wäre - wäre da nicht noch die Beleidigung der Bürgerinnen und Bürger durch Frau Mikich.

Ab zirka Minute 50 sagt sie sinngemäß: " ... Wir brauchen unsere Journalisten, weil sie etwas können, was weder unsere Kritiker, noch die sozialen Medien können, sie (die Journalisten d.A.) können einordnen, einordnen und sie können Kontext geben ..."

Hält Frau Mikich uns Bürger für zu dumm, um Ereignisse in einen historischen, politischen und ökonomischen Kontext stellen zu können? Doch Frau Mikich, wir können einordnen und Kontext geben. Gerade das können wir.

Wir können nicht an den Brennpunkten des Weltgeschehen sein, uns fehlen meist Mittel, Wege und Zeit, um uns relevante Informationen zu beschaffen - dafür bezahlen wir ja die Journalisten - aber denken, das können wir Bürger! Wir konnten es in der DDR, und wir haben es immer noch nicht verlernt!

Viele wissen und noch mehr ahnen, dieser außenpolitische Konflikt betrifft uns mehr als jeder andere in den letzten 25 Jahren. Und viele haben Angst vor einem neuen kalten Krieg, der auch sehr schnell sehr heiß werden kann. Und da verwundert es schon, dass ausgerechnet die Journalisten, die für sich in Anspruch nehmen, einordnen und Kontext geben zu können, dass ausgerechnet die sich über die Emotionalität der Debatte wundern.

Es war, glaube ich, ein hoher ukrainischer Militär, der den Konflikt in einem Satz zusammenfasste: "Die Russen und die Amerikaner kämpfen bis zum letzten Ukrainer.", und in diesem einen Satz mehr sagte, als die versammelten Qualitätsjournalisten in der ganzen Stunde.

Brzezinskis Schachbrett oder Amerikas Visionen

Es ist davon auszugehen, dass der ehemalige Sicherheitsberater Jimmy Carters und graue Eminenz der amerikanischen Außenpolitik, Zbigniew Brzezinski, großen beratenden Einfluss auf Barack Obama hat.

Brzezinski legte 1997 sein Buch "Die einzige Weltmacht - Amerikas Strategie der Vorherschaft" vor. (Die folgenden Zitate aus Hauke Ritz; Die Welt als Schachbrett)

Lauschen wir hinein: "Dieses riesige, merkwürdig geformte eurasische Schachbrett - das sich von Lissabon bis Wladiwostok erstreckt - ist der Schauplatz des global play.“ "[…] wobei eine Dominanz auf dem gesamten eurasischen Kontinent noch heute die Voraussetzung für globale Vormachtstellung ist. ... Eine Macht, die Eurasien beherrscht, würde über zwei der drei höchst entwickelten und wirtschaftlich produktivsten Regionen der Welt gebieten. ..."

Brzezinski kommt deshalb zu dem Schluss, dass das erste Ziel amerikanischer Außenpolitik darin bestehen muss, "dass kein Staat oder keine Gruppe von Staaten die Fähigkeit erlangt, die Vereinigten Staaten aus Eurasien zu vertreiben oder auch nur deren Schiedsrichterrolle entscheidend zu beeinträchtigen."

Für den Geschichtsphilosophen Dr. Hauke Ritz, der sich intensiv mit den Schriften Brzezinskis beschäftigte, ist klar, dass sich die USA weiter auf dem asiatischen Kontinent ausbreiten werden. Und Europa ist ein Sprungbrett.

Im Jahre 2008 schrieb er "Da jede Osterweiterung Europas unter den gegebenen Umständen zugleich auch den amerikanischen Einfluss ausdehnt, sollen durch eine Kombination aus EU-Osterweiterung und Expansion der NATO viele der ehemaligen Sowjetrepubliken – wie zum Beispiel Georgien, Aserbaidschan und Usbekistan – in die westliche Einflusszone integriert werden.

