Freimuth von der Zechenfront 141104

Glosse "Laß doch mal die Luft aus dem Glas!"
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"Aber jerne doch

Jeht dir der Rummel um den 9. November auch so uff die Senkel?

Für mich war ja der 4. November der schönste Tag im Jahr. Politisch mein ick.

Ick hätt nicht gedacht, dass so viele zur Demo auf den Alexanderplatz kommen. Und da war nüscht aggressiv. Entschlossen ja. Manchmal sogar ein bisschen aufgeheitert. Wenn ick an die Transparente denke:

"Oben Krenz - Unten brennts"

"Reformbrot - Statt Stasikantine"

"Zensoren auf die Traktoren"

"Es geht nicht um Bananen - Es geht um die Wurst!"

"Stell dir vor, es ist Sozialismus, und keiner geht weg" und

"Stasi in die Produktion für normalen Durchschnittslohn"

Na ja, dir fall'n auch noch ein paar ein.

"Es ist, als hätte jemand ein Fenster aufgestoßen", hat Stephan Haym am 4. November gesagt.

Als vier Tage später die Mauer geöffnet wurde, hatte ick irgendwie kein gutes Gefühl. Meine Ex wollt ja noch mal los. Wir sind dann doch ins Bett gegangen.

Durch diese offene Tür kam dann der Wind, der das Fenster langsam, ganz langsam wieder zudrückte.

Zuerst kamen Transparente, da stand nicht mehr "Wir sind das Volk", da stand jetzt "Wir sind ein Volk", und die hingen an Bambusstangen. Als ob es in der DDR so viele Bambusstangen gegeben hätte. Und dann kam der Dicke.

Ok, die erste Zeit war geil. Die alte Ordnung war weg, und die neue noch nicht ganz da. Und in Mitte und Prenzelberg eröffneten fast täglich neue Kneipen und Klubs. Die Nächte wurden länger. Und ick war grade noch jung.

Doch dann wurde es immer beschissener.

Dann wurde im Osten ein Betrieb nach dem anderen dichtgemacht. Genau wie in England unter Thatcher, nur schlimmer. Uns haben sie erzählt, die Betriebe wären alle marode. Das war aber nur die halbe Wahrheit. Doch wir haben sie voll geglaubt.

Und für die, die noch Arbeit hatten, hatte der DGB dann sowat wie Sondertarifzonen ausgehandelt - Präkariat Ost!

Son Soziologe - ick globe Wolfgang Engler wars - hat ein Buch jeschrieben: "Die Ostdeutschen als Avantgarde".

Nee ick hab dit nich gelesen. Schon beim Titel is meine Kotzgrenze überschritten.

Wir haben dann Rot-Grün gewählt. Ick hör noch die Sozen im Willy-Brandt-Haus grölen: "Jetzt gehts loos - Jetzt gehts loos". Jing ja och los. Nach 60 Jahren der erste Krieg von deutschem Boden.

Los gings auch mit der Agenda 2010! Mit Hartz IV haben die Sozen dann die deutsche Einheit wiederhergestellt. Deutschland einig Billiglohnland!

Wat sachste, ick seh dit alles zu negativ? Immerhin haben wir jetzt alle die Reisefreiheit?

Wenn ick das Wort Reisefreiheit höre, fällt mir immer Tamara Danz ein:

"Dicht daneben ist auch vorbei,

mein Reisepass macht mich nicht frei: ..."

Weeßte, manchmal treff ick Leute auf der Straße, die waren hier früher öfter mal Gast. Und die sagen mir: "Freimuth, ich würde gerne mal wieder vorbeikommen, aber das Geld reicht vorne und hinten nicht."

Wer nicht die Freiheit hat, abends mal ein gepflegtes Bier zu trinken, der hat auch keine Reisefreiheit!

Das Fenster, von dem Stephan Haym gesprochen hat, ist wieder zu. So zu wie damals. Es scheint sogar fester geschlossen.

Was ick dieses Jahr am 9. November mache? Na genau wie vor 25 Jahren; früh ins Bett gehen.

Wohl bekomms!"

22:46 04.11.2014
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Geschrieben von

Andreas Schulz

Der Autor: Jahrgang 1964. Und Freimuth: Ein wahrer Volkswirt, also ein Wirt fürs Volk!
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Andreas Schulz

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