Maßgeblich für diese Integration ist, dass sich ein Land für ausländisches Kapital öffnet und an das westliche Rechtsverständnis anpasst. Geschieht dies, dann ist es westlichen Konzernen möglich, sich die Rohstoffvorkommen zu sichern und über die Medien Einfluss auf die Öffentlichkeit eines Landes zu gewinnen."

Russland ist für Brzezinski "Ein schwarzes Loch", dass man auch in drei oder vier Teile zerschlagen kann, "bestehend aus einem europäischen Russland, einer sibirischen Republik und einer fernöstlichen Republik."

Die Ukraine ist in Brzezinskis Schachbrett der "Kopf Russlands", ohne den es nicht zu Europa gehören kann. Darum strebt er auch die NATO-Mitgliedschaft der Ukraine an.

Im Übrigen bezeichnete Brzezinski Bemühungen Russlands, seinen Einfluss in der Ukraine zu wahren - und haben wir das in den letzten Monaten nicht oft gehört - als "Russlands Imperialismus".

Und die Position Russlands?

Lauschen wir Wladimir Putin auf der Münchener Sicherheitskonferenz 2007: "In wie freundlichen Farben auch immer man [eine solche unipolare Welt] ausmalen mag, letztlich beziehe sich der Terminus auf eine bestimmte Situation, in der es ein Zentrum der Staatsgewalt, ein Machtzentrum und ein Entscheidungszentrum gibt. Das ist eine Welt, in der es einen Herrn gibt, einen Souverän.“

Was gegenwärtig in der Welt geschieht, ist eine Folge der Versuche, genau dieses Konzept, das Konzept einer unipolaren Welt, in die internationalen Beziehungen zu tragen. (…)

Gegenwärtig erleben wir eine fast unbeschränkte, übermäßige Anwendung von Gewalt – militärischer Gewalt – in den internationalen Beziehungen, einer Gewalt, die die Welt in einen Abgrund permanenter Konflikte stürzt. Im Ergebnis haben wir nicht genügend Kraft, auch nur einen dieser Konflikte wirklich umfassend zu lösen. Politische Lösungen zu finden, wird gleichfalls unmöglich. (…)

Ein Staat – und dabei spreche ich natürlich zunächst und vor allem von den Vereinigten Staaten – hat seine nationalen Grenzen in jeder Hinsicht überschritten."

"Die Russen und die Amerikaner kämpfen bis zum letzten Ukrainer.", der dies gesagt hat, hat den Ukrainekonflikt in den richtigen geopolitischen Kontext gestellt. Und es war kein Journalist dieser Runde!

Der Währungsfond der BRICS-Staaten

Hier muss Raum sein, um kurz den ökonomischen "Kontext zu geben". Seit einiger Zeit schon planen die sogenannten BRICS-Staaten einen eigenen Währungsfond - parallel zum von den USA dominierten IWF - zu gründen. In diesem Jahr erreichten die Planungen Vertragsreife.

Dies sehen die USA als Angriff auf ihren ökonomischen Unilateralismus, würde dies doch ihr Erpressungspotential - siehe den technischen Staatsbankrott Argentiniens dieses Jahr - schmählern. Auch befürchten die USA, dass sich aus diesem Fond - auch wenn er noch mit Dollar gefüllt wird - eine zweite Weltwährung entwickeln könnte. Dies würde höchstwahrscheinlich in den USA eine schwere Finanzkriese verursachen.

Von Freiheitskämpfern ...

Frau Atai sagte zu Beginn der Sendung, sie sympathisiere mit Freiheitskämpfern. Das ehrt sie, aber macht sie das klug?

Frau Atai ist gebürtige Iranerin. Sie muss die Geschichte ihres Geburtslandes kennen, wo 1953 der demokratisch gewählte Premierminister Mossadegh durch vom CIA gekaufte Soldaten und Straßengesindel gestürzt wurde.

Anders als die dunklen Kräfte hinter der Kritik an der Ukraineberichterstattung, ist dies ist keine Verschwörungstheorie, nein man kann es schwarz auf weiß nachlesen - unter anderem bei Tim Weiner, der sich durch die Akten des CIA gearbeitet hat.

Die Folgen des CIA-Putsches sind bekannt, die brutale Unterdrückung der Opposition durch Schah Mohammad Reza Pahlavi, abgelöst durch die brutale Islamische Revolution durch Ayatollah Ruhollah Chomeini.

Mit dieser Geschichte im Hinterkopf, hätten doch spätestens nach dem geleakten Telefonat mit Victoria Nuland - als bekannt wurde, dass die USA seit der Unabhängigkeit der Ukraine im Jahr 1991 mehr als fünf Milliarden Dollar zugunsten demokratischer Institutionen aufgewendet hatten, um damit Einfluss auf die Öffentlichkeit zu nehmen - alle Alarmglocken schrillen müssen.

Diese Mittel dienen dem Aufbau demokratischer Fertigkeiten und Institutionen, der Förderung bürgerlicher Mitsprache und Good Governance. Klingt harmlos.

Ist es aber nicht. Denn Ziel der amerikanischen Einflussname ist es, dass sich die Ukraine für westliches Kapital öffnet und an das westliche Rechtsverständnis anpasst. Gelingt dies, dann ist es amerikanischen und europäischen Konzernen möglich, sich unter anderem die Rohstoffvorkommen der Ukraine zu sichern.

... und ihren Stiftungen

Wir wissen, dass ein Herr Klitschko und seine Partei von der Konrad-Adenauer-Stiftung (CDU) finanziell unterstützt wurden.

Doch wer von der Maidanbewegung wurde z.B.

vom "National Endowment for Democracy",

dem "National Democratic Institute for International Affairs"

oder der "Open Society Foundation" finanziell unterstützt?

Hinter der "Open Society Foundation" steht im übrigen George Soros, der den Wahlkampf von Barack Obama mitfinanzierte, und dessen Stiftung den neofaschistischen "Rechten Sektor" unterstützt. Dies kann man doch recherchieren.

Doch warum stößt dies in deutschen "Qualitätsmedien" auf so wenig Interesse, während sich alle journalistischen Fäuste gen Moskau ballen?

Die USA und Europa ...

Immerhin wissen wir aus dem Telefonat von Frau Victoria "fuck the EU" Nuland, der Mann Amerikas in der Ukraine heißt Jazenjuk. Der Mann Amerikas wurde Ministerpräsident der Übergangsregierung. Und der Mann Amerikas, Jazenjuk, ist es, der heute mit am lautesten nach Krieg und Mauer brüllt. Die Hauptlasten dieses Krieges tragen ja die EU und Russland. Für die USA sind die Kosten gering.

Das heißt, es gibt noch eine andere Konfliktlinie in diesem global play, die zwischen Europa und den USA.

Gorbatschow und Mitterrand haben einmal von einem gemeinsamen Haus Europa gesprochen während Brzezinski für die USA mindestens eine Schiedsrichterrolle in Eurasien reklamiert.

Das gemeinsame Haus Europa steht auf einem sehr brüchigen Fundament. Brüchig, weil die USA eine unilaterale Führungsrolle für sich beansprucht und Russland nicht mehr bereit ist, sich dieser unterzuordnen, eine multipolare Welt mit etwas mehrgleichberechtigter ökonomischer Zusammenarbeit fördert und kein feindliches Militärbündnis vor seiner Haustür duldet.

Jetzt muss Europa sich also entscheiden. Baut es gemeinsam mit Russland an einem stabilen Haus, oder unterstützt es die globale Vormachtstellung Amerikas. Diese Entscheidung ist eine strategische, bei der es keine Rolle spielt, ob uns die Nase der jeweiligen Präsidenten gerade passt.

Dies ist der Kontext, von dem Frau Mikich meint, nur Journalisten könnten ihn geben.

... und das Schweigen der Medien

Leider werden in den meisten Medien fast nur Nebelkerzen einer skandalisierenden Personalisierung gezündet. Und in diese Personalisierungsfalle tappen auch so manche Kritiker. Wird auf der einen Seite Putin als die Personalisierung des Bösen gezeichnet, wird er auf der anderen Seite als Ritter ohne Fehl und Tadel gespiegelt. Nun ist es aber schäbig von den selbsternannten Qualitätsjournalisten, ihre eigenen Fehler den Kritikern vorzuwerfen.

Aber vielleicht ist das genau so gewollt?

Denn würde man die Bürger fragen, wollt ihr gemeinsam in einem friedlichen Haus Europa wohnen, oder wollt ihr in einer brüchigen Welt in der die USA permanent um seine Vorherschaft kämpft überleben, man muss kein Prophet sein um die Antwort zu kennen.

Ein PS., "Die Zeit" betreffend

In einem Gastbeitrag für das November-Programmheft des Deutschlandradios (Leider nicht im Netz) sorgt sich auch der Chefredakteur der Zeit Giovanni di Lorenzo um das Prestige des Qualitätsjournalismus.

Und er sieht die Stunde der Verschwörungstheoretiker gekommen. Di Lorenzo schreibt: "Und so liest und hört man, dass die CIA für Ebola verantwortlich, dass die FED der Ursprung des Bösen, dass die deutsche Regierung und die Massenmedien von den USA gesteuert seien ..."

Dass die CIA für Ebola verantwortlich sei, habe ich noch nicht vernommen, nur die Kritik an Pharmakonzernen, die Forschungskapazitäten für renditebringende Potenz- und andere Mittelchen verschwendeten, anstatt an einem Ebolaimpfstoff zu forschen, da am afrikanischen Markt nicht so hohe Gewinne erzielt werden können. Ist das eine Verschwörungstheorie?

Anders das mit der FED. Diese Meinung hat ein Herr Elsässer - eine sagen wir mal skurrile Figur am Rande - sehr exklusiv.

Und nun wird es bösartig. Dass die deutsche Regierung und die Massenmedien von den USA gesteuert werden, hat so plump auch niemand behauptet. Offensichtlich spielt hier di Lorenzo auf eine wissenschaftliche Studie von Uwe Krüger: "Meinungsmacht" aus dem Jahre 2013 an, in der der Einfluss von Eliten auf Leitmedien und Alphajournalisten untersucht wurde, und die von den Kabarettisten Max Uthoff und Claus von Wagner in der Satiresendung "Die Anstalt" aufgegriffen wurde, um die Verbindung von bekannten Journalisten zu transatlantischen Netzwerken darzustellen.

Zwei der genannten Journalisten - der "Zeit"-Herausgeber Josef Joffe und der "Zeit"-Autor Jochen Bittner - fühlten sich durch die Veröffentlichung anscheinend so ertappt, dass sie meinten, sie müssten dagegen gerichtlich vorgehen. (siehe Realsatiriker Josef Joffe gibt Zugabe).

Und nun legt "Zeit"- Chefredakteur di Lorenzo in übelster Weise nach, indem er die Kabarettisten Max Uthoff und Claus von Wagner sowie den Wissenschaftler Uwe Krüger quasi auf eine Stufe mit einem gewissen Herrn Elsässer stellt.

Dass Herr di Lorenzo sich im Weiteren etwas kritisch mit dem Journalismus auseinanderzusetzen versucht, ist im Angesicht diese Boshaftigkeit so glaubhaft und spannend wie ein Artikel im "Neuen Deutschland" vor 30 Jahren.

00:31 05.11.2014
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Andreas Schulz

Der Autor: Jahrgang 1964. Und Freimuth: Ein wahrer Volkswirt, also ein Wirt fürs Volk!
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Andreas Schulz

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